Die Brille des Betonierers

Kommentar3. November 2011, 18:34
102 Postings

Die Mitte, in der sich Regierung und Gewerkschaft treffen, sollte unter dem Niveau der Lohnerhöhungen in der Privatwirtschaft liegen

Ist der Ruf einmal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert: Fritz Neugebauer ist außerhalb seiner Klientel als gnadenloser Betonierer verschrien, mittlerweile auch bei ÖVP-Kollegen. Also wird es den Beamtengewerkschafter wenig jucken, wenn er einmal mehr alle Vorurteile bestätigt: Die Gehaltserhöhung von 4,65 Prozent, die er für die Staatsbediensteten fordert, wirkt in Krisenzeiten maßlos.

Doch Empörung wäre diesmal voreilig. Neugebauer hat sich in der Vergangenheit viel Kritik verdient, weil er als Abgeordneter einer staatstragenden Partei Themen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung (Schulen!) verhandelte, oft aber alles nur durch die Brille des Beamtenlobbyisten sah. Im aktuellen Fall trägt der 67-jährige Dauerfunktionär diese allerdings zu Recht, tritt er doch als Gewerkschafter auf seinem ureigenen Terrain auf: Man kann einem Personalvertreter schwer vorwerfen, bei Gehaltsverhandlungen das Maximum für seine Klientel herausschlagen zu wollen. Überzogene Erstangebote gehören da zur Taktik.

Die Mitte, in der sich Regierung und Gewerkschaft treffen, sollte aus Rücksicht auf das Budgetloch allerdings unter dem Niveau der Lohnerhöhungen in der Privatwirtschaft liegen. Zwar leiden auch die 350. 000 öffentlichen Bediensteten unter der Teuerung und tragen mit ihrer Kaufkraft zur Stabilisierung der Wirtschaft bei. Doch gleichzeitig genießen sie einen Vorteil, der einen finanziellen Abstrich wert ist: sichere Arbeitsplätze. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.11.2011)

Share if you care.