"Plagiatsjäger"

Weber findet Entscheidung "wissenschaftlich skandalös"

4. November 2011, 14:11

Fordert Veröffentlichung der drei Gutachten, nicht "15 magere Zeilen" - Linzer Wissenschaftstheoretiker Fröhlich sieht "Beleidigung vieler Generationen von Doktoranden"

Wien - Der als "Plagiatsjäger" bekanntgewordene Salzburger Medientheoretiker Stefan Weber stellt die Stellungnahme der Agentur für wissenschaftliche Integrität infrage, wonach die Dissertation von EU-Kommissar Johannes Hahn kein Plagiat ist. "Ich halte sie für wissenschaftlich skandalös", so Weber am Freitag. Es liege lediglich ein "15 magere Zeilen" langes Schreiben vor, aber nicht die drei von ihr in Auftrag gegebenen Gutachten. "Das ist eine Form der Wissenschaftskommunikation, die intransparent ist."

Viel mehr als dass Hahn seinen Doktortitel behalten darf, wurme ihn, dass es noch immer "keine gutachterliche Transparenz gibt, aus der auch eine wissenschaftliche Diskussion entstehen kann". Die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit werde durch eine solche Entscheidung jedenfalls nicht steigen. Außerdem hätte er sich erwartet, dass sein eigenes Gutachten, bei dem er im Auftrag des Grünen-Abgeordneten Peter Pilz die gesamte Arbeit analysiert habe, stärker berücksichtigt werde. "Man ist hier nicht daran interessiert, den Fakten auf den Grund zu gehen." Allerdings, so Weber, könnte sich künftig die deutsche Plagiate-Plattform "Vroniplag" des Falls Hahn annehmen.

Für Weber ist auch die Aussage der Agentur nicht nachvollziehbar, dass nicht überprüfbar gewesen sei, ob Hahns Zitierweise den vor 25 Jahre geltenden Standards entsprochen habe. Er wisse zudem "aus bester Quelle aus der Uni Wien", dass eines der Gutachten kritisch ausgefallen sei. "Was damit passiert ist, weiß ich nicht", so Weber, der allerdings vermutet, dass so lange nach einem Gutachter gesucht wurde, bis ein positives Urteil herausgekommen sei.

"Wissenschaft muss kritisch überprüfbar sein"

Gerhard Fröhlich, Professor am Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie der Uni Linz und gemeinsam mit Weber Mitbegründer der "Initiative Transparente Wissenschaft", will das Urteil ebenfalls erst dann akzeptieren, wenn die Gutachten, auf denen es basiert, öffentlich zugänglich sind. "Wissenschaft muss von anderen kritisch überprüfbar sein, sonst ist sie keine Wissenschaft." Und auch für Fröhlich ist nicht nachvollziehbar, dass zu Hahns Zeiten möglicherweise weniger strenge Regeln für das wissenschaftliche Arbeiten gegolten haben sollen. "Eigentlich ist das eine Beleidigung vieler Generationen von Doktoranden."

Bis er die Gutachten gelesen habe, geht er weiterhin davon aus, dass der Großteil der Dissertation des EU-Kommissars nur aus Textübernahmen besteht. Fröhlich verwies etwa auf einen Spruch des Verwaltungsgerichtshofs in einem Fall, bei dem ebenfalls Zitate an einigen Stellen mit Anführungszeichen gekennzeichnet waren und an anderen nicht. Da man nicht mischen darf, wurde der akademische Titel aberkannt. Es gehe ihm allerdings weniger um den Fall Hahn an sich, betonte er. Sein Ziel sei, dass wissenschaftliche Arbeit in Österreich bei Prävention und Aufklärung von Fehlverhalten endlich transparenter werden und an das internationale Niveau anschließen müsse. (APA)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 64
1 2
regenfeldbau
00
1.12.2011, 06:49
Könnte es sein, dass es in Wahrheit um was anderes geht?

Nämlich dass die hoch angesehenen "Betreuer" vor Strafverfolgung geschützt werden sollen, wenn ihren Betreuten die Titel aberkannt werden?

Top spin
00
15.11.2011, 17:16

es kann schon passieren dass solche ergebnisse zustande kommen, wenn von 2 parteien gleiche nomen mit unterschiedlicher definition gebraucht werden.
die fpö neodefiniert seit jahren wörter wie anstand, freiheit, neonazi, wehrmachtsübung, und lausbubenstreich.

andererseits handelt es sich hier um eine akademische institution die durch politisch motivierte fehlentscheidungen im ausland flecken bekommen kann auf der weissen weste. in punkto kooperation etc.

im grunde wollt ich nur schreiben, dass die fpö nix wert is.

Kronenzeitungsleser
20
7.11.2011, 08:25
...Weber spricht von wissenschaftlichen Standards,

das dürfte sich wohl auf den Inhalt beziehen, nicht ob da oder dort ein Anführungszeichen fehlt.

Die Magna Alma Mater Austriae hat ein fundamentales Problem! Man kenne die Standards von vor 25 Jahren nicht mehr, haha, ein Schelm, wer böses dabei denkt. Stellen Sie sich vor:

1. Ich verfasse zusammen mit einem anderen eine wissenschaftliche Arbeit, er rechnet, ich schreibe, eh klar Arbeitsleiung, jeder macht das, was er besser kann;-)

2. Etwas später reich' ich diese intellektuelle Anstrengung als Doktoarbeit ein. Erwähne dabei, ein anderer hat gerechnet.

3. Diese Arbeit wird von van der Bellen und Loitlsberger als Zweitbegutachter approbiert.

4. Jahre später sind sowohl der Doktorvater als auch der Dissertant bei den Grünen! Moral?

Sie haben Ideologie? Wir dagegen feste Überzeugung!
01
7.11.2011, 08:45

Und? Glauben sie alle anderen Profs sind parteilos, es gibt genug von allen Parteien. (außer FPÖ, die hat keine Intellektuelle). Glauben sie das ist der einzige Fall in dem BetreuerIn und DoktorantIn zufällig gleiche Parteizugehörigkeit haben? Das ändert an wissenschaftliche Qualitätsüberprüfung aber rein gar nichts.

Kronenzeitungsleser
00
7.11.2011, 10:30
...weiß ich, das regt doch überhaupt niemanden

mehr auf in diesem Lande.

Umso schlechter ist es um die Qualifikation der Leute bestellt. Sie finden das ja auch gar nicht schlimm, dass Standards durch politische Kumpanei ersetzt werden können. Warum auch, wenn's doch leicht auch geht?

Sie haben Ideologie? Wir dagegen feste Überzeugung!
10
7.11.2011, 12:13

Wie gesagt, keiner sagt das "Standards durch politische Kumpanei" ersetzt werden. Den Generalverdacht und Misstrauen haben nur Sie. In Zeiten des Proporzes ziehte sich dieser auch durch die österreichische Wissenschaft, und hinter vorgehaltene Hand wusste jeder bald, ob das eine oder andere Institut in seinen Personen und Themen eher Richtung Schwarz oder Rot tendierte. Nur weil jetzt zufällig mal zwei Grüne aufeinander treffen, schreien Sie Betrug? Ohne jeglichen Beweis, einfach weil sie davon ausgehen, dass wenn sich zwei Grüne treffen, diese gleich gemeinsam betrügen???

Kronenzeitungsleser
00
7.11.2011, 13:36
...bitte: von Betrug hat hier niemand gesprochen.

Es geht alleine um das Faktum, dass eine wissenschaftliche Arbeit, die von zweien im Auftrage Dritter angefertigt wurde, zu einem späteren Zeitpunkt als Dissertation von einem der Verfasser eingereicht wurde. Der eine rechnete, der andere schrieb. Die Arbeit wird voll inhaltlich übernommen, wobei der Dissertant im Vorwort darauf hinweist, dass bei der Anfertigung ein zweiter Verfasser mitbeteiligt war.

Soweit ich die Dissertationsanforderungen an deutschen und österreichischen Unis kenne, wäre es undenkbar, im Zuge einer solchen Arbeitsteilung, abgesehen vom Neuigkeitscharakter des Inhalts, zu promovieren.

Von Proporz ist hier überhaupt nicht die Rede. Dass Sie nichts daran finden, ist schlimm!

Sie haben Ideologie? Wir dagegen feste Überzeugung!
10
7.11.2011, 14:01

Ihr Vorwurf das beide grün sind, habens jetzt einfach unter den Tisch fallen lassen, weil das nicht halten kann und wechseln mal so auf die Schnelle das Thema.

ad Neuigkeitscharakter: Also dass eine Diss eine Zusammenfassung von eigener wissenschaftlicher Publikationstätigkeit ist, ist nicht nur nicht schlecht, sondern ist durchaus erwünscht (schließlich ist das ja an sich schon ein Qualitätszeichen, wenn einzelne Kapitel von Journalen akzeptiert und veröffentlicht wurden!)

Arbeitsteilung ist auch durchaus erwünscht. Wissenschaft ist schon lange kein Einzelkampf mehr. Es muss nur deutlich ersichtlich sein, wer was gemacht hat.

Kronenzeitungsleser
00
7.11.2011, 14:46
...im Übrigen darf ich darauf hinweisen, dass

es sich bei besagter Dissertation nicht um eine kumulative handelt, und außerdem das intellektuelle Konvolut keinem Reviewing-Prozess unterzogen worden war.

Kumulative Dissertationen hat es 1983 noch gar nicht gegeben - soweit zu diesem Thema. Und diese Dissertation ist weit davon entfernt, so etwas zu sein wie 'kumulativ' oder 'gereviewed'.

Sie haben Ideologie? Wir dagegen feste Überzeugung!
00
7.11.2011, 14:57

Eine Sammeldissertation ist das eine. So manche Fakultät erlaubt die heute noch nicht, und meint die Dissertation sollte trotzdem ein einheitliches gesamt Werk sein mit einem roten Faden, und nicht eine Sammlung von Artikeln mit einer angehängten Einführung und Schluss. Dennoch ist es legitim und erwünscht, dass die eigene Dissertation Ergebnisse und auch Texte aus den eigenen Artikeln enthält.

Kronenzeitungsleser
00
7.11.2011, 14:20
...was den Vorwurf, der grünen Komplizenschaft

so habe ich sehr wohl darauf hingewiesen, dass sich beide zu einem s p ä t e r e n Zeitpunkt zufälliger Weise in derselben Partei wiederfinden. Die 'Grünen' gab es zum Zeitpunkt der Einrichung des intellektuellen Konvoluts als Dissertation noch nicht.

Kronenzeitungsleser
00
7.11.2011, 14:18
...Sie meinen wohl kumulative Dissertationen,

aber das ist eine ganz andere Sache. Die gab es damals noch gar nicht bei den Volkswirten hierzulande. Außerdem sprechen wir hier von Artikeln, die in Journalen in einem Blind-Review-Verfahren begutachtet wurden.

Im gegenständlichen Fall handelt es sich weder um Artikel, noch um Arbeiten, die einem Peer-Review-Verfahren im Hinblick auf ihr intellektuelles Anspruchsniveau begutachtet und/oder für gut befunden wurden.

Bitte vermischen Sie die Dinge nicht und versuchen Sie hier nicht Nebelkerzen zu zünden, um von bestimmten Dingen abzulenken.

Auf schwäbisch gesagt: so ein Vorgehen "hat a G'schmäckle".

Reservenick 16 von 35
02
5.11.2011, 16:55
Da liegt also ein Text vor,...

...von dem außer Zweifel steht, dass er in weiten Teilen unzitiert Stellen aus anderen Texten übernimmt.

Jeder kann das nachprüfen, und jeder weiß: SO IST EIN PLAGIAT DEFINIERT!

Wenn etwas braun ist, stinkt, und wie ein Hundstrümmerl aussieht, wird doch auch niemand auf die Idee kommen, in Abrede zu stellen, dass es sich dabei um Hundescheisse handelt!

Unpackbar, was hier abgeht! Das Empörendste daran ist jedoch die faule Ausrede, man kenne die Standards des Abfassens wissenschaftlicher Arbeiten aus den 80ern nicht!

Folgendes...
 
01
6.11.2011, 10:34
Wie man sieht, haben sie keine Ahnung.

Es wurde doch klar erkannt:
- das es kein Plagiat war
- obwohl weite Teile abgschrieben wurden.

Ganz offensichtlich ist ihre Plagiatsdefinition zwar weltweit ziemlich anerkannt, aber falsch.

Sie haben Ideologie? Wir dagegen feste Überzeugung!
00
7.11.2011, 08:45

Und was ist ihre Plagiatsdefinition?

- Dr. No
00
7.11.2011, 15:49
Ich glaube, du solltest dich eher fragen...

... wie deine Definition von Sarkasmus und Zynismus aussieht.... ;-))

der erleuchtete
02
5.11.2011, 10:47
herrschaften, ein bisserl schämen!

würde euch unverschämten verteidigern (aus parteiräson) der titel-erschleichung aus net schlecht anstehen...
haben denn alle hier ihren doktor/magister a la hahn&guttenberg errreicht?

Buzz Lightyear
21
5.11.2011, 00:38
Erinnert sich noch wer an den Pornojäger Martin Humer?

Taschenkalender
01
4.11.2011, 21:57
Außerdem hätte er sich erwartet, dass sein eigenes Gutachten[...] stärker berücksichtigt werde

na welch eine Überraschung!

Ich hab vor kurzem zur Quellenüberprüfung eines Artikels eine (rechtswissenschaftliche) Diss aus 1947 ausgegraben - entspricht auch nicht dem, was wir heute unter diesem Begriff verstehen..ja und?

Wie heißts schon in der Bibel:

wer ohne Sünde, der werfe den ersten Stein

posting74
00
4.11.2011, 18:40

agentur für wissenschaftliche integrität :-) starke ansage auf der homepage: "... Die normative Kraft der Kommissionsarbeit wird das Resultat der vorbehaltlosen, sachorientierten Prüfung von Verdachtsfällen sein, die die Kommission hoffentlich zu einer wichtigen Orientierungsgröße für wissenschaftliche Integrität in Österreich machen wird ..." :-) "... Außerdem wird es Aufgabe der Agentur sein, Empfehlungen herauszugeben, was wissenschaftliches Fehlverhalten ist, wie man es erkennen und wie man es vermeiden kann ..."
na da kann man ja gespannt sein :-)
trotzdem, jetzt eine 25 jahre zurückliegende arbeit zu zerlegen und mit vroniplag zu drohen kommt mir schon etwas albern vor

Herbert Novak1
32
4.11.2011, 18:26
Für Weber ist jede Aberkennung recht

Für Weber ist jede Aberkennung recht außer sein eigenen. Hahn Dissertation mag nicht berühm sein, aber man muß die Sache in historischen Kontext sehen. Jede Herausnehmung des zeitlichen Kontexts disqualifiziert sich in der wissenschaftlichen Diskussion und macht sich zum Menschenjäger.

Enrico Furioso
03
4.11.2011, 19:25

Historischer Kontext? Wir reden hier von einer Arbeit aus den 80ern des 20. Jahrhunderts, und nicht von einer aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, dass die Kriterien für wissenschaftliches Arbeiten und wissenschaftliches Publizieren damals in den 80ern nicht anders waren als heute.

eze eze
 
01
6.11.2011, 08:36

Das ist ja so lange her, dass man nicht mehr herausfinden kann, was damals üblich war. Selbst hier im Standardforum gibts genug Leute, die damals in Wien studiert und das korrekte Zitieren gelernt haben, jede Diplomarbeit wird an der ÖNB archiviert - eine Zitierweise à la Hahn - mit bewussten geringfügigigen Änderungen an der Formulierung von zu >95% im Wortlaut übernommenen Textstellen, noch dazu ohne diese als Zitate auszuweisen, wird man so bald nicht mehr finden. Mit Schlamperei ließe sich das Vergessen der Anführungszeichen/Quellenangaben erklären, nicht aber die Art und Weise, wie diese Textstellen durchgehend abgeändert wurden, vor allem aber nicht das Warum. (Denn für ein indirektes Zitat hätte man den Text paraphrasieren müssen!)

Kronenzeitungsleser
10
7.11.2011, 08:30
...das ist ja auch nur eine Seite des Problems. Ein

Anführungsstricherl mehr oder weniger. Stellen Sie sich vor, Sie schreiben eine wissenschaftliche Arbeit mit jemandem zusammen. Der Mitautor reicht dann diese intellektuelle Anstrengung, wo Sie gerechnet haben und er den Text geliefert, mehr oder weniger inhaltsident als Doktorarbeit. Er erwähnt dabei freundlicherweise, Sie haben gerechnet (vielleicht kann er das nicht so gut SPSS usw.)

Die Arbeit wird von van der Bellen, damals Prof. an der Uni Wien, Volkswirt und Prof. Loitlsberger (Zweitbegutachter) approbiert.

Da fragen sich nicht wenige Doktoranden, wo war die Leistung und wer kann sie für sich in Anspruch nehmen?

Das solche Dinge als Standard empfunden werden, ist auch skandalös. Deshalb: Weber hat Recht!

eze eze
 
00
6.11.2011, 08:49

Sorry, Antwort ist an Herbert Novak1 gerichtet, aber verrutscht.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 64
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.