EU-Kommissar Hahn behält Doktortitel

  • Die Stellungnahme der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität.

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  • Chronologie

    11. Jänner 2007: DER STANDARD veröffentlicht eine erste Rezension der Dissertation und befand sie nicht für "Gut" - was die folgende Diskussion lostrat.

    24. Mai 2007: Der Salzburger Medienwissenschafter Stefan Weber wirft Hahn "seitenweises unzitiertes Abschreiben" in seiner Dissertation vor. Hahn habe "absolut schlampig gearbeitet" und aus Leopold Kohrs einige Jahre zuvor erschienenem Buch "Die überentwickelten Nationen" "abgeschrieben".

    1. Juni 2007: Die Uni Wien lässt die von Weber inkriminierten Passagen durch die für Fragestellungen der guten wissenschaftlichen Praxis zuständigen Ombudsstelle der Universität Zürich prüfen.

    11. Juni 2007: Die Universität Wien verzichtet nach Vorliegen des Gutachtens der Uni Zürich auf die Einleitung eines Plagiatprüfungsverfahrens, da die untersuchten Passagen laut Gutachten "nicht plagiatverdächtig" seien.

    12. Juni 2007: Nach einer "systematischen Überprüfung weiterer Unterkapitel" beschuldigt Weber Hahn nun erstmals des Plagiats.

    22. Februar 2011: Im Zuge der Plagiatsaffäre des damaligen deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg gerät Hahn, der mittlerweile EU-Kommissar ist, erneut ins Visier. Der Grünen-Abgeordnete Peter Pilz gibt bei Weber ein neues, umfassendes Gutachten in Auftrag.

    18. April 2011: Die Uni Wien kündigt eine neuerliche Überprüfung von Hahns Dissertation an. Diesmal wird die österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität (OeAWI) mit dem Gutachten beauftragt.

    23. Mai 2011: Laut dem neuen Gutachten Webers hat Hahn rund ein Fünftel seiner Dissertation abgeschrieben. Hahn habe sich "offensichtlich seine Dissertation erschwindelt", interpretiert Auftraggeber Pilz das Ergebnis. Die OeAWI kündigt an, das Gutachten in ihrem Urteil zu berücksichtigen.

    4. November 2011: Die OeAWI kommt zu dem Schluss, dass es sich bei der Dissertation Hahns nicht um ein Plagiat handelt.

Plagiatsverfahren abgeschlossen - "Zitierweise entspricht nicht guter wissenschaftlicher Praxis"

Johannes Hahn darf seinen Doktortitel behalten. Das gab die Universität Wien nach einem Gutachten in einer Pressekonferenz am Freitag bekannt.

Hahn, EU-Kommissar für Regionalpolitik und ehemaliger Wissenschaftsminister, ist Doktor der Philosophie. 1987 promovierte er an der Uni Wien, Thema damals: "Die Perspektiven der Philosophie heute - Dargestellt am Phänomen Stadt". Doch in den letzten Jahren kamen mehrmals Plagiatsvorwürfe auf. Ganze Passagen sollen abgeschrieben oder zumindest schlecht zitiert worden sein. Mehrmals wurde die Doktorarbeit schon nach Plagiaten durchsucht.

Keine Plagiat, kein wissenschaftliches Fehlverhalten

Nach neuerlichen Vorwürfen im Jahr 2011 suchte die Uni Wien bei der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität um eine Überprüfung an. Heute wurde das Ergebnis des Plagiatsverfahrens gegen Hahn präsentiert. 

Dabei kommt die Kommission der Agentur zu dem Schluss: "Bei der Dissertation von Herrn Dr. Hahn handelt es sich nicht um ein Plagiat. Entsprechend liegt auch kein wissenschaftliches Fehlverhalten vor."

Gegen "Prinzipien guter wissenschaftlicher Praxis"

Die Uni Wien stellt in weiterer Folge das Verfahren gegen Hahn bezüglich des Widerrufs des akademischen Grades ein. Diese Entscheidung traf die zuständige Studienpräses der Uni Wien, Brigitte Kopp. Diese begründet die Einstellung damit, das das Gutachten zu dem Schluss kommt, dass Hahn keine Täuschung begangen habe um sich einen akademischen Grad zu erschleichen.

Jedoch wird in dem Gutachten festgestellt: "In weiten Teilen entspricht das Zitieren von Texten anderer Autoren bei Zugrundelegung heutiger allgemein anerkannter Standards nicht den Prinzipien guter wissenschaftlicher Praxis."

Engl: "Heute würde so eine Disseration nicht angenommen werden"

Das Ergebnis der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität basiert auf drei "externen Gutachten ausländischer ProfessorInnen", nach Ablauf von 25 Jahren sei es jedoch schwierig zu verifizieren, ob die Dissertation den "damals an der Universität Wien geltenden Standards" entsprochen habe. Der Rektor der Uni Wien, Heinz Engl, betont jedoch: "Heute würde so eine Dissertation nicht angenommen werden. Die Standards waren damals offenbar lockerer als jetzt." Es sei jedoch nicht Aufgabe der Prüfung gewesen ob die Dissertation "eine gute, mittelmäßige oder nicht so gute Dissertation war",sondern ob eine Täuschung vorlag.

Engl sieht die Debatte nun für beendet, es "bleibt uns gar nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren". Das Urteil einer unabhängigen Stelle wie der Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität zähle mehr als eine "Einzelmeinung", kommentierte er die Vorwürfe gegen Hahn etwa durch Herbert Hrachovec, Philosoph an der Uni Wien.

Hahn zufrieden

Johannes Hahn zeigte sich in einer ersten Stellungnahme zufrieden mit dem präsentierten Ergebnis. Hahn sieht "die von mir immer betonte Grund- und Haltlosigkeit der Plagiatsvorwürfe" bestätigt. Der Kommissar zeigt sich überzeugt, dass "mit der eindeutigen Feststellung, dass es sich bei meiner Arbeit um kein Plagiat handelt und dass kein wissenschaftliches Fehlverhalten meinerseits vorliegt, dieses Kapitel nun endgültig abgeschlossen ist". (seb, derStandard.at, 4.11.2011)

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