Schmerzen und Angstzustände vor dem Konzert

  • Eine besondere Herausforderung für Ärzte sind Musikerdystonien. 
Hier führen Veränderungen in bestimmten Hirnarealen zum Kontrollverlust 
bei Bewegungen.
    foto: apa/herbert p. oczeret

    Eine besondere Herausforderung für Ärzte sind Musikerdystonien. Hier führen Veränderungen in bestimmten Hirnarealen zum Kontrollverlust bei Bewegungen.

Leistungsdruck macht Berufsmusiker krank - Hörschäden, Angstzustände und Musikerdystonien häufen sich

Dresden - Schmerzen, Hörprobleme oder Angstzustände vor dem Konzert: Viele Musiker leiden unter Berufskrankheiten, machen daraus aber meist ein Geheimnis. Experten wie der Dresdner Professor Hans-Christian Jabusch sehen darin ein gesellschaftliches Problem und verlangen mehr Offenheit und Akzeptanz. Hörschäden können bereits als Berufskrankheit anerkannt werden, aber auch Krankheitsbilder wie Musikerdystonien häufen sich.

Ein erkrankter Musiker behalte sein Leiden lieber für sich und wolle in der Arztpraxis eher unerkannt bleiben, sagte der 46 Jahre alte Mediziner und Pianist Jabusch. Als Grund für das Dilemma sieht er neben steigendem Konkurrenzdruck auch die stark wachsenden Ansprüche des Publikums. Die Gesellschaft sei fokussiert auf "Höher, Schneller, Weiter". Aber damit komme man in der Musik nicht voran.

Höchstmaß an Präzision

"Wir müssen feststellen, dass wir beim Musizieren an den Grenzen der menschlichen Physiologie angekommen sind." Musiker müssten beispielsweise in der Oper über Stunden ein Höchstmaß an Präzision beibehalten. "Hier geht es um Millisekunden und Zehntelmillimeter. Bei einem Musiker kann schon eine sehr geringe gesundheitliche Störung zu einer sehr deutlichen Beeinträchtigung des Spiels führen", erläuterte der Professor.

Als Leiter des Dresdner Institutes für Musikermedizin betreut Jabusch Betroffene auch ambulant. In den häufigsten Fällen würden sich Musiker mit akuten oder chronischen Schmerzen als Folge einer Überbelastung melden. Eine besondere Herausforderung seien die sogenannten Musikerdystonien. Hier führen Veränderungen in bestimmten Hirnarealen zum Kontrollverlust bei Bewegungen, die Jahrzehnte geübt wurden und viel Präzision verlangen. Als prominentes Beispiel gilt der Komponist Robert Schumann (1810-1856), dem schon relativ früh sein rechter Mittelfinger nicht mehr gehorchte und der deshalb auf die ersehnte Pianistenlaufbahn verzichten musste.

Gezieltes Training

"Es gibt auch psychologische Probleme. Sehr viele Studenten kommen mit Auftrittsangst, Lampenfieber, zu uns", berichtete Jabusch. Er versuche klarzumachen, dass Angst ein grundsätzlich positiver Schutzmechanismus sei. Als übersteigerte Angst könne sie dem Künstler aber schaden. Jabusch nennt Symptome wie schnellere Herzfrequenz und Atmung, steigenden Blutdruck und Schweißausbrüche. Lampenfieber sei mit gezieltem Training aber zu überwinden.

Hörschäden bei Musikern können als Berufskrankheit anerkannt werden, EU-Normen sollen für Schutz sorgen. "Wir raten Musikern dringend, einen individuell angepassten Hörschutz zu tragen", sagte Jabusch. Messungen hätten ergeben, dass im 4. Satz von Rachmaninows 2. Symphonie eine Lautstärke von 128 Dezibel erreicht werde - schon 85 Dezibel gelten über einen längeren Zeitraum als Gesundheitsrisiko. Die Fachleute raten zu Ruhepausen und möglichst großer Entfernung zu den Schallquellen - auch wenn das beim Orchester nur bedingt möglich ist. (APA)

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