Ein Pallawatsch in der Elektronik

3. November 2011, 16:55
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Was in der Unterhaltungs-Elektronik höchstens Ärger verursacht, kann im Automobil gefährlich werden. Ein Wiener Elektronikunternehmen steuert dagegen

Schon die zunehmende Elektrifizierung des Antriebsstrangs erfordert gezielte Bemühungen, um die Sicherheit von Automobilen zumindest in gewohnter Form zu gewährleisten und tunlichst auch weiter zu verbessern. Genauso gilt das für die Elektromobilität. Nicht dass der elektrische Strom jetzt grundsätzlich gefährlicher wäre als Benzin, das lässt sich so einfach nicht bewerten, aber die Elektrizität verlangt immerhin einen klugen Umgang - und Menschen, die sich damit auskennen. Und die standen bisher in der Autobranche eher im Hintergrund.

Mit der Vermehrung von Elektrotechnik und Elektronik im Auto ergeben sich ganz neue Herausforderungen in Sicherheitsfragen, und zwar auf ganz breiter Ebene. Dass die Fahrgäste von Hochspannungskabeln und Bauteilen fern gehalten werden, versteht sich von selbst. Dafür gibt es auch gesetzliche Regeln. Doch schon bei der Herstellung der Fahrzeuge sollte nichts passieren und natürlich auch nicht in der Werkstätte.

Das lässt sich mit entsprechenden Produktionsabläufen und Schulungsprogrammen gewährleisten. Auch die geräuschlose Bewegung im elektrischen Betrieb wird vielfach als Unfallquelle gesehen, doch hier gehen die Meinungen weit auseinander. Klar ist: Bei einem Unfall muss der Strom sicher ausgeschaltet werden. Auch dafür, dass Autos mit elektrischem Antrieb in Sachen Betriebssicherheit einwandfrei arbeiten, gibt es inzwischen Vorschriften. Die müssen aber oft erst durch entsprechende technische Maßnahmen erfüllt werden.

Ein konkretes Beispiel: Einem Benzinmotor muss man bloß Luft und Sprit geben, damit er schneller läuft. Bei einem Diesel ist es schon umgekehrt: den muss man gewissermaßen mehr oder weniger würgen, damit er nicht gleich zur Höchstleistung aufläuft, bis es ihn am Ende zerreißen würde.

Die nächst Steigerungsstufe ist der Elektromotor. Er benötigt eine sehr komplexe Steuerung, damit er genau das macht, was der Fahrer via Gaspedal als Wunsch bekannt gibt. Da ist aber noch etwas: Keinesfalls und niemals im Leben darf die elektronische Steuerung völlig außer Kontrolle geraten.

Notfalls ganz runterfahren

Genau für diesen Zweck baut das österreichische Elektronikunternehmen TTTech ein spezielles Modul, das im Falle eines Elektronik-Pallawatschs den Antrieb sicherheitshalber ganz runterfährt. Im Falle des Volvo C30 Electric ist dies ein eigenes Bauteil. Genauso kann diese Funktion auch mit anderen elektronischen Elementen verbaut werden. Anderes Beispiel: Mit einer zusätzlichen elektrischen Antriebseinheit an der Hinterachse lässt sich gut ein Hybridantrieb realisieren, sie stellt natürlich auch eine große Herausforderung für die verlässliche elektronische Steuerung dar.

TTTech wurde vor mehr als zehn Jahren von Hermann Kopetz gegründet, ein Pionier besonders zuverlässiger zeitgesteuerter Computersysteme. Inzwischen haben Elektroniksysteme ganz allgemein einen enormen Entwicklungsschub erlebt, und TTTech konnte sich in der Autoindustrie einen guten Namen machen, nicht zuletzt wegen der Implementierung zeitgesteuerter Systeme. Daher auch der Name TTTech (Time Triggered Technology). Unter anderem werden TTTech-Lösungen zur Optimierung der Datenkommunikation im aktuellen Audi A8 eingesetzt. Mittlerweile ist das Unternehmen eine AG, hat 220 Mitarbeiter und arbeitet nicht nur für die Autoindustrie.

Auch Branchen mit besonders hohem Sicherheitsbedürfnis sind unter den Kunden. So ist die Elektronik von TTTech bei der neuen Boeing 787 für das Energiemanagement an Bord zuständig. Ste- fan Poledna, Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzender von TTTech: "Das Netzwerk mit 60 Knoten verwaltet eine Leistung von 1,5 Megawatt." Der höchste Sicherheitslevel ist auch bei der NASA Standard, "wo wir für die Nervenzentrale, also die Vernetzung der Computersysteme des Space-Shuttle-Nachfolgers, verantwortlich zeichnen."

Redundante fehlersichere Systeme sind mittlerweile auch bei Windkraftwerken gefragt. Reparaturen und Stehzeiten kommen sonst einfach zu teuer. Die aktuellen Auftraggeber aus der Autoindustrie werden nicht so gerne genannt, aber so viel lässt Poledna durchblicken: "Die Elektroversion des Supersportwagens Artega bekommt fünf Steuergeräte von TTTech und sollte damit in der Lage sein, alle bisherigen Beschleunigungsrekorde von käuflich erwerbbaren Elektrofahrzeugen zu brechen."

Während also andere von Krise reden, erwartet TTTech-Chef Stefan Poledna ein Umsatzplus von 50 Prozent. Um den Wachstumsschub zu bewältigen, sucht er 35 hochqualifizierte und hochmotivierte Software- und Hardware-Entwicklungsingenieure. Es dürfen auch Ingenieurinnen sein. (Rudolf Skarics/DER STANDARD/Automobil/04.11.2011)

  • TTTech-Chef Stefan Poledna punktet mit einem Technik-Modul, das 
verhindern soll, dass der Volvo C30 Electric ungewollt beschleunigt.
    foto: tttech

    TTTech-Chef Stefan Poledna punktet mit einem Technik-Modul, das verhindern soll, dass der Volvo C30 Electric ungewollt beschleunigt.

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    foto: siemens
  • Bei Unfällen tauchen mit der E-Mobilität ganz neue Probleme auf. Der 
TTTech-Ansatz geht allerdings dahin, dass erst gar nix passiert.
    foto: volvo

    Bei Unfällen tauchen mit der E-Mobilität ganz neue Probleme auf. Der TTTech-Ansatz geht allerdings dahin, dass erst gar nix passiert.

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