Geplante Zugstreichungen

Bis zu 400.000 zusätzliche Autofahrten jährlich auf Strecke Graz-Salzburg

3. November 2011, 16:13
  • Artikelbild
    foto: oliver lang/dapd

    Eine massive Verlagerung des Verkehrs auf die Straße durch die geplanten Zugstreichungen auf der Strecke Graz-Salzburg ist laut Studie des Institutes für Geografie an der Universität Graz zu befürchten.

Studienautor rechnet damit, dass sich Feinstaub, Staus und Lärm "deutlich erhöhen"

Graz - Eine massive Verlagerung des Verkehrs auf die Straße durch die geplanten Zugstreichungen auf der Strecke Graz-Salzburg ist laut Studie des Institutes für Geografie an der Universität Graz zu befürchten. Studienautor Christian Kozina rechnet mit mindestens 100.000 und bis zu 400.000 zusätzlichen Autofahrten jährlich auf der Strecke. Regionalzüge als Ersatz für den bisherigen IC-Zwei-Stundentakt würden keinen adäquaten Ersatz darstellen.

Bisher bestand für Fahrgäste auf der Zugstrecke Graz-Salzburg ein Zwei-Stunden-Takt mit Anschluss nach Linz, Innsbruck und Vorarlberg. Die geplante Streichung von vier der sieben Zugpaare ab dem 12. Dezember würde - auch wenn ein Teil durch noch diskutierte zusätzliche REX-Verbindungen (Regional Express) kompensiert wird - eine Dynamik entfachen, die das Bahnfahren immer weniger attraktiv macht, so Kozina.

Wenn sich durch die Zugstreichungen die Fahrzeiten durch den Umstieg auf Regionalzüge verlängern und sich für die Fahrgäste die zeitliche und räumliche Flexibilität verschlechtert, würden persönliche Mobilitätsentscheidungen "prinzipiell neu überdacht", so Kozina: Im besten Fall würden 75 Prozent der Fahrgäste der gestrichenen Züge andere Verbindungen nutzen, der Rest würde aufs Auto umsteigen. Das würde rund 100.000 zusätzliche Autofahrten jährlich ergeben.

Bis zu 400.000 zusätzliche Autofahrten

Bei 90-prozentigem Umstieg hieße das 400.000 zusätzliche Autofahrten - aufgeteilt auf die einzelnen Abschnitte. Feinstaub, Staus und Lärm wurden sich "deutlich erhöhen". Im Tourismus seien Wertschöpfungsverluste von zehn bis 20 Millionen Euro zu befürchten. Hinzu kämen Kosten für Unfälle, Umwelt- und Klimaschäden. Kozina sprach von 1,7 Mio. Euro.

Während die ÖBB durchschnittlich durchgehend 32 Fahrgäste kolportiert, geht Kozina für seine Berechnungen der ökonomischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen der geplanten Zugstreichungen von durchschnittlich 150 Zugbenützern aus. "Die Zahl der durchgehend fahrenden Kunden ist vielleicht richtig, aber für die Berechnungen irrelevant. Die Züge bilden das Rückgrat für die Anbindung aller an der Strecke liegenden Orte und sind nicht nur für Fernreisende zwischen Graz und Salzburg reserviert", begründete Kozina.

ÖBB dementiert

Die ÖBB kann die Ergebnisse der Studie nicht nachvollziehen. Die Autoren würden sich auf bis zu 400.000 zusätzliche Autofahrten auf der Strecke zwischen Graz und Salzburg im Jahr beziehen: "Das entspricht täglich weit über 1.000 PKW-Fahrten pro Tag. Diese Zahl ist für die ÖBB nicht nachvollziehbar, da die derzeitigen Frequenzwerte auf diesen Zügen weitaus geringer sind als die angegebenen Daten", so die ÖBB in einer Aussendung.

Aufgrund der geringen Auslastung zwischen Graz und Salzburg seien aus wirtschaftlichen Überlegungen Anpassungen im Fahrplan erforderlich. Die ÖBB hätten einen Vorschlag für Zusatzleistungen zur Verbesserung des geplanten Grundangebotes zwischen Salzburg und Graz an die Länder übermittelt. Ziel sei es, die sechs Direktzüge pro Tag durch direkte Zusatzzüge am Wochenende (Fr, Sa, So) zu ergänzen. Zudem beinhalte der Vorschlag von Montag bis Donnerstag Schnellzüge in Teilstrecken. Es komme weder zu massiv längeren Fahrzeiten noch zu mehr Stopps: "Die geplanten Schnellzugsverbindungen behalten die gleichen Haltemuster der bisher eingesetzten IC bei. Die Fahrtzeit des IC zwischen Graz und Salzburg betrug bis dato 4 Stunden und 7 Minuten. Die ersatzweise geplanten Schnellzüge fahren in einer Zeit von 4 Stunden und 11 Minuten von Graz nach Salzburg. Der neue Umstieg in Bischofshofen führt aufgrund des bisherigen Aufenthalts von 10 Minuten zu keinem zeitlichen Verlust. Der Unterschied beträgt also lediglich 4 Minuten in der Fahrtzeit. Dass diese 4 Minuten dazu führen sollen, dass angeblich 25 bis 90 Prozent der Fahrgäste von der Schiene auf die Straße wechseln werden, ist nicht logisch und wissenschaftlich nicht erklärbar", so die ÖBB.

Schützenhilfe

Der Grazer Geograf spricht sich grundsätzlich für die Beibehaltung des bisherigen Zwei-Stunden-Taktes aus. Er bekam Schützenhilfe von Peter Veit, Leiter des Instituts für Eisenbahnwesen der TU Graz, der das "Zielnetz 2025+" mit dem geplanten integrierten Taktfahrplan der ÖBB gefährdet sieht: "Bedenkt man, wie schwer es ist, enttäuscht abgewanderte Kunden wieder zurückzugewinnen, dann stellt eine derart massive Reduktion des Angebots das Zielnetz 2025+ infrage", betonte der Experte.

Der Verein "Fahrgast Steiermark" hat für Österreich daher ein Konzept entwickelt, bei dem IC- und REX-Züge zu einem "Interregio"-Zugsystem verschmelzen. Damit wurde nicht nur der Fernverkehr aufrechterhalten, sondern auch regionale Verkehrsbedürfnisse erfüllt. (APA/red)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 158
1 2 3 4
phorus
01
4.11.2011, 19:56

dann bauen wir halt eine neue autobahn. wird doch sicher kein problem sein!

Majestix
 
00
9.11.2011, 14:20
Für 45 Autos mehr pro Stunde brauchen keine neue Autobahn.

Salz Burger
00
5.11.2011, 11:50

eigentlich fehlt nur das Stück durch das Ennstal zwischen Radstadt und Liezen.

focus
04
4.11.2011, 17:45
das ist eben...

... wenn man über jahre hinweg milliarden in den ausbau der westbahn buttert, während man andre hauptstrecken versumpern und nebenbahnen komplett vergammeln und verfallen lässt.

dafür fahren jetzt eben 2 evu's zwischen wien und sbg, während überall anders die leut aufs zugfahren sch...
eh klar. wenn ich von ewig brauch und teils mim auto billiger unterwegs bin: wozu in einen zug einsteigen?
abgesehen davon, daß man meistens sowieso erst zum bhf mim auto fahren müsste.

ein koralm- und semmeringtunnel werden da auch nicht viel helfen. amortisieren werden sich diese kosten ohnehin nie.

nonsens
01
5.11.2011, 11:19

z.b. die strecke feldkirch - graz wurde vor 15 jahren wesentlich besser bedient als heute

kürzere reisezeiten
mehr direkte verbindungen
billiger (da heute der nicht bestellte umweg über salzburg zusätzlich verrechnet wird)

nur ein beispiel von vielen

der letzte kompetente (auch nicht fehlerlose) öbb-manager war draxler

seit schüssel steht offensichtlich schädigung der öbb, selbstbereicherung und korruption im vordergrund

ps: wieviele verkehrsminister gab es in der schüssel-ära (10 jahre ? --- ... vm)

Quim Barreiros
00
5.11.2011, 13:28

Laut Tarif kann man mit Fahrscheinen, die von der Stmk nach Tirol oder Vorarlberg über Zell am See ausgestellt sind, auch über Salzburg fahren. Ein preislicher Unterschied besteht also nicht.

Resi Tupfer
00
4.11.2011, 17:22
Österreich das Land der Wunderer.

Angst könnte man da schon fast bekommen, was sich bei uns gewundert wird. Die Wunderer wundern sich halt über alles. Wenn jetzt Wunderer auf Nichtwunderer treffen ist das Ergebnis besonders bewundernswert. Die Nicht-, wie auch die Total- Wunderer sind sich immer sicher, es eh schon immer gewusst zu haben, dass es so kommen musste, oder wird und wundern sich über diese Zustände. Wen wundert es da noch, wenn der Zug abgefahren ist?

Und wann wundern sich Wunderer und Nichtwunderer einmal nicht? Immer dann, wenn die anderen etwas sagen, weil dann haben sie selber das schon immer so gewusst.

Wunderbar!

Resi

Langschluss
00
4.11.2011, 16:54

Naja, dann miete ich mir halt ein Auto wenn ich von Innsbruck nach Graz und retour fahre - für 2 Leute ist das billiger als mit der Vorteilscard der Bahn das zu machen! Und auch 1 h schneller.

Wirklich toll von unserer ÖBB. Kann man den Betrieb bitte zusperren? Der ist ja ohnehin für nichts gut.

luke skywalker
30
4.11.2011, 16:41
So eine "Studie" hat in etwas den Wert

wie die Wettervorhersage für Weihnachten 2021.

Tragisch ist nur, dass der Standard sowas abdruckt als wärs ernst zu nehmen.

Raymond Domenech
00
4.11.2011, 15:46
100000 bis 400000

zum Glück hat der Autor das so genau eingrenzen können.

der_kleine_pariser
 
00
4.11.2011, 21:43

den beiden Zahlen liegen auch zwei verschiedene Szenarien zugrunde.

90% Fahrgastverlust und 400.000 (auch regionale) PKW-Mehrfahrten bei Totalumsetzung des Streichkonzerts.

25% Fahrgastverlust und 100.000 PKW-Mehrfahrten, wenn die drei zusätzlichen Züge Graz- B'hofen doch noch kommen.

Parkschwein
00
4.11.2011, 18:09

ich glaub aber die beiden zahlen sind jeweils +-80%.

Staatssekretär
03
4.11.2011, 12:02

Könnte man die Strecke nicht gleich an Hr. Haselsteiner verpachten?

Also wenn ein Betrieb, der derartig von der Allgemeinheit subventioniert wird, es nicht schafft Österreichs zweitgrößte mit der viertgrößten Stadt zu verbinden - läuft da gewaltig was schief.

erkelteter tiger
00
4.11.2011, 15:57
ich bin mit ziemlich sicher

dass haselsteiner kein interesse hat

Esstbakterienjoghurt Damitdanonewasverdient
00
4.11.2011, 20:14

Stimmt nicht. Wie jüngst mehrfach in den Medien zu lesen war, behaupten Hasdelsteiner&Co, dass sie mit den gleichen Subventionen die die ÖBB für das reduzierte Angebot kassieren einen vollwertigen 2 Stunden-Intercitytakt anbieten könnten. Das hat aber die Verkehrsdorli Bures mit dem Argument abgelehnt, dass die armen ÖBB wegen ihrer höheren Personalkosten eine Ausschreibung eh nie gewinnen könnten und deshalb alles beim Alten bleiben muss, die Fahrgäste also sc.....en gehen sollen.

der_kleine_pariser
 
00
4.11.2011, 21:12

Weil er draufgekommen ist, dass er auch auf der Westbahn gegen die weit besser aufgestellte alteingesessene Konkurenz mit seinen 7 Triebwagerl keine Meter macht?

R. Lexer
01
4.11.2011, 14:52

Das ist ja der Punkt. Ausbauten, die die ÖBB oft selber gar nicht wollen, bekommen Milliardensubventionen.

Wenn es dagegen bei der Finanzierung des Betriebs geht, wird da nur sehr halbherzig abgegolten, insbesondere wenn der Landeshauptmann Pröll heißt.

Cato lebt!
01
4.11.2011, 11:52

Natürlich sollte die schnelle Zug-Verbindung Salzburg - Graz unbedingt aufrechterhalten werden!

400.000 Autofahrten pro Jahr sind nur leider kein Argument für eine IC-Verbindung. Sind gerademal schwache 1100 Autofahrten pro Tag auf der gesamten Strecke. Wahrscheinlich sind auch alle Kurzstreckenfahrten im Verlauf der Strecke mitgezählt.

Nachdem der inneröstereichische Zugverkehr abseits der Hauptrouten (Westbahn und Südbahn und aus) ohnehin krankt, wäre ein Interregiokonzept vielleicht ein guter Ansatz, nicht nur diese Verbindung zu retten, sondern auch anderen wieder neues Leben einzuhauchen.

Cocooning
02
4.11.2011, 12:02
schnell?

4:06 für 300 km? das ist nicht schnell. die strecke gehört ausgebaut, die fahrtzeit um MIND. eine stunde reduziert - und dann wird sie auch angenommen. siehe westbahn.

R. Lexer
00
4.11.2011, 14:54

Die Südbahn ist auch nicht so viel flotter: 4:06 sind's auch von Wien bis Velden (352 km).

Cato lebt!
00
4.11.2011, 12:27

na ja - bei einem dutzend zwischenstops wirds schierig, das westbahntempo zu erreichen.

4:06 h sind natürlich keine attraktion ...

minor differences part 4
00
4.11.2011, 15:50

Dann eben nur 3-4 Zwichenstopps. Fur den Rest gibts Rex und Lokalbahnen.

focus
00
4.11.2011, 17:40
lokalbahnen...

... ja, einige gibts noch.
aber man arbeitet schon mit nachdruck daran, diese einzustellen.

verleih nix
23
4.11.2011, 11:04

die studie wurde erstellt von der abschlussklasse des kindergartens biene maja in hinterdorf bei schladming.

MimiTheKid
12
4.11.2011, 11:31

Ah, die Schlammschlachtabteilung der ÖBB.

Guten Morgen

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 158
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.