"Er wäre vermutlich Physikprofessor"

Interview9. Dezember 2011, 11:05
22 Postings

Michael Heinemann ist von Geburt an taubblind - Seine Behinderung hat auch das Leben seiner Schwester entscheidend geprägt

Ursula Heinemann war fünf Jahre alt, als ihr taubblinder Bruder zur Welt kam. Heute ist sie als Psychologin für die Klientenberatung beim Österreichischen Hilfswerk für Taubblinde und hochgradig Hör- und Sehbehinderte verantwortlich. Schuldgefühle und Ängste haben ihr Leben als Geschwisterkind geprägt, die Sorge um die Zukunft ihres Bruders ist geblieben. 

derStandard.at: Warum ist ihr Bruder taubblind geboren?

Heinemann: Meine Mutter ist in der Schwangerschaft an Röteln erkrankt. Eine Infektion in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten geht mit einem hohen Schädigungsrisiko für Augen, Ohren und Herz des Kindes einher. Meine Mutter hatte damals Ärzte konsultiert, wurde aber sehr lapidar abgefertigt und auch kurz nach der Geburt hat man ihre Besorgnis als Hysterie abgetan. 

derStandard.at: Wie haben Sie im Alter von fünf Jahren die Ankunft ihres Bruders erlebt?

Heinemann: Am Anfang unspektakulär, weil es für ein Kind immer eine große Veränderung ist, wenn es einen Bruder oder eine Schwester bekommt. Da gab es neben der Freude darüber, auch eine Menge Eifersucht, die mit so einem Ereignis normalerweise einhergeht. Weiterführend hat die Behinderung meines Bruders meinen Alltag dann weitgehend bestimmt, weil er sehr oft ins Spital musste. In meiner Erinnerung bin ich oft stundenlang beim Portier im Krankenhaus gesessen, weil Kinder damals noch nicht auf die Krankenstation durften. Ich habe natürlich mitbekommen, wie besorgt meine Eltern um Michael waren und diese Sorge um ihn hat alles überlagert. 

derStandard.at: Hat sie die Tatsache, dass ihr kleiner Bruder taubblind ist, traurig gemacht? 

Heinemann: Nein, denn das war Teil unseres Lebens. Ich habe erst in der Schule bemerkt, dass etwas anders ist, weil die Kinder eigenartig auf Michael reagiert haben. Und während der Pubertät war ich wütend darüber, dass mir so etwas angetan wird. Traurigkeit habe ich erst später erlebt. Es gibt einfach viele Dinge, die ich tun kann und die ich gerne hätte, dass er sie auch erlebt. Dass ich hören und sehen kann und er nicht, hat ich ganz oft mit dem Leben hadern lassen. Das ist unfair und hat beim mir ein schlechtes Gewissen und Schudgefühle erzeugt.

derStandard.at: Haben Sie als Geschwisterkind zu wenig Unterstützung bekommen?

Heinemann: Nein, das empfinde ich rückblickend nicht so. Trotzdem wäre es schön, wenn es in Österreich Sibshops gäbe. Die Grundidee dieser Sibshops ist, Geschwistern von behinderten Kindern die Möglichkeit zu geben sich in einer Gruppe mit Gleichgesinnten auszutauschen. Es hilft Kindern sehr zu wissen, dass sie nicht die einzigen auf der Welt sind, dass es noch andere gibt, die ähnliche Gedanken und Probleme haben. Auf jeden Fall würde ich Eltern raten auch bewusst Zeit mit den nichtbehinderten Kindern zu verbringen. Was ich jedoch nicht will ist, dass innerhalb der Familien Schuldzuweisungen entstehen. Es ist ganz normal, dass Eltern um ihr krankes Kind besorgt sind und andere Bedürfnisse dabei auf der Strecke bleiben. 

derStandard.at: Wie kommunizieren Sie mit Ihrem Bruder?

Heinemann: Wie er klein war hat er uns Dinge einfach gezeigt. Damals war Kommunikation zwischen uns sehr einseitig, weil ihm etwas zu sagen oder etwas Abstraktes vermitteln, war sehr schwierig. Aber mein Bruder ist ein sehr kluger Mensch. Er hat in der Schule sehr schnell Lormen gelernt und ich und meine Eltern haben diese Sprache dann auch erlernt. 

derStandard.at: Das heißt intellektuell ist er nicht beeinträchtigt? Fehlen ihm sozusagen „nur" die beiden Fernsinne?

Heinemann: Ja, allerdings dürfen sie jetzt nicht glauben, dass er dadurch nicht eingeschränkt ist. Von außen betrachtet wirkt er durchaus geistig behindert. Die Frage ist, ob das tatsächlich so ist? Es ist aber so, wenn ein Mensch nichts hört und nichts sieht, dann bekommt er ganz viele Dinge nicht mit, kann sie demnach auch nicht umlegen und sind auch nicht wichtig. Von dieser Warte auch, würde ich sagen, er hat eine sehr starke Entwicklungsbeeinträchtigung. Allerdings betrifft das nur gewisse Bereiche. Er interessiert sich aber für sehr viele Dinge. Wenn mein Bruder keine Einschränkungen hätte, wäre er vermutlich Physikprofessor an der Universität. 

derStandard.at: Er ist von Geburt an taubblind, weiß also nicht, wie es ist zu hören oder zu sehen. Denken Sie, dass er trotzdem etwas vermisst?

Heinemann: Ja, das ist mir irgendwann einmal bewusst geworden, als er von „Pulver für die Ohren" gesprochen hat. Er versteht, dass andere Menschen die Möglichkeiten haben, Dinge zu hören. Er nimmt seine Einschränkungen wahr, weiß dass er nicht alleine wohnen kann und andere Menschen einen Partner haben und er nicht. Das große Glück ist, dass er noch einen winzigen Sehrest hat. Und diesen Sehrest hat er gelernt in seinen Möglichkeiten zu nutzen. 

derStandard.at: Wie darf man sich das vorstellen?

Heinemann: Er liebt Farben, spielt deshalb stundenlang mit Filzstiften und sieht sich die unterschiedlichen Farbkombinationen an. Er ordnet auch den Menschen Farben zu. Besonders wichtige Menschen in seinem Leben sind rot oder orange. 

derStandard.at: Hat er Freunde?

Heinemann: Nein, er hat Betreuer und Besuchsdienste und Menschen die er gerne mag. Geburtstaubblindheit ist eine Behinderungsform, wo man nur schwer Freundschaften pflegen kann. Seine wichtigste Bezugsperson ist seine Mutter.

derStandard.at: Was, wenn diese wichtigste Bezugsperson eines Tages nicht mehr Unterstützung sein kann?

Heinemann: Mein Bruder ist zwar in einer Wohngemeinschaft sehr gut aufgehoben, trotzdem ist die Sorge um seine Zukunft, wenn also meine Eltern oder ich nicht mehr da sind, generell ein großes Thema für die Angehörigen. 

derStandard.at: Inwiefern hat die Behinderung ihres Bruders ihr eigenes Leben geprägt?

Heinemann: Seine Behinderung hat Einfluss auf unsere ganze Familie und meinen Beruf. Meine Eltern haben 1981 das ÖHTB gegründet und ich bin Psychologin geworden und heute in diesem Verein, der 500 Menschen mit Behinderungen betreut, für die Klientenberatung zuständig. Mein Partner ist beruflich ebenfalls in diesem Bereich tätig, hat also großes Verständnis für meine familiäre Situation. 

derStandard.at: Haben Sie selbst Kinder?

Heinemann: Nein, ich habe mich bewusst dagegen entschlossen, Kinder zu bekommen. Da waren zu viele Ängste und Unsicherheiten involviert.

derStandard.at: Nehmen Sie Ihren Bruder als glücklichen Menschen wahr?

Heinemann: Ja und nein. Michel sieht seine Grenzen das ist in Wahrheit sehr schlimm. Es gibt aber Momente, in denen er glücklich ist, sich über Dinge freut und herzlich lacht. Im Grunde geht es ja nicht darum, was man nicht kann, sondern darum, was man kann. Deshalb versuche ihn immer positiv zu bestärken, ihm Dinge zu ermöglichen und die Welt ein bisschen offener zu machen. Damit wir gemeinsam Spaß haben. (derStandard.at, 09.12.2011)

  • "Es gibt einfach viele Dinge, die ich tun kann und die ich gerne hätte, dass er sie auch erlebt".
    foto: ursula heinemann

    "Es gibt einfach viele Dinge, die ich tun kann und die ich gerne hätte, dass er sie auch erlebt".

  •  "Michael versteht, dass andere Menschen die Möglichkeiten haben, Dinge zu hören".
    foto: ursula heinemann

    "Michael versteht, dass andere Menschen die Möglichkeiten haben, Dinge zu hören".

Share if you care.