"Der Chefprinz braucht einen Vierstrahler"

3. November 2011, 17:30
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Von Marmorböden bis zu Luxus­möbeln für fliegende Paläste: Die List-Gruppe liefert für saudische Prinzen und andere Betuchte das Interieur für Großraumjets

Für Normalsterbliche ist Fliegen eine mehr oder weniger angenehme Erfahrung, eingeklemmt im Mittelsitz eines Regionalfliegers oder Business-Komfort im Großraumjet. Für eine privilegierte Miniminderheit von Regierungschefs und unermesslich reichen Scheichs wie Kapitalisten hingegen unterscheidet sich Fliegen kaum von einer Hotelsuite oder einem Palast, Dienstpersonal inbegriffen.

Wohnzimmer mit ausladenden Sitzgarnituren und überdimensionierten Flachbildschirmen gehören in dieser Ausstattungsklasse ebenso zum Standard wie Schlafzimmer mit Doppelbett, geräumige Badezimmer und Sauna. Ab 30 Mio. Euro sind 100 Quadratmeter Wohnfläche in einer Boeing 737 oder einem Airbus A320 zu bekommen, "die bevorzugten Flieger reicher Privatpersonen", erklärt Michael Grigoleit, bei Lufthansa Technik in Hamburg für "VIP & Executive Jet Solutions" verantwortlich. "Für arme VIPs können wir schon auch eine Ikea-Variante um 20 Millionen machen."

Dabei sind Narrow-Body-Jets, Reisenden im Normalbetrieb mit zwei Dreierreihen an Sitzplätzen vertraut, nur das untere Ende des Luxus über den Wolken. 450 Quadratmeter Wohnfläche wird die erste im Frühjahr 2012 an eine Privatperson ausgelieferte neue Jumboversion 747-8i haben, 600 Quadratmeter der Airbus A380. "Dreistellige Millionenzahlen" sind für das Interieur eines Wide-Body-Jets wie des A340 oder der Boeing 747 hinzulegen, sagt Grigoleit - Flugzeug natürlich nicht inbegriffen. "Das sind die Klassiker im VIP-Geschäft", sagt Grigoleit, "der Chefprinz braucht einen Vierstrahler".

Von diesem - wachsenden und relativ krisensicheren - luftigen Luxusgeschäft profitiert jetzt auch die List-Gruppe im niederösterreichischen Edlitz im Wechselgebiet. Vor einigen Jahren stieg die List Components & Furniture GmbH, die Hotelausstattungen und Interieurs für Yachten und Kreuzfahrtschiffe macht, als Zulieferer von Interieurs für Business-Jets ein.

Hürdenreicher Einstieg

Jetzt krönt ein Kooperationsvertrag mit der VIP-Sparte von Lufthansa Technik diese Expansion, mit der Boeing 747-8i soll die Zusammenarbeit beginnen. Zwar wollen weder Lufthansa-Technik-Vorstand Thomas Stüger noch Firmenchef Franz List das Auftragsvolumen beziffern, aber der Partner, der im VIP-Geschäft rund 250 Mio. Euro im Jahr umsetzt, streut List Rosen: "Sie haben das höchstentwickelte System zur Herstellung von Aircraft-Interiors, das wir je gesehen haben", sagt Grigoleit - wie bei Marmorböden an Bord, dem jüngsten Luxustrend und Hightech-Spezialität von List, oder Steinoberflächen, die wie Furnier aufgetragen werden.

Die besondere Herausforderung: Alle Komponenten, die in einem Flieger verbaut werden, müssen zertifiziert, jeder einzelne Arbeitsschritt muss dokumentiert werden - Voraussetzungen, die List beim Eintritt ins Luftfahrtgeschäft erfüllen musste, um von der europäischen Luftfahrtbehörde EASA lizenziert zu werden.

30 Prozent von knapp 70 Mio. Euro Umsatz kamen im Vorjahr aus dem Luftfahrtgeschäft, "wir wollen auf rund 50 Prozent kommen", erklärt Firmenchef List im Gespräch mit dem Standard. 120 bis 150 neue Mitarbeiter werden nötig sein, um die Expansion zu bewerkstelligen. Derzeit beschäftigt die Gruppe 550 Personen.

"Es gibt nur wenige Wünsche, die wir nicht erfüllen können", sagt Grigoleit beim Werftrundgang in Hamburg. In saudischen Fliegern etwa gehören Intensivstation und OP-Saal zur Grundausstattung. Zu den wenigen Unmöglichkeiten gehören Kamine, Schwimmbecken und Golfplätze. Weil Jets keine Panoramafenster haben können, entwickelt man gerade eine andere Lösung: Ein Riesendisplay, auf dem das Panorama per Kamera gezeigt wird.

Aber auch Superreiche müssen sich mit dem Übel der Kleinen herumschlagen: Lieferfristen. Vier bis zwölf Monate braucht die Ausstattung eines A320 oder einer B737, bis zu zwei Jahre jene eines der fliegenden Paläste. Dem gehen Jahre der Planung und des Wartens auf den Flieger voraus. Prinz Alwaleed bin Talal bin Abdulaziz Al Saud, der bisher einzige private A380-Besitzer, hat für sein Luxusspielzeug bisher noch kein Completion-Center gefunden - "vor 2014/2015 wäre bei uns nichts zu machen", bedauert Grigoleit.(Helmut Spudich, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 4.11.2011)

  • Sonnenaufgang in 10.000 Meter Höhe: Da Fenster von Jets nicht größer gemacht werden können, entwickelt Lufthansa Technik für VIP-Flieger ein Riesendisplay, das Außenaufnahmen wiedergibt.
    foto: standard/lht

    Sonnenaufgang in 10.000 Meter Höhe: Da Fenster von Jets nicht größer gemacht werden können, entwickelt Lufthansa Technik für VIP-Flieger ein Riesendisplay, das Außenaufnahmen wiedergibt.

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