Vom Widersinn des europäischen Bankensystems

Kommentar der anderen3. November 2011, 18:41
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Eine gemeinsame Währungsunion kann nicht funktionieren, solange das Bankensystem durch nationale Grenzen segmentiert ist. - Plädoyer für eine Umorientierung nach Vorbild der USA - Von Daniel Gros

In Zeiten einer Finanzkrise kommt einer Zentralbank immer eine entscheidende Rolle zu. Aber die Rolle der Europäischen Zentralbank in der Eurozone ist heute noch "zentraler" als die der amerikanischen Federal Reserve oder der Bank of England.

Ein Hauptunterschied zwischen der Eurozone und den USA besteht darin, dass die Kreditvergabe zwischen zwei Banken in verschiedenen Mitgliedsstaaten der Eurozone noch immer als mit ganz anderen Risiken behaftet gilt, als die Kreditvergabe im "Inland" (also zwischen zwei Banken im gleichen Land). Das ist in den USA nicht der Fall, weil man dort über ein integriertes Finanzsystem verfügt und die Unterstützung der Banken (Einlagensicherung oder ganze Rettungsaktionen) auf Bundesebene erfolgt.

Deshalb hat die Tatsache, dass Kalifornien dem Bankrott möglicherweise näher ist als so manche Mitglieder der Eurozone, überhaupt keinen Einfluss auf die Einstufung der Kreditwürdigkeit dort ansässiger Banken oder auf ihre Fähigkeit, sich am Interbankenmarkt Finanzmittel zu beschaffen. Im Gegensatz dazu hängt das Schicksal aller Banken in Europa von den Regierungen in den jeweiligen Ländern ab.

Während des Kreditbooms vor 2007 bauten sich enorme grenzüberschreitende Forderungen aus dem Interbankengeschäft auf, weil die Banken sich gegenseitig vertrauten. Im Jahr 2008 kam der Interbankenmarkt abrupt zum Erliegen, da sich das Vertrauen verflüchtigte. Dabei handelte es sich um ein allgemeines Phänomen, das nicht auf spezielle Länder beschränkt war, weil man damals noch immer davon ausging, dass alle Regierungen in der Eurozone in der Lage wären, ihre eigenen Banken zu retten.

Nun, da die Solvenz der "südlichen" Länder der Eurozone nicht mehr garantiert scheint, wächst das Misstrauen entlang nationaler Grenzen. Die deutschen Banken vergeben zwar untereinander (oder an Banken in Nordeuropa) weiter Kredite, aber sie sind nicht mehr bereit, italienischen, spanischen oder anderen Banken in Südeuropa Mittel zur Verfügung zu stellen.

Jeder abrupte Stillstand in der Interbankenfinanzierung hat die gleichen Folgen wie ein Bank Run. Eine Bank, die plötzlich ihre Interbankenschulden zu begleichen hat, muss die Kredite an ihre eigenen Kunden zurückschrauben oder andere Vermögenswerte verkaufen, wodurch große Verluste entstehen. Genau das passierte, als der Interbankenmarkt nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Jahr 2008 austrocknete.

Als der grenzüberschreitende Interbankenmarkt diesen Sommer zum Erliegen kam, wurde ein ähnlicher wirtschaftlicher Zusammenbruch nur verhindert, weil die EZB ohne viel Aufhebens zur zentralen Clearingstelle der Eurozone wurde. Deutsche und andere nordeuropäische Banken, die ihren südlichen Pendants nicht mehr vertrauten, parkten ihre Mittel bei der Einlagenfazilität der EZB, während die südeuropäischen Banken, die Kreditvergabefazilitäten der EZB benutzten, um die Verluste aus der privaten Interbankenfinanzierung auszugleichen.

Regionale Ungleichgewichte in der Interbankenfinanzierung können natürlich auch im System der amerikanischen Federal Reserve auftreten. Allerdings werden sie größtenteils innerhalb landesweiter Finanzinstitutionen ausgeglichen. High-Tech-Unternehmen in Kalifornien deponieren Liquiditätsüberschüsse beispielsweise bei lokalen Niederlassungen einer landesweit agierenden Großbank, die dann möglicherweise beschließt, die Mittel als Kredite an texanische Ölfirmen zu vergeben.

Auch Anpassungen an Schocks erfolgen in den USA unabhängig vom Standort. Wenn der Ölpreis sinkt, sinkt die Kreditwürdigkeit der Ölfirmen und sie bekommen auch weniger Kredit - aber nicht, weil sie in Texas ansässig sind, sondern weil sie Ölfirmen sind.

Im Gegensatz dazu ist das Bankgeschäft in der Eurozone immer noch vorwiegend entlang nationaler Grenzen organisiert. Ein Überschuss an Ersparnissen in Deutschland wird hauptsächlich durch die Kreditvergabe auf dem Interbankenmarkt nach Spanien umgewälzt (von deutschen zu spanischen Banken). Und obwohl die EU eigentlich über einen integrierten Bankenmarkt verfügen soll, ist es den wenigen grenzüberschreitend tätigen Bankengruppen nicht einmal gestattet, als integrierte internationale Banken zu agieren, weil nationale Regulierungsbehörden und Aufsichtsinstitutionen, Liquidität und Vermögenswerte der lokalen Töchter ausländischer Banken mittels "Ring-fencing" abgrenzen. So wurde es beispielsweise einer in Italien ansässigen internationalen Bankengruppe von Aufsichtsinstitutionen untersagt, den Liquiditätsüberschuss ihrer Tochter in Nordeuropa für die Aktivitäten der Gruppe anderswo zu verwenden.

Überbelastung der EZB

Das wäre in den USA unmöglich, weil die Aufsichtsbehörden auf nationaler Ebene agieren. Außerdem ist das regionale Organisationssystem der Federal Reserve in neun Distrikte unterteilt, von denen jeder mehrere Bundesstaaten umfasst. Zahlungsungleichgewichte zwischen den Distrikten der Federal Reserve stellen daher keine Ungleichgewichte zwischen Bundesstaaten dar.

Ein weiterer Unterschied zwischen der Eurozone und den USA besteht darin, dass die Federal Reserve Kredite normalerweise gegen Anleihen vergibt und dabei ausschließlich Bundesschatzanweisungen (T-bills) als Sicherheit akzeptiert. Die Banken können daher nicht auf irgendwelche kalifornischen oder texanischen Anleihen zurückgreifen, um an Mittel der Zentralbank zu kommen. Die EZB hingegen akzeptiert private Vermögenswerte und - in Ermangelung von Bundesanleihen - auch nationale Anleihen als Sicherheiten.

Dadurch ist die EZB in einer völlig anderen Lage als die Fed, denn die Qualität der Sicherheiten ergibt sich auf Grundlage nationaler Grenzen. So haben beispielsweise griechische Banken über 100 Milliarden Euro in Form einer EZB-Finanzierung bekommen, die durch eine Kombination aus privaten griechischen Vermögenswerten und griechischen Staatsanleihen besichert sind. Wenn sich die Griechen bei einer Volksabstimmung für die Pleite entscheiden, wird die EZB enorme Verluste erleiden, da ein großer Teil der Sicherheiten wertlos werden und das griechische Bankensystem zusammenbrechen würde.

Aufgrund der ungenügenden Integration europäischer Finanzmärkte und Aufsichtsstrukturen besteht die Gefahr einer Überbelastung der EZB, die zu einer zentralen Adresse für grenzüberschreitende Kreditvergabe werden musste. Aber in dieser Funktion hat sie enorme, entlang nationaler Grenzen konzentrierte Risiken angehäuft, wodurch es zu Konflikten zwischen den Mitgliedsstaaten kommt.

Eine gemeinsame Währung und eine gemeinsame Währungspolitik kann nicht funktionieren, wenn das Bankensystem durch nationale Grenzen segmentiert ist. Der am dringendsten notwendige Schritt zur Stabilisierung des Euro ist nicht, der Schimäre einer "europäischen Wirtschaftsregierung" nachzulaufen, sondern die Grundlagen für einen wirklich integrierten Bankenmarkt zu schaffen, mit einer gemeinsamen Aufsichtsbehörde, einer Art "bundesweiter" Einlagensicherung und einem "europäischen Bankenrettungsfonds" für große grenzüberschreitende Institute. (Daniel Gros, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 4.11.2011, ©Project Syndicate 2011/ aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier)

Autor

Daniel Gros ist Direktor des Center for European Policy Studies.

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    Frankfurt, vor der Europäischen Zentralbank am Tag der Euro-Einführung, Jänner 2002. - Die flammende Begeisterung.

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