"Mutlosigkeit schon etwas fortgeschritten"

Interview3. November 2011, 17:41
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Solange sie nicht "die beschauliche mediale Ruhe im Land stören", schätzt Österreich im Ausland erfolgreiche Landsleute, so Hans Mahr

Hans Mahr, Medienberater in Köln, wundert sich über verkrustete Strukturen.

STANDARD: Das Land Wien verleiht Ihnen Freitag abend sein Goldenes Verdienstzeichen. Ein bisschen klingt das, wie einige andere Entwicklungen des Jahres 2011, nach dem Prinzip: Wer ins Ausland geht, wird zwar in der Heimat geschätzt - aber am liebsten, wenn er oder sie nicht zurückkommt.

Mahr: Ich fühle mich sehr geehrt und freue mich drüber. Aber das mit de Zurückkommen ist so eine Sache, das konnte man ja vor wenigen Monaten bei Gerhard Zeiler sehen, der - obwohl CEO des größten europäischen Fernsehkonzerns- für die Führung des ORF zu gewinnen gewesen wäre. Im Klartext: Österreich hätte den besten Fernsehmanager Europas, sogar in den USA ausgezeichnet, für seinen Rundfunk bekommen können. Wenn Österreich diese Chance nicht wahrnimmt, zeugt das von einer großen Nonchalance - und einer gewissen Verzagtheit. Keiner von denen, die im Ausland erfolgreich sind, kann sich über zuwenig Zuneigung aus der Heimat beklagen. Aber diese Zuneigung ist umso stärker, je mehr man sicher sein kann, dass der- oder diejenige auch nicht heimkehrt und womöglich die beschauliche mediale Ruhe im eigenen Land stört.

STANARD: Angst vor internationaler Kompetenz?

Mahr: In Österreich ist, wie der Deutsche sagen würde, alles ausgekungelt, oder wie es der Österreicher ausdrückt ausgeschnapst. Die Strukturen sind seit Jahren und Jahrzehnten gewachsen und verkrustet.

Als würde sich eine Gruppe schon ewig denselben Witz erzählen. Dann braucht nur noch einer 23 sagen - und alle lachen. So ist es mit der medialen Wirklichkeit in Österreich. Dazu kommt, wie RTL-Legende Helmut Thoma gesagt hat: In Österreich gibt es soviele Talente, dass sie sich gegenseitig an der Entwicklung hindern. Also müssen sie ins Ausland gehen. Kommen sie zurück, behindern sie wieder jemanden - oder treten ihm auf die Füße.

STANDARD: Aber vor allem gilt demnach die Maxime: Lieber das Bekannte, Gewohnte, womöglich unter Druck Setzbare als der- oder diejenige, die ohne Bindungen oder Verpflichtungen ein Job eingehen ?

Mahr: Das ist nicht nur eine Frage, die die Medien betrifft. Der Zustand der Mutlosigkeit ist in Österreich leider schon etwas fortgeschritten. Mutlosigkeit in der Politik, aber auch in der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Kultur. Wir müssen wieder die Begeisterung am Neuen und den Mut zum Risiko zurückgewinnen. Also Fenster auf und frische Luft rein.

STANDARD: Mit Verlaub: Wann war der Österreicher, falls es ihn gibt, ein Freund von Neuem und Risiko?

Mahr: Das ist gar nicht solange her: Kanzler und SP-Chef Bruno Kreisky hat auch unpopuläre Dinge angepackt und versucht, die Menschen zu überzeugen. Von Thomas Bernhard, bis André Heller hat es fruchtbare Provokationen in der Kultur gegeben und Gerd Bacher hat als ORF-Chef eine neue Medienkultur in den Rundfunk gebracht.  Ich glaube, dass wir den Mut wieder zurückgewinnen müssen.

STANDARD:  Moment: Kreisky, Bernhard, Bacher haben gegen die Kronen Zeitung operiert? Diesen Eindruck habe ich etwa von Kanzler Werner Faymann nicht.

Mahr: Das gilt nicht nur für das Kanzleramt. Aber selbstverständlich kann man gegen die Krone sich etwas trauen.

STANDARD: Man bekommt dafür eben von ihr Saures.

Mahr: Krone-Herausgeber Christoph Dichand wäre der erste, der sagt: Natürlich müssen sich die Leute auch gegen die Krone etwas trauen. Auch die Krone lebt von der Auseinandersetzung, auch von der Provokation. Das Land Österreich verträgt, dass die Kronen Zeitung, der ich noch immer sehr nahe stehe, eine andere Meinung vertritt als die Politik. Hätte sich Bürgermeister Helmut Zilk, wie wir wissen ein großer Krone - Freund, immer an der Linie der Kronen Zeitung orientiert, gäbe es kein Haas-Haus am Stephansplatz und keine Hrdlicka-Skulpturen vor der Albertina. Unser großes Problem ist: Wir sind in einem Tal der Mutlosigkeit. Wir versuchen, edes Risiko zu vermeiden, ja keine Misserfolge zu provozieren, immer auf Nummer sicher zu gehen. Aber gerade ein kleines Land wie Österreich muss in sich und nach außen provokant sein, diskussionsfreudig bis zum Äußersten. Wir können, ja wir müssen uns schon ein bisschen mehr trauen. Denn Mutlosigkeit ist immer auch ein Zeichen von mangelndem Selbstbewusstsein.

STANDARD: Zum Thema Trauen fällt einem in der Medienbranche zuletzt etwa Wolfgang Fellner ein, 2006 mit einer Tageszeitung die „Krone" frontal anzugreifen - auch wenn er sich der Unterstützung vor allem roter Politik gewiss sein konnte.

Mahr: Bei Mut zum Risiko fällt mir zunächst DER STANDARD ein. Aber man muss schon den Mut Oscar Bronners haben, eine neue Qualitätszeitung in den Markt zu setzen. Und was immer man gegen Wolfgang Fellner und seine Zeitung sagen kann: Auch er hat sich etwas getraut, als er in einer konjunkturell schwierigen Zeit ein Boulevardblatt startete. 

STANDARD: War das bei Fellner Mut oder Übermut?

Mahr: Der Pfad zwischen Mut und Übermut ist relativ schmal. Wenn es gelingt, war es Mut. Wenn es misslingt, war es Übermut. So einfach ist das. 

STANDARD: Klingt nicht euphorisch?

Mahr: Grundsätzlich sehe ich die Lage positiv: Wir haben in Österreich eine sehr gute Mediensituation. Es gibt sogar Zuwächse im Printgeschäft: Heute, Österreich, Die Presse am Sonntag, auch in den Bundesländern tut sich einiges. Die Privatfernsehszene entwickelt sich, mit Puls 4, nun ATV 2. Nur Jene, die die große Verantwortung im Land haben, sind zauderhaft geworden, etwas Mutlos. Das Engagement, etwa Wissenschafter, oder Künstler heimzuholen wie damals in der Kreisky-Zeit, ist ebenso weg, wie bei erfolgreichen Leuten aus der Wirtschaft oder den Medien.

Das beste Beispiel war Zeiler: Wenn man die Chance hat, so einen Mann zu holen und diese Chance nicht ergreift, dann beweit das, dass der Mut fehlt. Natürlich sind Leute, die in der großen, weiten Welt ein bisschen frische Luft geatmet haben, weniger bereit, sich bedingungslos auf die österreichische reale Wirklichkeit einzulassen, als jene, die diesen Zustand nicht nur mit der Muttermilch aufgenommen haben, sondern noch als Erwachsene zum Gabelfrühstück konsumieren.

STANDARD: Darf man da eine Annonce herauslesen, dass Sie gerne in die Heimat gerufen würden?

Mahr: Nein (lacht). Ich habe mich seit 18 Jahren in Deutschland eingenistet, bin glücklich zwei bis dreimal im Monat in Wien. Das ist für mich wahnsinnig schön, aber deshalb muss ich noch lange nicht wieder in Wien arbeiten. Ich bin ja schon emeritiert. Ich habe meine Ruhe mit dem Wechselspiel von Deutschland, Österreich und der restlichen Welt gefunden. Ich denke da eher an andere, nehmen Sie etwa die Gitti Ederer. Heute ist sie weltweite Personalchefin bei Siemens. Was könnte die sein? 

STANDARD: Bundeskanzlerin wäre auch drin gewesen, meine Sie?

Mahr: Es geht mir um die Grundfrage: Man könnte viele international erfolgreiche Österreicher aus Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft heimholen und zum Besten von Österreich einsetzen.
Auch wenn die vielleicht ein bisschen schwieriger sind. Auch wenn die vielleicht nicht so sehr in diese österreichische Szene passen. (Harald Fidler, DER STANDARD; Printausgabe, 4.11.2011)

  • Hans Mahr, Medienberater in Köln: "Keiner von denen, die im Ausland erfolgreich sind, kann sich über 
zuwenig Zuneigung aus der Heimat beklagen. Aber diese Zuneigung ist umso
 stärker, je mehr man sicher sein kann, dass der- oder diejenige auch 
nicht heimkehrt und womöglich die beschauliche mediale Ruhe im eigenen 
Land stört."
    foto: standard/newald

    Hans Mahr, Medienberater in Köln: "Keiner von denen, die im Ausland erfolgreich sind, kann sich über zuwenig Zuneigung aus der Heimat beklagen. Aber diese Zuneigung ist umso stärker, je mehr man sicher sein kann, dass der- oder diejenige auch nicht heimkehrt und womöglich die beschauliche mediale Ruhe im eigenen Land stört."

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