"Die Gefahr des Durchdrehens steigt"

3. November 2011, 17:28
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Wie der Wiener Thomas Janeschitz Assistent des Schweizer ÖFB-Teamchefs Marcel Koller wurde

Wien - Es war Zuneigung auf den ersten Blick. Das Zusammentreffen zwischen Marcel Koller und Thomas Janeschitz fand Anfang Oktober in den Räumlichkeiten des ÖFB satt. Koller wurde ein paar Stunden davor in Oberwart als neuer Teamchef präsentiert, er suchte dann seinen neue Arbeitsplatz, das Büro im Happel-Stadion, auf. Der 45-jährige Janeschitz hat dort ein eigenes Zimmer samt Schreibtisch, er ist seit 2009 für die Trainerausbildung und -fortbildung im Verband zuständig.

Man stellte einander auf dem Gang vor, wechselte nicht Worte, sondern ganze Sätze. Ein paar Tage später gastierte die U18 in der Schweiz, Koller besuchte die Mannschaft samt Trainer. Und der war Janeschitz. Sie speisten zu Mittag ausgiebig, im Sinne von lange. "Es dauerte zwei Stunden", sagt Janeschitz. "Wir lagen auf einer Welle." Es folgte ein gemeinsamer Besuch der Liga-Partie zwischen Admira und Wacker Innsbruck, nach Abpfiff fragte Koller seinen Begleiter, ob er nicht Co-Trainer werden wolle. Er wollte. Den anderen Assistenten, den Schweizer Fritz Schmid, kennt der Wiener Janeschitz noch nicht wirklich. "Es gab einen zweiminütigen Dialog. Aber der reichte, um zu spüren, dass es passt."

Der Hauptaufgabenbereich von Janeschitz umfasst die Analyse von gegnerischen Mannschaften und den eigenen Spielern. Er wird schon einen Trainingsanzug anziehen, "aber ich werde auf dem Platz keine großen Anweisungen geben und Übungen leiten". Auf den 8. November - an diesem Tag versammelt Koller den Kader für die Partie am 15. November in der Ukraine - ist Janeschitz "sehr gespannt. Die Vorfreude ist riesig."

Trainerausbildner bleibt er, die U18 lässt er sein. "Ich hoffe, dass ich einige Spieler in ein paar Jahren wiedersehe." Janeschitz sagt, in Österreich gebe es sehr gute Trainer. "Auch wenn ein Schweizer Teamchef ist. Aber Didi Kühbauer, Peter Stöger, Peter Schöttel und andere gehen ihren Weg. Dass kaum einer im Ausland unterkommt, liegt am geringen Stellenwert unseres Fußballs. Dieses Problem haben viele kleine Länder."

Janeschitz hat Sport und Mathematik studiert. "Fußball allein schien mir zu wenig. Nun habe ich genug davon." Der ehemalige Stürmer (Sportklub, Austria) zählt sich zur neuen Trainergeneration, "was immer das auch heißen mag. Die Anforderungen haben sich geändert. Das Startum hat Einzug gehalten, es wird alles öffentlicher, manche leiden an Realitätsverlust, stellen eigene Interessen über jene der Gemeinschaft. Die Gefahr des Durchdrehens steigt. Ein Trainer muss Managementfähigkeiten besitzen, alles unter einen Hut bringen."

Zeit und Qualität

Gerade in einer Ellbogengesellschaft sei "Teamarbeit wichtig. Die Zeit der Schleifer ist vorbei, es geht um gegenseitigen Respekt und darum, einer Sache zu dienen. In unserem Fall ist es der österreichische Fußball." Die Nationalmannschaft müsse eine Identität, einen Wiedererkennungswert bekommen. "Man muss realistisch bleiben. Aber es ist möglich, guten und konkurrenzfähigen Fußball zu praktizieren. Gibt man Koller Zeit, wird sich die Qualität durchsetzen."

Über die Spielphilosophie solle man eher mit Koller diskutieren, aber da man quasi auf einer Welle schwimmt, sagt Janeschitz: "Eine seriöse Vorbereitung ist die Voraussetzung. Die Defensive muss kompakt stehen. Die Offensive, die in der Abwehrphase beginnt, soll Akzente setzen. Mit einem schellen Spiel in die Tiefe." (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe, 4.11.2011)

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    Thomas Janeschitz wird den Fußball des A-Teams nun ganz genau beobachten.

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