Janukowitsch fürchtet bewaffneten Umsturz

3. November 2011, 19:02
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Demonstrationen in Kiew nehmen an Schärfe und Gewalt zu

Kiew/Wien - Seit Tagen werden Parlaments- und Regierungsgebäude in Kiew von Demonstranten belagert. Die Gewalt zwischen Polizei und Protestierenden nimmt dabei zu, die politische Führung reagiert nervös. Präsident Viktor Janukowitsch spricht von einem geplanten Staatsstreich, die Opposition vermutet, damit sollen neue Repressionen gerechtfertigt werden.

"Die Sicherheitsorgane haben mir mitgeteilt, dass derzeit massiv Waffen gekauft und bewaffnete Anschläge auf staatliche Einrichtungen vorbereitet werden", erklärte Janukowitsch auf einer Regierungssitzung.

Das ukrainische Innenministerium schlägt ebenfalls Alarm: "Die Menge der heuer beschlagnahmten Waffen reicht für einen kleinen Krieg aus", teilte der Pressedienst des Ministeriums mit. Insgesamt sollen knapp 2800 Schusswaffen konfisziert worden sein, daneben auch Granaten, Schießpulver und über 700 Kilo Sprengstoff.

Janukowitsch solle sich psychiatrisch untersuchen lassen, fordert die Opposition, die vermutet, dass dessen Aussagen neue Repressionen rechtfertigen sollen.

Gewalt nimmt zu

Geschossen wird in Kiew zwar noch nicht, doch die Auseinandersetzung zwischen Polizei und Demonstranten wird brutaler. Protestiert wird gegen die geplanten Kürzungen im Haushalt. Daneben wird auch die Auflösung des Parlaments gefordert.

Die Demonstranten haben mehrmals versucht, das Gebäude zu stürmen: Zweimal gelang es ihnen, die Umzäunungen zu durchbrechen, ehe die Polizei die Menge auseinandertrieb.

Wenig zimperlich gehen die Ordnungshüter dabei auch mit Pressevertretern um. Einem Fotografen wurde am Donnerstag von Polizisten der Sondereinheit Berkut mindestens eine Rippe gebrochen.

Eine Parlamentsauflösung kann sich Janukowitsch, der im Umfragetief hängt, nicht leisten. Der Unzufriedenheit im Land könnten Medienspekulationen nach aber einige Minister zum Opfer fallen.

Als Kandidaten für einen Rauswurf gelten Bildungsminister Dmitri Tabatschnik, Kulturminister Michail Kulynjak, Gesundheitsminister Alexander Anischtschenko und sogar Vize-Premier Sergej Tigipko. Gerade die Personalie Tigipko ist pikant: Der Bankier und Milliardär wurde 2010 bei den Präsidentenwahlen Dritter, ehe er sich im zweiten Wahlgang mit Janukowitsch gegen Timoschenko verbündete. (André Ballin/DER STANDARD, Printausgabe, 4.11.2011)

 


  • Viktor Janukowitsch verdächtigt die Opposition des Umsturzversuchs.
    foto: epa/sergei karpukhin

    Viktor Janukowitsch verdächtigt die Opposition des Umsturzversuchs.

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