Anzeige aus Rache - einer von vielen Mythen

3. November 2011, 15:14
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Konferenz "Sexualisierte Gewalt - Selber schuld?" in Wien - Sandra Frauenberger: Mythen führen zur Verharmlosung und Vorurteile passieren selbst in Strafverfahren

Wien - "Das Thema der sexualisierten Gewalt ist nach wie vor ein Tabuthema", erklärte die Wiener Frauenstadträtin Sandra Frauenberger am Donnerstag in einer Pressekonferenz anlässlich der Konferenz "Sexualisierte Gewalt - Selber schuld?". Sie wies darauf hin, dass es im öffentlichen Bewusstsein viele Mythen und Fehleinschätzungen dazu gebe. Wenn man diese nicht ausräume, würden Vorurteile passieren - selbst in Strafverfahren.

In der Pressekonferenz zählte die Stadträtin Beispiele für Mythen auf, darunter: Aufreizende Kleidung oder aufreizendes Verhalten sei eine Einladung und rechtfertige sexuelle Übergriffe. Vergewaltigungen würden in erster Linie durch Unbekannte passieren. Opfer würden sich oft leichtsinnig verhalten und würden einen sexuellen Übergriff herausfordern. Oft würden Frauen Männer zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigten. Frauen würden Männer anzeigen, um sie zu schädigen oder sich an ihnen zu rächen.

Glaubwürdigkeit der Opfer vermindert

"Solche Aussagen sind einfach falsch und gefährlich", warnte Frauenberger. Dadurch würden sexualisierte Gewalt verharmlost und das Verhalten des Täters entschuldigt werden. Es könne sogar zur Opfer-Täter-Umkehr kommen - dem Opfer würde zumindest eine Teilschuld an einer Vergewaltigung zugeschrieben werden. Überdies erschweren es diese Behauptungen den Betroffenen, darüber zu sprechen oder Anzeige zu erstatten. Mehr noch: Sogar in Strafverfahren würden solche Mythen die Glaubwürdigkeit der Opfer mindern.

Offen ist es oft auch, ob es zu einem Verfahren kommt: Anklage werde von der Staatsanwaltschaft nämlich erst erhoben, wenn es Chancen auf Beweisbarkeit gebe, erklärte Barbara Michalek, Leiterin des 24-Stunden-Frauennotrufs, in der Pressekonferenz. "Derzeit ist es so, dass viele Verfahren eingestellt werden", unterstrich Andrea Brem, Geschäftsführerin der Wiener Frauenhäuser.

Vergewaltigungsfälle, wo es sich bei dem Täter um einen Fremdtäter handle, seien "noch am ehesten die Fälle, wo es zu Verurteilungen kommt", berichtete Michalek. Dabei ist oft das Gegenteil der Fall: Laut einer Auswertung der Beratungsgespräche des Frauennotrufs der vergangenen 15 Jahre kannten rund 76 Prozent der betreuten Vergewaltigungsopfer den Täter. In zehn Prozent der Fälle sei der Täter sogar der eigene Partner, in 8,7 Prozent der Ex-Partner gewesen. 29 Prozent der Beschuldigten kamen aus dem sozialen Umfeld des Opfers.

Aussage gegen Aussage

Problematisch ist: Kennt der Täter sein Opfer, könnte er trotz Schuldbeweisen argumentieren, dass der Sex freiwillig war, so Michalek. Dann stehe Aussage gegen Aussage. Oft werde in diesem Fall im Zweifel für den Angeklagten entschieden.

In der Pressekonferenz wurde auf eine Studie aus dem Jahr 2009 verwiesen, in der es um Strafverfolgung von Vergewaltigung in Europa geht: Demnach würde nur eine von zehn Vergewaltigungen angezeigt werden. In Österreich betrage der Anteil von Fremdtätern bei angezeigten Vergewaltigungen 41 Prozent. Nur 17 Prozent der Anzeigen in Österreich würden mit einer Verurteilung enden. Diese Ergebnisse decken sich laut Frauenberger mit den Erfahrungen des Frauennotrufs und der Frauenhäuser.

Die vom Frauennotruf und den Wiener Frauenhäusern organisierte Konferenz "Sexualisierte Gewalt - Selber schuld?" soll das Bewusstsein für die Problematik schärfen. Sie findet Donnerstag und Freitag in Wien statt. (APA)

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    Durch Vorurteile wird sexualisierte Gewalt noch immer verharmlost und das Verhalten des Täters entschuldigt. 

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