"Die Höhle der vergessenen Träume": "Picasso ist auch nicht besser"

Interview3. November 2011, 17:01
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Werner Herzog hat für "Die Höhle der vergessenen Träume" die Wandmalereien der Chauvet-Höhlen in der Ardèche erstmals filmen dürfen - sogar in 3-D

Dieter Oßwald sprach mit dem deutschen Regisseur und Abenteurer.

Standard: "Die Höhle der vergessenen Träume" avancierte in den US-Kinos zum erfolgreichsten Dokumentarfilm des Jahres - wie erklären Sie diesen enormen Erfolg?

Herzog: Der liegt wohl daran, dass der Film eine bestimmte Kraft besitzt, die man im Kino selten erlebt: Da ist ein ganz tiefes Staunen, das sich im Publikum auf einmal ausbreitet. Das Schöne ist, dass die Zuschauer das Kino verlassen, und keiner redet von einem Film - alle reden von einer Höhle, als gäbe es gar keinen Film. Das ist für mich ein riesiges Kompliment.

Standard: Etliche Filmemacher haben vergeblich versucht, in die heiligen Höhlen vorzudringen - konnten Sie die begehrte Drehgenehmigung bekommen, weil Kulturminister Frédéric Mitterand ein großer Fan von Ihnen ist?

Herzog: Ob der Minister meine Filme liebt oder nicht, spielt wahrscheinlich nur eine geringe Rolle. Die Genehmigung kann der Kulturminister alleine gar nicht geben. Da mussten auch die Regionalregierung und der Rat der Wissenschaft zustimmen. Mitterand wusste natürlich von meinen Filmen, dass ich als Regisseur kompetent bin. Aber keiner von denen, die einen Film über dieses Thema machen wollten, hatte solch eine Glut in sich wie ich. Dieses Thema hat mich seit meiner Jugend fasziniert - das hat sich wahrscheinlich mitgeteilt.

Standard: Um den Film drehen zu können, haben Sie sich vom französischen Staat anstellen lassen, für das symbolische Honorar von einem Euro ...

Herzog: Das war eine Geste, und ich habe auch gleich gesagt, dass ich dieses Honorar nicht in Frankreich versteuern würde. Praktisch gesehen hat dieser eine Euro allerdings die Konsequenz, dass der französische Staat nun sämtliche nichtkommerziellen Rechte besitzt. Das Kultusministerium kann den Film also in 30.000 Klassenzimmern, in Museen oder auf Festivals zeigen.

Standard: Und dabei werden Sie von Volker Schlöndorff auf Französisch synchronisiert.

Herzog: Stimmt, der Schlöndorff spricht meinen Part. Meine Stimme mag eine Art Markenzeichen sein, aber ich spreche kein Französisch. Ich benötigte also jemanden, der glaubwürdig und intelligent Französisch sprechen konnte - und Schlöndorff hat das netterweise für mich gemacht.

Standard: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie in der Höhle vor diesen Bildern standen?

Herzog: Gar kein Gedanke, nur Staunen. Totales Staunen - obwohl ich von den Fotos in etwa wusste, was mich erwartet. Einen Raum zu betreten, der über Zehntausende von Jahren hinweg vollkommen versiegelt war, das ist atemberaubend. Dieses unerhörte Staunen auf ein Publikum übertragen zu können war mein großes Anliegen.

Standard: Es überrascht ein wenig, dass ausgerechnet Sie sich an das Verbot halten, den vorgegebenen Weg der Höhle keinesfalls zu verlassen, und stets auf dem Metallsteg bleiben ...

Herzog: Niemand verlässt diesen Metallsteg, weil gleich daneben frische Spuren von Höhlenbären zu finden sind, die seit 30.000 Jahren unverändert sind. Erst am letzten Drehtag haben wir versucht, unsere beiden Begleitpersonen zu bitten, dass wir mit einer an einem Besenstiel befestigten Kamera etwas weiter vordringen dürfen. Die haben sich kurz beraten und sagten dann: "Monsieur: Oui!"

Standard: Wenn Sie die französischen Höhlenmalereien mit den 10.000 Jahre älteren Figuren von der Schwäbischen Alb vergleichen - welche Kunstwerke gefallen Ihnen besser?

Herzog: Das kann ich gar nicht sagen. Auch diese Figuren von der Schwäbischen Alb haben etwas sehr Anrührendes und Bewegendes. Es ist schon seltsam, wie sich dieses Ergreifende über 40.000 Jahre hinweg uns heute noch mitteilen kann - das ist wirklich menschliche Kultur. Und die erstaunliche Erkenntnis lautet: Picasso ist auch nicht besser.

Standard: Warum lassen Sie den Tübinger Archäologen auf dem ältesten Musikinstrument der Menschheit ausgerechnet die US-Nationalhymne spielen?

Herzog: Als ich ihn fragte, ob diese Flöte tatsächlich spielt, hat er mir darauf die US-Nationalhymne vorgespielt. Die Tonlehre hat es vor 40.000 Jahren eben auch schon gegeben. Das wir das im Film verwenden, gehört einfach zur Erzählfreude und einem gewissen Humor hinzu. Man darf das nicht alles so bierernst abhandeln.

Standard: Humor würden manche nicht unbedingt mit Herzog verbinden ...

Herzog: Das Publikum hat den Humor immer schon wahrgenommen, weil in meinen Filmen ja gelacht wird. Bei den Kritikern wächst auch langsam die Anzahl derer, die den Humor erkennen und beschreiben.

Standard: Humor beweisen Sie bald auch bei den "Simpsons" - wie sieht Ihre Rolle aus?

Herzog: Ich spiele mich nicht selbst, sondern verkörpere bei den "Simpsons" einen deutschen Pharmazieunternehmer, der eine LSD-artige Pille auf den Markt wirft, die unerträgliche alte Leute wie den Grandpa ruhigstellen soll. Mit Ausnahme von "Incident at Loch Ness" habe ich mich nie selber gespielt. Ich bin immer am besten, wenn ich feindselig und niederträchtig auftrete.

Standard: Demnächst zeigen Sie das auch an der Seite von Tom Cruise.

Herzog: Ja, im Dezember spiele ich den Bösewicht in einem großen Hollywood-Actionfilm. Leider, leider muss er mich am Schluss umbringen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 4.11.2011)

  • Regisseur Werner Herzog (re.) mit dem Wissenschafter Wulf Hein, der in "Die Höhle der vergessenen Träume" sich einen urzeitlichen Menschen anverwandelt.
Herzog (69), geboren im bayrischen Sachrang, drehte seinen ersten Film 1962. Seine Arbeiten werden dem "Neuen Deutschen Film" zugerechnet, berühmt wurde seine konflikträchtige Zusammenarbeit mit Klaus Kinski. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet Herzog in den USA, wo er auch eine "Rogue Film School" gegründet hat.
 
    foto: lunafilm

    Regisseur Werner Herzog (re.) mit dem Wissenschafter Wulf Hein, der in "Die Höhle der vergessenen Träume" sich einen urzeitlichen Menschen anverwandelt.

    Herzog (69), geboren im bayrischen Sachrang, drehte seinen ersten Film 1962. Seine Arbeiten werden dem "Neuen Deutschen Film" zugerechnet, berühmt wurde seine konflikträchtige Zusammenarbeit mit Klaus Kinski. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet Herzog in den USA, wo er auch eine "Rogue Film School" gegründet hat.

     

  • Der Regisseur vor den Malereien der Chauvet-Höhle, der eigentlichen Attraktion des 3D-Filmprojekts
    foto: lunafilm

    Der Regisseur vor den Malereien der Chauvet-Höhle, der eigentlichen Attraktion des 3D-Filmprojekts

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