Am momentanen Stand des Irrtums

Ursula Schersch, 11. November 2011, 10:17
  • Szenen aus dem Film "Einer flog über das Kuckucksnest" ...
    foto: ap/united artist

    Szenen aus dem Film "Einer flog über das Kuckucksnest" ...

  • ... mit Jack Nicholson von 1975. Seither hat sich im psychiatrischen Bereich viel getan.
    foto: ap

    ... mit Jack Nicholson von 1975. Seither hat sich im psychiatrischen Bereich viel getan.

Die Psychiatrie taucht oft im Zusammenhang mit Negativ-Schlagzeilen auf - Manche Behandlungsmethoden lösen bei vielen Menschen Unbehagen aus

"Vor 200 Jahren wurden alle psychisch Kranken behandelt wie Kriminelle. Viele waren obdachlos, lebten in Käfigen vor den Städten oder als Eremiten in Höhlen", sagt Christian Haring, Leiter der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie im Landeskrankenhaus Hall.

Seither hat sich viel getan im psychiatrischen Bereich. Therapieverfahren und Behandlungsansätze wurden weiterentwickelt, sowohl im pharmakologischen als auch im psychotherapeutischen und psychosozialen Bereich. Und dennoch hat die Psychiatrie mit einem Image-Problem zu kämpfen. Tödliche Vorfälle wie jener vom Mai dieses Jahres im Linzer Wagner-Jauregg Spital dominieren die Schlagzeilen. Positives schafft es kaum in den öffentlichen Diskurs; gemischte Gefühle bestimmen den Gedanken an die Institution Psychiatrie.

Psychiatrie in den Augen der Öffentlichkeit

Schrittweise entwickelte sich die Psychiatrie davon weg, Verhaltensauffällige in Irrenhäusern zu verwahren, hin zu einer Psychiatrie, wie sie heute bekannt ist. Ziel ist nicht mehr das Wegsperren und Verwahren geistig Kranker wie es teilweise noch in den 1950/60er Jahren der Fall war, sondern ihnen zu helfen. "Bei manchen Therapien, die damals gemacht wurden, weiß man heute nicht: War es Strafe, Folter oder Therapie. Die Psychiatrie war immer ein Fach, wo man das nicht immer genau gewusst hat", so Haring. Die breite Öffentlichkeit weiß das oft heute noch nicht so genau.

Das Bild vom psychisch Kranken, in einer Zwangsjacke gefesselt, spukt immer noch in vielen Köpfen herum. Die Entwicklungen, die in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden haben, wurden zu wenig in die Öffentlichkeit transportiert, ist Michael Musalek, Leiter des Wiener Anton-Proksch-Instituts für Suchtkranke, überzeugt: "In der Bevölkerung existiert noch immer ein gewisses Image á la "Einer flog über das Kuckucksnest"- aber man darf nicht vergessen, dieser Film ist aus den 70er Jahren. Seit dieser Zeit hat sich in diesem Fach extrem viel getan."

Auch Werner Schöny, Ärztlicher Leiter der Linzer Landesnervenklinik Wagner-Jauregg fürchtet, dass der Öffentlichkeit ein falsches Bild von der Psychiatrie vermittelt wird. "Menschen generalisieren oft schnell. Wird beispielsweise ein Verbrechen von einem Menschen mit einer psychischen Erkrankung begangen, sind plötzlich alle Personen, die psychisch krank sind, potentielle Kriminelle. Das stimmt einfach nicht."

Meist taucht die Psychiatrie im Zusammenhang mit Negativ-Schlagzeilen auf. Erst im Mai flammte die Diskussion um die Aktualität mancher Therapieansätze wieder auf, als ein 17-jähriges Mädchen im Zuge einer Tiefschlaftherapie im Wagner-Jauregg Spital starb. Die Tiefschlafmethode findet auf einer speziell ausgestatteten Intensivstation statt und soll den Zustand psychisch kranker Menschen in akuten Psychosen mit unmittelbarer Selbst- oder Fremdgefährdung durch das Herbeiführen eines künstlichen Tiefschlafs verbessern. „Es gibt bessere psychopharmakologische Behandlungen, aber diese Behandlungsmethode ist, obwohl sie zurückgedrängt wurde, immer noch nicht völlig obsolet", so Schöny. "Das ist eine 'Ultimo-Ratio-Therapie', das heißt, wenn alle anderen Therapieversuche versagt haben, kommt es zu therapeutischen Versuchen und Anwendungen, die im Normalfall nicht stattfinden und die alle zwei oder drei Jahre einmal stattfinden, erklärt Schöny und betont, dies gebe es in jedem medizinischen Fach. Ebendiese Therapie wurde nach mehreren Suizidversuchen der jungen Patientin in Absprache mit ihrer Mutter angewendet. Das Mädchen verstarb an einem Leberversagen, das möglicherweise auf eine Überdosis eines Narkotikums zurückzuführen ist. Das Verfahren zur Feststellung der genauen Todesursache läuft noch.

Unfreiwillig in der Psychiatrie

In der Regel sind psychiatrische Abteilungen in einen offenen Bereich, den Patienten jederzeit verlassen können und einen geschlossenen Bereich gegliedert. Der geschlossene Bereich wurde in den vergangenen Jahren bereits in vielen Krankenhäusern und psychiatrischen Abteilungen aufgelassen. Selbst Patienten, die sich unfreiwillig in der Psychiatrie befinden, werden daher häufig in offenen Stationen untergebracht. Wie das funktionieren soll? "Man soll die Wirkung einer Anordnung nicht unterschätzen, denn auch wenn Patienten das selbst nicht wollen, ist es trotzdem so, dass sich viele daran halten", erklärt Elke Beermann, Patientenanwältin vom VertretungsNetz. Der Verein vertritt Menschen, die in psychiatrischen Abteilungen zwangsweise untergebracht sind.

Behandlungen dürfen prinzipiell nur mit Zustimmung von Patienten erfolgen, auch wenn diese zwangsweise untergebracht wurden. Eine Ausnahme bilden Patienten, die nicht einsichts- und urteilsfähig sind und keinen gesetzlichen Vertreter wie etwa einen Erziehungsberechtigten oder Sachwalter, haben. Ganz spezielle Therapien, die gesetzlich als "besondere Heilbehandlungen" gelten, müssen bei Ablehnung des Patienten immer gerichtlich genehmigt werden. Darunter fallen Behandlungen, die die körperliche und physische Verfassung des Patienten schwerwiegend beeinflussen, erhebliche Nebenwirkungen aufweisen oder die Persönlichkeit verändern können. Etwa die Elektro-Krampf-Therapie (EKT) - früher: Elekroschock-Therapie.

Therapien und Zwangsmaßnahmen

Bis in die 1970er Jahre waren Schocktherapien gängige Behandlungsmethoden. Einige davon, etwa die Insulinschock- oder die Cardiazol-Kramp-Therapie, werden heute nicht mehr angewendet, andere, wie die EKT, in veränderter Form hingegen schon noch (siehe Interview). Gerade Therapieansätze wie diese sind es jedoch, die bei vielen Menschen Unbehagen auslösen. "Diese Art der Therapie wird nur sehr selten angewandt und ist in der Bevölkerung immer noch sehr umstritten, in der Fachwelt aber gar nicht", erklärt Musalek.

So viel Konsens herrscht unter Medizinern nicht immer. Uneins sind sich Mediziner etwa bei der Art und Weise, wie zu handeln ist, wenn sich Patienten in psychotischen Akutphasen befinden und Zwangsmaßnahmen zur Beruhigung notwendig werden. Ob Isolierräume, Gurtfixierung oder medikamentöse Ruhigstellung - darüber gehen bei Medizinern die Meinungen auseinander und die Wogen oft hoch. Haring: "Wir halten die Verwendung von Netzbetten für unangebracht. Umgekehrt finden die Netzbettenverwender, Gurtfixierungen seien unangebracht. Und wieder andere finden es schrecklich, wenn die Pharmakologie-Befürworter zu schnell und zu viel mit Medikamenten ruhigstellen." Laut dem Verein VertretungsNetz kommt es in mehr als einem Drittel aller Unterbringungen zu intensiven Bewegungsbeschränkungen. Darunter fallen etwa Fixierungsmaßnahmen wie das Festbinden mit Hand-, Fuß-, oder Bauchgurten, das Zurückhalten in einem Raum oder die Verwendung von Netzbetten. Diese weitergehenden Beschränkungen müssen der Patientenanwaltschaft gemeldet werden und Patienten haben das Recht, diese Maßnahmen auf Antrag durch das Gericht überprüfen zu lassen.

"Wir glauben, unter Berufung auf wissenschaftliche Erkenntnisse, dass wir die Zeiten der 'Irrenhäuser' und 'Geisteskranken' hinter uns gelassen haben und die derzeitigen Therpieansätze nur minimal einer Verbesserung bedürfen sind. Aber in Wirklichkeit sind wir immer am momentanen Stand des Irrtums", sagt Haring.

Kombinationstherapien, etwa der so genannte biopsychosoziale Therapieansatz, gelten heute als erfolgversprechendste Behandlungsansätze. Durch einen Mix aus pharmakologischen, psychologischen und vor allem auch sozialen Maßnahmen soll den Patienten das Zurückfinden in ihr Leben erleichtert werden. "Man geht immer mehr weg vom so genannten "Symtomkilling", denn es sollen nicht nur die Symptome reduziert werden, sondern der Mensch soll wieder ein schönes Leben führen können; autonom und möglichst freudvoll", so Musalek.

Präventiv gegen psychische Erkrankungen

Ein wesentlicher Faktor, dem bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, ist die Prävention psychischer Erkrankungen. Während somatische Prävention in Österreich Gang und Gäbe ist, wird die Psyche immer noch stark vernachlässigt. Erst langsam lässt die Stigmatisierung psychisch Kranker nach und Menschen trauen sich einzugestehen, an Depressionen oder einem Burn-out zu leiden. "Es müssen wesentlich mehr Anstrengungen in die Prävention geschickt werden", ist Schöny überzeugt. Es gehe darum, eine Art Erste-Hilfe in der Psychiatrie zu vermitteln und die Menschen dazu zu bringen, nicht mehr wegzuschauen, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen, sondern zu handeln. Weiters müsse die immer noch vorhandene Angst schwinden, sich psychisch behandeln zu lassen. Schöny: "Erkrankungen in Anfangsstadien lassen sich wesentlich leichter behandeln - egal ob körperlich oder psychisch." (Ursula Schersch, derStandard.at, 11.11.2011)


Wer sind die Patienten?

Jährlich wird rund ein Prozent der Versicherten aufgrund einer Psychischen- oder Verhaltensstörung stationär in einem österreichischen Krankenhaus aufgenommen, ein Großteil davon an psychiatrischen Einrichtungen. Die meisten Patienten, die sich an einer psychiatrischen Institution aufhalten, sind freiwillig dort, rund ein Viertel ist zwangsweise untergebracht. Den Regelfall bildet die informelle Zuweisung, die weitaus am häufigsten vorkommt - dazu gehören Überweisungen durch Hausärzte oder Allgemeinkrankenhäuser.

Laut einem Bericht des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen aus dem Jahr 2010, der sich auf Daten aus dem Jahr 2007 bezieht, sind affektive Störungen (Depression, Manie, bipolare Störung) der häufigste Grund für einen stationären Aufenthalt, gefolgt von psychischen und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen wie Alkohol, Drogen oder Medikamente. "Es gibt eine deutliche Zunahme bei den affektiven Störungen - vor allem bei den Depressionen, erklärt Werner Schöny, Ärztlicher Direktor des Linzer Wagner-Jauregg Spitals. Schöny führt diese Zunahme an Depressionen, die an vielen psychiatrischen Abteilungen Österreichs zu vermerken ist, auf einen offeneren Umgang gegenüber psychischen Krankheiten hin. Heute trauen sich mehr Menschen zuzugeben, dass sie ein psychisches Problem haben. Früher wollte man nur ja nicht im ‚Irrenhaus‘ landen."

Was das Alter der Patienten betrifft, liegt die Gruppe der 45- bis 49-jährigen Personen bei den stationären Aufnahmen in psychiatrischen Einrichtungen vorne. Wie lange ein Patient tatsächlich an einer psychiatrischen Abteilung bleibt, variiert stark: Die durchschnittliche Belegungsdauer im Jahr 2007 war 18 Tage pro Aufenthalt eines Patienten und aufgrund von Wiederaufnahmen 31 Tage pro Jahr. Patienten mit Schizophrenie und Essstörungen hatten die längsten Aufenthalte zu verzeichnen.


Zum Thema

Methoden in der Psychiatrie - Interivew mit Michael Musalek


Kommentar posten
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verhaltensoriginelle menschen

haben`s in österr. traditionell schwer und die grundeinstellung andersartiges wegzusperren, abzudecken, nicht anzuerkennen - zu verstecken, wird in vielen anderen kulturen anders gehandhabt.

da wird sogar "integriert" anderswo, aber das ist bei grunsätzlich integrationsunfahigen/unwilligen österr. natürlich nicht möglich.

ein erster ansatz diese anstalten etwas zu
entlasten wäre vielleicht mal psycho-therapie
auf krankenschein (uneingeschränkt) vor dem zenit & eine gleichzeitige aufklärung, das man nicht lederhosen tragen muß & am sonntag in einem unbeheizten raum einem büberlanbeter zuhören muß.

"anstalten" werden in österr. noch lange düstere bilder werfen wenn man keine anstalten macht....

...am sonntag NICHT in einem unbeheizten raum..

uebersetzung

es geht einfach darum laestige abzuzocken zb sind sie oft ohne krankenversicherung und rechtsschutz und das ist so gewuenscht, damit andere ihre leistungstraegerfaehigkeit unter beweis stellen koennen, mithin einfach nationalsozialismus, wenn auch ein ueberzeugender... und auch ein angenehmer fuer den kunden... als kontrast ist die herangehensweise des sozialistischen patientenkollektivs zu betrachten, die kritik geht nicht so weit wie hier, in wirtschaftskrisen will die mehrheit immer lesen, dass man menschlichkeit nicht benoetigt und einsparen kann, dem unterliegen auch die psychologisch taetigen... insbesodere die lebensumwelt von kindern und armen ist lebensfeindlich, das gilt es zu faelschen um kosten aus wiederbetaetigung minimieren

Therapeutische Industrie

Was angeblich von Musalek kommt, klingt politrhetorisch. Amerikanische Zustände der 70er Jahre sind mit unseren nicht zu vergleichen.
Vobehalte gegen Menschen mit psychischen Erkrankungen nehmen zu. Nicht verifizierbare Diagnosen werden wie Verbrechensbezichtigungen kolportiert. Das verdanken wir der TI, die Versagern am Arbeitsmarkt Autorität verleihen und Einkommen veschaffen soll, wobei dubiosen Persönlichkeiten Freibriefe ausgestellt werden, Experimente mit Lebenden, vor allem an Jugendlichen, durchführen zu können. Verunsicherten Menschen Zweifel an ihrer seelischen Gesundheit zu suggerieren, ist fauler Zauber. Unter der Musalek-Briefmarke werden regelmäßig Halbwahrheiten verbreitet. Ihre Statistiken sind gegenstandslos.

Für eine Anti-Psychiatrie

Das alles richtig ist und stimmt! Das muss man davon halten! Die psychiatrische Ausbildung unterschlägt systematisch gesellschaftliche und ökonomische Erklärungsmodelle. Es laufen gut bezahlte und buchstäblich "wahn-sinnige" Psychiater rum, die mit "wissenschaftlicher" Autorität ausgestattet sind und zu wissen glauben, dass eine Schizophrenie auf der Beschleunigung von Neurotransmittern beruht! Ergo: Verabreichung von atypischen Neuroleptika! Im Jahr 2009 sind rund 900.000 Menschen in Österreich (11%) wegen psychischer Leiden behandelt worden. 840.000 [sic!] davon bekamen Psychopharmaka. Das sagt alles! Und Therapieformen wie Soteria (http://de.wikipedia.org/wiki/Soteria) werden bekämpft und abgewertet, weil sie angeblich zu teuer sind ...

Die Quelle der Zahlen wäre noch Interessant.

Wäre meiner Meinung auch in diesem Artikel erwähnenswert!

Die Zahlen

in: Internationale Zeischrift für Sozialpsychologie und Gruppendynamik, 36/1/2011 Heft 122 ... Im Vorwort auf S. 2 wird auf eine Studie der österreichischen Sozialversicherung vom Juni 2011 Bezug genommen ...

"Wie die Psychiatrie uns alle verrückt macht"

http://www.spiegel.de/spiegel/s... 45373.html

Simply the TRUTH!

"biopsychosoziale Therapieansatz"

"...ein Mix aus pharmakologischen, psychologischen und vor allem auch sozialen Maßnahmen..." - hat mit 'bio' nichts zu tun, verkauft sich aber prima: wo 'bio' draufsteht ist das böse kapitalistisch-chemisch-krankmachende, unnatürlich-ekelhaft, schwarz-rauchend-industrielle nicht drinnen.

by the way: die EKT wirkt, man weiß nicht warum, genauso erfolgversprechend wie beispielsweise ein paar tage schlaflosigkeit und die mögliche zerstörung der persönlichkeit als nebeneffekt. das aber ist für einen psychater firlefanz. gemein kann man behaupten, diese einstellung ist seit dem goldenen zeitalter der lobotomie noch immer pathologisch.

Kausalmechanismen sind gemeint, nicht Therapien!

Das "bio-psycho-soziale" Modell für psychische Erkrankungen bezieht sich eigentlich auf die vermuteten Ursachen, und nicht auf die Therapiemassnahmen.
Daher ist "bio" schon richtig! Es gibt eben mit Sicherheit auch biologische Ursachen für psychische Erkrankungen. "Pharmakologische" Ursachen würde nicht passen. Das im Artikel von "biopsychosozialem Therapieansatz" geschrieben wurde, ist entweder eine Nachlässigkeit von Musalek, oder von Schersch.

Was bringt einem zur Annahme, dass eine Elektro-Schock-Therapie eine psychische Erkrankung behandeln soll? Warum nicht durch Magnetfelder? Warum nicht durch Honigbäder? Warum nicht durch Granderwasser? Warum nicht Schläge ins Gesicht?

Gibt es tatsächlich Untersuchungen die den Wirkungsmechanismus von Stromschlägen zur Behandlung von psychischen Erkrankungen erklären?

Wirkmechanismus?

Es kommt nach EKT (und übrigens auch nach ihrer "softeren" neuen Variante: Transkranielle Magnetstimulation) zu einer neuen Synapsenbildung von Neuronen:
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Im Tierversuch wurde das auch nachgewiesen:
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Lamont SR, Paulls A, Stewart CA. Brain Res. 2001 Mar 2;893(1-2):53-8. Repeated electroconvulsive stimulation, but not antidepressant drugs, induces mossy fibre sprouting in the rat hippocampus.
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Ob das der entscheidende Faktor ist, ist aber noch nicht völlig klar.

D.h. Ob das der entscheidende Faktor

Ja, es wird wahrscheinlich auch die Temperatur lokal bei den Elektroden steigen. Durch das Anlegen eines elektrischen Feldes werden sich Ionen bewegen. Und es gibt viele weitere Auswirkungen durch Stromschläge.

So what? Warum erweist sich das Positiv zur Behandlung einer konkreten Krankheit? Vielleicht erweist es sich sogar negativ...

Synapsenbildung heißt ....

zunächst einmal ganz wörtlich, dass das Gehirn in der Verschaltung von Nervenzellen neue Wege nimmt. Unter dem Stichwort "Neuroplastizität" wird derzeit diskutiert, ob das nicht der entscheidende Faktor ist, wie wir auf wechselnde Problemanforderungen in der Interaktion mit der Umwelt besser reagieren können, oder nach Verletzungen (z.B. nach Schlaganfall usw.) von Hirnarealen, (also durchaus biologisch und psychisch) wieder zurecht kommen mit der Welt.

Synapsenbildung heißt zunächst nicht viel mehr als "in einem Prozessor wurden Transistoren hinzugefügt". Das ist, als würde ich das Problem "Schreibe ein Gedicht" auf den Vorgang des Anbringen von Graphitatomen auf Papier reduzieren.

Oder anders: Was in unserem Hirn hat denn nichts mit Synapsen zu tun? Die Information, dass sich Synapsen gebildet haben, sagt gar nichts.

Ich lasse mich aber gerne eines besseren belehren.

Bezüglich Neuroplastizität: Man weiß doch schon lange, wie sich Zuordnungen im motorischen Kortex nach einer Amputation eines Körperteils adaptieren. Was ist neu daran? Das ist ja geradezu DIE Eigenschaft von neuronalen Netzen und genau deshalb finden sie Anwendung in der Informatik (letztendlich Funktionsapproximation).

Belehrung? ... Fehlanzeige!

Die Modellvorstellung vom menschlichen Gehirn als "überdimensionaler Computer" wird in 100 Jahren vermutlich genauso belächelt werden, wie die Freud´sche Idee vom Dampfkessel heute. Das Bild mit den Graphitatomen passt da schon viel besser als Argument, dass damit noch nicht verstanden ist, warum sich Depressive nach EKT in vielen Fällen klar besser fühlen.
Aber ganz so abtun sollten Sie das alles nicht:
1) Die Synapsenbildung wird angeregt, sie findet vermehrt statt, das ist FAKT.
2) Sie ist die BASIS (nicht schon die komplette Erklärung) dafür, dass eingespielte Weltbilder ("ich bin schuldig") in einer Depression verlassen werden (können).
Und damit ist eine therapeutische Option da, mit der man VERANTWORTLICH umgehen kann/soll/muss.

@überdimensionaler Computer: Das Bild sollte nur die Adaptionsfähigkeit illustrieren. Abgesehen davon ist ein künstliches neuronales Netz kein Computer. (Ein biologisches Netz mehr als ein ANN.)

"Und damit ist eine therapeutische Option da, mit der man VERANTWORTLICH umgehen kann/soll/muss."

Das erscheint mir mindestens zweifelhaft, eher noch verantwortungslos. Denn genauso gut könnte man argumentieren, dass die Bildung von Synapsen die Basis für eine Verschlechterung des Zustands sein kann.

Bei vielen Krankheiten sind es im Übrigen nicht die Synapsen, die Sorgen machen, sondern ein Abbau der Myelinschicht, fehlende/überschüssige Neurotransimmter, etc..

nichts unterschlagen!

Es stimmt: Synapsenneubildung als Basis einer Erklärung ist nicht die Therapeutische Option. Aber das EKT auch POSITIV wirkt, wurde in anderen Studien nachgewiesen.

Entmyelinisierung spielt bei MS, aber nicht bei Depression eine Rolle, Neurotransmitter müssen wir aber auch bei Depression noch in eine zukünftige Erklärung mit einbauen, stimmt. Aber vielleicht ist es überhaupt falsch von einer einzigen Depression als einer einzigen Krankheit zu sprechen ... further research is requested.

"Verantwortungslosigkeit" ist wohl eher eine Polemik als ein Argument, stimmts? :-)
Immerhin haben SIE die Ausgangsfrage gestellt, was der Wirkmechanismus sein könnte. Dafür, dass den keiner vollkommen kennt, sollten sie niemand "anpflaumen".

Es tut mir Leid, wenn meine Ausdrucksweise zu aggressiv ausgefallen ist.

Mein Argument die Verantwortungslosigkeit betreffend ist, dass man zuerst in hinreichendem Ausmaß die Wirkungsmechanismen von EKT zu verstehen hat, bevor man diese in einer Therapie einsetzt.

Die Abgabe eines Blutverdünners bei Schlaganfall kann dem Betroffenen signifikant bessere Genesungschancen geben. Und das exakte Gegenteil stimmt auch. Es kommt auf die Art des Schlaganfalls an: ist eine Aterie geplatzt oder liegt eine Verstopfung vor?

Solange man nicht weiß, wie eine Maßnahme in Bezug auf eine Erkrankung wirkt, kann man sie nicht verantwortungsvoll einsetzen.

Und ja, der Begriff "Depression" kommt mir so spezifisch vor wie "Bauchweh".

Übrigens: Die Spaltung von Atomkernen könnte die Basis für Beseitigung der Energieknappheit der Zukunft sein. Trotzdem erscheint mir (vor 70 Jahren) der verantwortungsvollere Weg zu sein, dass man den zugrundeliegenden Mechanismus zuvor ordentlich untersucht.

Jedenfalls in Wikipedia wird dargelegt, dass diese Therapien zwar offenbar einer der Wirksamsten sein sollen, aber nicht klar ist, wie sie wirken.

Wie arg ist das den!?

http://de.wikipedia.org/wiki/Elek... echanismus

(I wünsche mir einen edit button.)

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