Ungarn flüchten aus den Fremdwährern

4. November 2011, 12:09
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43.062 Ungarn nutzten die gesetzlich festgelegten Wechselkurse, um ihre Kredite zu tilgen, viele können sich einen Ausstieg nicht leisten

Budapest - Ungarn will in den nächsten Wochen keine weiteren Hilfsmaßnahmen für Kreditnehmer beschließen. "Die Regierung bemüht sich, gemeinsam mit den Banken und der Finanzaufsicht eine Lösung für das Problem der Fremdwährungskredite zu finden", erklärte Wirtschaftsminister György Matolcsy auf einer Pressekonferenz am gestrigen Donnerstag. Man habe den Wunsch der Banken akzeptiert, keinen weiteren Belastungen ausgesetzt zu werden, so Matolcsy weiter.

Diesen Regierungsbeschluss begrüßte der Vorsitzende des ungarischen Bankenverbandes, Mihaly Patai, unverzüglich. Die Einigungsversuche zwischen der Regierung und den Banken sollen fortgesetzt werden. Patai zufolge wird das Bankensystem zwar durch die vorzeitige Rückzahlung von Fremdwährungskrediten geschwächt, es dürfte aber stabil bleiben. Der Bankenverband habe vor, binnen zwei Wochen eigene Lösungsvorschläge auszuarbeiten, sagte er.

Erste Zahlen zur vorzeitigen Tilgung

Inzwischen hat die Finanzaufsicht PSZAF erste Zahlen zur vorzeitigen Tilgung von Fremdwährungskrediten bekanntgegeben. Demnach zahlten in den vergangenen drei Wochen 43.062 Ungarn ihre Fremdwährungskredite zu den gesetzlich festgelegten Wechselkursen zurück. Der Gesamtumfang der Rückzahlungen betrug 295,7 Mrd. Forint (976 Mio. Euro), was den Banken geschätzte Belastungen von 71 Mrd. Forint verursacht haben dürfte. Darüber hinaus zahlten weitere 23.046 Kreditnehmer ihre Fremdwährungskredite zu aktuellen Devisenkursen zurück, was die Banken weitere 33,4 Mrd. Forint kosten sollte.

Laut PSZAF-Chef Karoly Szasz rechnet man mit keinem linearen Anstieg der Tilgungen, Höhepunkte erwartet er für Ende November bzw. im Dezember. Bis Jahresende können Kreditnehmer von Hypothekardarlehen in Fremdwährungen tilgen. Allgemein schätzen die Banken den Anteil der potenziellen Rückzahler auf 10 Prozent der in Fremdwährungen Verschuldeten.

Die meisten können nicht aussteigen

Analysten der ungarischen Notenbank sowie auch anderen Experten zufolge sind 60 bis 70 Prozent der Schuldner finanziell überhaupt nicht in der Lage, die Möglichkeit der vorzeitigen Rückzahlung zu nutzen. Die Tilgungsabsicht eines beträchtlichen Teiles der restlichen Kreditnehmer dürfte an der relativ kurzfristigen Abwicklung scheitern, sodass schließlich 15 bis 20 Prozent der Kreditnehmer die Rückzahlung in Anspruch nehmen könnten. Ende September lag der Bestand der Fremdwährungskredite an Privatkunden bei 5.240 Mrd. Forint bzw. 17,3 Mrd. Euro, was zwei Drittel der gesamten in Ungarn vergebenen Retail-Kredite ausmachte, so die Notenbank.

Ende September hatte Ungarn gesetzlich die Rückzahlung von Hypothekar-Krediten in Fremdwährungen zu einem günstigeren fixen Wechselkurs ermöglicht. Bis 30. Dezember 2011 können die Kreditnehmer die Tilgung ankündigen, die danach innerhalb von 60 Tagen erfolgen muss. Wenn alle gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt werden, müssen die Banken die Rückzahlung akzeptieren und die daraus erwachsenden Belastungen tragen. Laut der Notenbank könnte dies den Bankensektor samt den ungünstigen Wirkungen der Eurokrise mit bis zu 356 Mrd. Forint (1,175 Mrd. Euro) belasten. Zuletzt hatte Regierungschef Viktor Orban angekündigt, neue Wege zu suchen, um ungarischen Darlehensnehmern einen Ausweg aus der Falle der Fremdwährungskredite zu ermöglichen.

Laut Wirtschaftsminister Matolcsy prüft die Regierung auch die Möglichkeit, ob 2012 die Bemessungsgrundlage der Bankenabgabe, also die Bilanzsumme, um die Kredite an kleine und mittlere Unternehmen sowie für Wohnungsprogramme verringert werden könnte. Im Vorjahr hat Ungarn überraschend eine auf drei Jahre befristete Bankenabgabe eingeführt, die rund 182 Mrd. Forint in das ungarische Budget gespült hat. Sie beträgt 0,45 Prozent der Bilanzsumme. (APA)

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    Das Thema Häuselbauerkredite ist noch nicht ausgestanden.

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