Kulturpolitik für Menschen, nicht Institutionen!

Gastkommentar7. November 2011, 09:30
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Eine Replik auf das Interview "Wir leben nicht in der Planwirtschaft!" mit Bundesministerin Claudia Schmied - Von Marty Huber

Wenn wir uns den aktuellen und akuten Anforderungen einer zeitgenössischen Kulturpolitik stellen wollen, dann kann es beim besten Willen nicht hilfreich sein, die Forderung nach Konzepten für die Kulturpolitik einer Forderung nach Planwirtschaft gleichzusetzen. Kulturpolitik ist mehr als den Status Quo erhalten oder der vereinfachten Forderung nach mehr Geld nachzugeben, sie ist natürlich auch mehr als völlig das Ruder übernehmen zu wollen oder den großen Kulturtankern eben dieses völlig zu überlassen.

So kann es nicht weitergehen

Als der Soziologe und Geschäftsführer der deutschen Kulturpolitischen Gesellschaft Norbert Sievers während eines Vortrages in Wien über kulturelle Teilhabe und Sozialstruktur sprach, lag es völlig klar auf der Hand: Es kann so nicht weiter gehen! Es kann nicht sein, dass etwa 90 Prozent der Mittel in der Kulturförderung von Museen, Sprechtheatern und Musikhäusern gebunden werden, die nur einen marginalen Ausschnitt der Bevölkerung ansprechen und in ihre Häuser aktiv einladen.

Insbesondere wenn diese Kulturtanker veränderte Sozialstrukturen und die Ausdifferenzierung von Lebens-Stilgruppen und deren kulturelle Bedürfnisse mehr oder weniger ignorieren. Zur Erinnerung, die heute 50-Jährigen haben die Arena besetzt und das WUK erstritten, was aber ist mit jener heutigen digitalen Generation (reicht da ein ARS Electronica Zentrum für ganz Österreich?), was ist mit diesen ausdifferenzierten Bedürfnissen von jungen und älteren KulturgängerInnen und aktiven KulturtäterInnen, wie lange können sie ignoriert werden?

Bevölkerungsentwicklungen nicht ignorieren!

Gut, das Ignorieren wird den Kulturtankern nicht mehr lange in dieser Form möglich sein, weil die Bevölkerungsentwicklungen gnadenlos an den Publikumsgruppen nagen, ebenso weil die Ausdünnung der Mittelklasse, sprich die Sozialpolitik in der Kulturpolitik bisher völlig vernachlässigt wird. Ein wenig ist die Bildungspolitik in die Kulturpolitik zurück gekehrt (und das ist auch gut so), aber partizipative Modelle, die eine Teilhabe nicht nur als passiven Konsum, sondern als aktive Gestaltungsmöglichkeit definieren, befinden sich weit unter dem Wahrnehmungsradar irgendwelcher politischen EntscheidungsträgerInnen.

Für wen werden die Budgets locker gemacht?

Fast fühlt man sich - angesichts der katastrophalen Verteilungsungerechtigkeit - an die #occupy Bewegungen erinnert und denkt "wer sind die 99 Prozent?". Wenn Norbert Sievers in seinem Vortrag meinte, die Kulturbudgets wenden sich etwa in Deutschland hauptsächlich an fünf bis zehn Prozent VielnutzerInnen, die das vermehrte Angebot in Anspruch nehmen. Sievers verlautbarte gar, es gehe nicht um mehr, sondern endlich um die Frage für wen werden die Budgets locker gemacht und leben wir wirklich in einer Kultur der Demokratie innerhalb der kulturellen Landschaft?

Da geht es nicht darum, dass die Bundesministerin Claudia Schmied die Freiheit der Kunst nicht verteidigen soll, sondern das beinhaltet auch die Freiheit aller an dieser teilhaben zu können. Davon sind wir weiter entfernt, als einer/m bisher bewusst gewesen sein mag, insbesondere wenn wir das Interview vom 24. Oktober 2011 im Standard noch einmal Revue passieren lassen. Die Ministerin sei für drei Verantwortungsebenen zuständig: "Sie fühlen sich in erster Linie für die Bundesinstitutionen verantwortlich, in zweiter Linie für die anderen großen Häuser - und erst danach für alles andere." "Ja."

Vielleicht sollte sich die Kulturpolitik für die Menschen zu ständig fühlen und weniger für die Institutionen. Dann wäre es einfach festzustellen, dass viele kleine Kulturinitiativen de facto als die kulturelle Nahversorgung für Menschen in ganz Österreich mit ihrem Anteil von nicht einmal fünf Prozent am Verteilungskuchen regelrecht ausgehungert werden. Und das obwohl dort noch am ehesten auf die rasanten Änderungen der Bevölkerung, der Lebensstile und der sozialpolitischen Herausforderungen eingegangen wird.

Diese Kulturinitiativen schaffen Orte, die nicht nur passive Konsumherden kreieren, sondern zum Teil höchst innovative, spannende und aktuelle Strömungen aufgreifen und weiters Orte, welche die NutzerInnen selbst gestalten und aktiv verändern. (Marty Huber, derStandard.at, 7.11.2011)

Weblinks zum Thema:

"Wir leben nicht in der Privatwirtschaft!" Interview mit BM Claudia Schmied im Standard vom 24. Oktober 2011

"Interessenlosigkeit gegenüber der Kultur sieht anders aus", Gastkommentar von Anna Badora

"Die unzulängliche Zugänglichkeit der Kultur. Kulturelle Teilhabe und Sozialstruktur" Norbert Siewers

Kultur für wen? Strategien zur Förderung kultureller Teilhabe. O-Ton Mitschnitt einer Diskussions-Veranstaltung vom 1. Februar 2011

Artikelserie „Alternativen zum Verlust der Kulturpolitik"

Autorin

Marty Huber ist Sprecherin der IG Kultur Österreich.

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