Eine europäische Uni-Lösung muss her!

Leserkommentar

Der Artikel "Liebe deutsche Studenten, ihr nervt!" hat für einen lauten Aufschrei gesorgt. Nur provokante Äußerungen eines Studenten? Oder doch ein Appell an die EU, endlich gemeinsame Lösungen zu finden?

Ein nicht eindeutig kategorisierter Artikel kann missverstanden werden. So könnte mein Text "Liebe deutsche Studenten, ihr nervt!" als platte, einschichtige, durchsichtige oder frustrierte Meinung gelesen werden. Der Artikel ist jedoch als eine Glosse zu verstehen - als ein pointierter Meinungsbeitrag.

Der Charakter einer Glosse kann polemisch, satirisch oder feuilletonistisch sein. Neben überspitzt gemalten Bildern besteht eine Glosse auch aus Informationshäppchen, die in die Geschichte eingebunden werden. Eine Glosse malt also ein einseitiges, ironisches Abbild der Realität, macht verborgene oder verschwiegene Meinungen provokant sichtbar und sorgt so für einen Anstoß zur Diskussion und Reflexion.

Natürlich ist eine Glosse eine gewisse Gratwanderung und ihre Beurteilung liegt, wie die jedes anderen Textes, immer im Auge des Betrachters. Mit Sicherheit ist es am schwierigsten, mit einer überspitzt formulierten Meinung den Geschmack der Mehrheit zu treffen. Viele Leser werden nur an den obersten Schichten kratzen und die darunterliegenden Ebenen ausblenden, übersehen oder missachten. Gerade diese Tatsache erzeugt die Spannung, die eine Glosse mit sich bringt und sie umgibt. Der Leser fühlt sich ertappt, beleidigt, missverstanden und reagiert mit einem erzürnten Aufschrei nach mehr Weitblick, Toleranz und Offenheit. Alleine dieser Impuls reicht aus, um Menschen und ihr Denken zwar nicht zu verändern, aber zu schärfen. Mehrere Aufschreie ergeben eine Diskussion. Dieser Gedankenaustausch gehört zur Glosse wie ihre provokante Überschrift, die polemischen Argumente und sarkastischen Seitenhiebe. Plötzlich entstehen Vielfalt, Reflexion und Meinung - alles, was man sich von einem guten Artikel erhofft.

Szenen aus dem Uni-Alltag

Der Artikel "Liebe deutsche Studenten, ihr nervt!" hat es zweifelsohne geschafft, für einen lauten Aufschrei und eine nachhaltige Diskussion zu sorgen. Plötzlich liegt der übertriebene Vorwurf auf dem Tisch und wird in der Öffentlichkeit, in Deutschland wie in Österreich gleichermaßen, diskutiert. Der fehlende politische Weitblick, das fehlende europäische Hochschulkonzept und das fehlende Verständnis untereinander werden kritisiert. Ausdrücke wie "Piefke" und Sätze wie "De nervn, de Piefke!", sind keine Erfindung meinerseits, sondern Beispiele aus dem täglichen Alltag - Bilder für fehlendes Verständnis untereinander.

Nach dem Aufschrei: gemeinsame Lösungen suchen

Sicherlich ist mein Text polemisch, provokant und damit kritisch zu hinterfragen. Letztendlich bildet er aber, in aller Härte, ein Bewusstsein für existierende Probleme und Missstände. Auf jeden Aufschrei folgt eine Forderung, eine Forderung nach Lösungen. Dies geschieht im Moment - im Hörsaal diskutieren Professoren und Studenten gleichermaßen. Facebook und Twitter unterstützen diesen Prozess. Natürlich erschrickt man, wenn einem der Spiegel direkt vor die Nase gehalten wird. Natürlich ist man sauer und erzürnt, wenn der Fokus plötzlich auf einem selbst liegt und man sich ertappt fühlen könnte. Natürlich erzeugt dies Emotionen. Emotionen die hoffentlich genutzt werden, um das Gespür eines jeden Einzelnen für die Bedürfnisse, Probleme und Ängste seiner direkten Umgebung und seiner Mitmenschen zu schärfen - letztendlich also mehr und nicht weniger Toleranz zu verspüren - deutsche wie österreichische Studierende gleichermaßen.

Mit dieser Stellungnahme fordere ich keine Absolution, möchte keine Gewissensberuhigung begehen, sondern jeden Leser und jede Leserin darum bitten und auffordern, seine und ihre Emotion zu bewahren, die Energie aufrecht zu erhalten und dafür zu sorgen, dass die von mir gemalten Bilder auch wirklich zu Bildern werden, die im Museum hängen, als historisches Abbild einer weniger toleranten Zeit - ihr seid gefordert, auf allen Ebenen. (Leser-Kommentar, Felix Kozubek, derStandard.at, 9.11.2011)

Autor

Felix Kozubek, studiert in Innsbruck Germanistik und BWL und arbeitet als freier Journalist. Er ist Gründer des Onlinemagazins alpenfeuilleton.

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