Neue Governance für Europa

Europas neue Bosse

Gastkommentar | 3. November 2011, 10:24

Deutschland muss seiner Führungsrolle innerhalb der Euro-Zone gerecht werden, wenn der Weg aus der Krise gelingen soll. Die Gewichte im Spiel der Macht verschieben sich, willkommen im Europa der konzentrischen Kreise - Von Eckart Stratenschulte

Die Euro-Krise und die Versuche, sie zu bewältigen, verändern die europäische Governance weitreichend. Wie man aus den aktuellen Schwierigkeiten herauskommt, ist im Detail umstritten, im Grundsatz aber völlig klar: die Staaten müssen Schulden ab- und Vertrauen aufbauen und sie müssen die Produktivität erhöhen, was weitreichende Eingriffe in den Arbeitsmarkt und die Struktur der sozialen Sicherungssysteme zur Folge hat. Diese Hausaufgaben müssen in den Mitgliedstaaten erledigt werden und dazu haben sich 23 der 27 EU-Länder auch verpflichtet, und zwar im Euro-Plus-Pakt vom März 2011.

Der harte Kern

Jetzt entsteht endgültig das Europa der konzentrischen Kreise. Der engste Kreis wird von den Euro-Staaten gebildet. Innerhalb dieses Zirkels gibt es mit Deutschland und Frankreich noch einen Kern, wie die jüngsten Ereignisse um verschobene und zusätzliche Gipfeltreffen gezeigt haben. Um den Euro-Kreis gruppieren sich die, die auf Einflussnahme nicht verzichten wollen und dafür bereit sind, sich aktiv einzubringen, also die "Plus"-Staaten des Euro-Paktes. Interessanterweise gehört dazu auch Dänemark. Den äußeren Ring bilden die Länder, die bei der Euro-Stabilisierung abseits stehen. Sie spielen politisch keine Rolle mehr. Das betrifft auch das ökonomisch potente Großbritannien, das sich mental aus der Union offensichtlich schon verabschiedet hat.

Vertraulich vorbereitet - schnell getroffen

Auch innerhalb der Ratsformationen verschieben sich die Gewichte. Der Europäische Rat, also die Staats- und Regierungschefs, soll eigentlich nur die Grundlinien vorgeben, während konkrete Gesetzesarbeit im (Minister-)Rat geschieht. Tatsächlich geht diese Tätigkeit jedoch immer mehr auf die "Chefs" über. Die Europäische Kommission wiederum entwickelt sich zum Hilfsorgan des Europäischen Rates. Zwar erhebt der Kommissionspräsident gelegentlich seine schwache Stimme und fordert mehr Kompetenzen für die Kommission. Die Mitgliedstaaten nehmen das jedoch lediglich als Störgeräusch zur Kenntnis. Als es darum ging, eine "Wirtschaftsregierung" zu etablieren, schlugen Merkel und Sarkozy den Ratspräsidenten van Rompuy vor. Die Kommission darf die Daten zuliefern.

Die Entscheidungen, mit denen man Finanzmärkte beeindrucken, überraschen oder zähmen will, müssen vertraulich vorbereitet und schnell getroffen werden. Damit sind die Parlamente, die nationalen wie das Europäische, aus dem Spiel, da das parlamentarische Verfahren genau das Gegenteil voraussetzt: Öffentlichkeit und ausführliche Abwägung des zu Beschließenden.

Macht bei den Euro-Staaten

Fazit: Die Gemeinschaftsinstitutionen Europäisches Parlament und Europäische Kommission verlieren zugunsten des Rates, der Rat verliert zugunsten des Europäischen Rates und dort konzentriert sich die Macht auf die Euro-Staaten. Innerhalb der Euro-Staaten ist es letztendlich Deutschland, das den Ton angibt. Wenn man überlegt, dass der Euro im Wesentlichen eingeführt wurde, um die durch die Wiedervereinigung wachsende deutsche Macht einzuengen, und dass das Ergebnis der Krise jetzt eine deutliche Dominanz Deutschlands ist und die anderen von Deutschland mehr Führung fordern, könnte man herzhaft über die Volten der Geschichte lachen - wenn die Situation nicht so ernst wäre.

Allerdings greift die intergouvernementale Chef-Zentrierung mit deutscher Grundierung die Grundfesten der europäischen Integration an. Diese Krisenfolge könnte längerfristig für die EU zerstörerischer wirken als die Krise selbst - was auch im deutschen Interesse nicht ist. (Eckart Stratenschulte, derStandard.at, 3.11.2011)

Autor

Eckart Stratenschulte, The European, ist Leiter der Europäischen Akademie Berlin und lehrt an der Freien Universität Berlin Politische Wissenschaft.

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20 Postings
Jepedaia Springfield
00
4.11.2011, 07:32
Den äußeren Ring bilden die Länder, die bei der Euro-Stabilisierung abseits stehen. Sie spielen politisch keine Rolle mehr

Österreich spielt mit und ohne Euro politisch keine Rolle in Europa, wir sind nur ja Sager!

cookieberlin
10
4.11.2011, 09:39

Widerspruch!
Deutschland und Österreich dürfen bei in etwa gleichlaufender Entwicklung in kulturellen, finanziellen und politischen Angelegenheiten nicht nur weitgehende Interessenidentität, sondern eine engstmögliche Partnerschaft/Freundschaft auf Augenhöhe genießen.
Insofern ist die Annahme reichlich absurd, daß der, der letztendlich vor die Mikrofone tritt, sich nicht vorher eine von der Währungsgemeinschaft gemeinsam abgestimmte Position durchwinken läßt.
Vielleicht wäre es vertrauenswürdiger, die Öffentlichkeitsarbeit durch einen unverdächtigen Herrn aus Luxemburg ausüben zu lassen.

edurkheim
00
4.11.2011, 09:19
Dafür dass wir solche Politik wählen kann die EU aber nichts

Die Zahler und trotzdem nur Zuschauer Rolle ist nämlich ein Österreichisches unikum.

Und liegt vor allem daran dass wir einen Bundeskanzler gewählt haben der in Österreich auf Anti-EU-Populismus macht, die EU als eine Art fremde Macht darstellt die uns nichts angeht und in Brüssel der geschemeidigste und eruopäischte aller Gesprächspartner ist der zu allem ja und Amen sagt die Österreicher sollen zahlen.

Kurz er dreht es sich wie er es braucht - und das ist nicht gut.

dryeti
00
4.11.2011, 01:21
"die Staaten müssen Schulden ab- und Vertrauen aufbauen"

würden "die Staaten" ihren Gläubigern das benötigte Geld rechtzeitig wegbesteuern, dann könnte man sich die Sache mit den Schulden und dem Vertrauen sparen!

edurkheim
00
4.11.2011, 07:15
Ja die Sparer sollen fest bluten

Die großen Unternehmen und Superreichen wird man damit aber nicht treffen weil die haben bekanntlich selber Kredite laufen und nur gering Einlagen bei Banken oder Staat.

Benjamin Klein
00
4.11.2011, 06:29
wer kriegt das Geld vom Schuldenabbau ??

die Banken !
und die Investoren !
und die spekulieren damit kräftig gegen die Währungen

man muß doch eher die Übermenge an Geld abbauen und die
Investoren + Banken besteuern

Dr. Fu Man Chu
00
3.11.2011, 23:25
für deutschland und frankreich zählt nur europa,

aber auch nur dann, wenn sie das sagen haben.

der der beim golf tanzt
00
4.11.2011, 08:22

hat eh lange genug gedauert, bis beide länder geschnallt haben, dass man sich die macht über den kontinent auch teilen kann ;-)

lessismore
01
3.11.2011, 21:45
"Es gibt keine Alternative ...

zur Vertrauensfee. Und wenn jemand das in Frage stelllt, dann sind wir (Journalisten) beleidigt!"

edurkheim
10
3.11.2011, 21:28
Der letzte Satz ist der wichtige!

Und es ist wahr diese (ungwollten) Deutsch + 1/2 Französischen Alleingänge untergraben die Grundsätze der europ Union dermaßen dass sie wirklich noch nie so am zerbrechen war wie jetzt.

Weil die EU ist eben gerade deshalb gegründet worden dass Deutschland (oder sonst ein Land) eben nicht mehr alleine Europa bestimmen kann sondern gemeinsam gleichberechtigte Staaten.

(Und so teilnahmslos wie sich Faymann aufführt scheint er den geistigen Anschluss schon vollzogen zu haben)

lessismore
00
4.11.2011, 00:21

Wir können immer noch auf Seipels geniale Idee des Anschlusses an Italien zurückgreifen. (So wie die ÖVP regiert, bestehen ja tatsächlich gewisse Ähnlichkeiten mit Berlusconistan ...).

Kurt Bayer
05
3.11.2011, 17:21
Deutsch-französisches Direktorium - nein danke

Es ist ein Rätsel, warum sich die kleineren Eurostaaten das gefallen lassen und nicht mit vereinter Stimme das zerstrittene Duo zur Räson rufen. Vor allem muß es künftig darum gehen, die "Stabilitätsmanie" der Deutschen zu durchbrechen und die notwendige Konsolidierung mit Wachstumsprogrammen ("Industriepolitik") zu verbinden. Wir können eben nicht alle Netto-Exporteure sein, jemand muß den Kram auch kaufen. Und längerfristig muß der Konsum der reichen Staaten zugunsten von Reparaturinvestitionen in Umwelt-, Klima- und aufbauende materielle und immaterielle Infrastruktur umgeleitet werden.
Eine weitere Entfernung der Politik von den Menschen, denen sie dienen soll, führt zuerst zum weiteren Erstarken der Rechtspopulisten und zum Chaos.

princeps legibus solutus
30
3.11.2011, 17:36

naiver idealismus...

Bertel Mann
01
3.11.2011, 19:37
Natürlich! Jedes Land wird Exportweltmeister und alles wird gut.

Der Kommentar ist das übliche antidemokratische Gestammel eines Neoliberalen, der die durch die FI verursachte Krise nutzt, gegen den Sozialstaat und gegen Parlamente zu hetzen.

princeps legibus solutus
01
3.11.2011, 16:51

zum glück gibts die gewissensgeplagten deutschen mit ihrem haufen geld, denn sonst wäre das ganze ohnehin schon den bach hinuntergegangen...

Reich sein muss sich lohnen!
00
3.11.2011, 21:10
"mit ihrem Haufen Geld"

Deutschland hat ebenso Staatsschulden und einen defizitären Haushalt wie die anderen Staaten.

Marquis de Venosta
00
4.11.2011, 09:40
Stimmt, ...

... aber den hohen öffentlichen Schulden in D stehen betragsmäßig noch höhere Vermögen im privaten Sektor gegenüber. Spielen hier die Bürger in den Augen der Gläubiger des Staates nicht doch irgendwie die Rolle des Bürgen?

Mir kommt schon vor, dass der Staat in D aus diesem Grund "hoeher pokern kann" (i.e. sich zu günstigen Konditionen hoch verschulden kann), ohne dass die Gläubiger "sehen wollen" (i.e. das Vertrauen in den Schuldner verlieren).

Fritz Wunderlich
00
3.11.2011, 19:33

die gewissensgeplagten deutschen haben eine menge kohle mit der eu verdient, bis jetzt

wir werden sehen, ob sie auch die demokratische reife zur politischen führung haben

Poldi Fesch
10
3.11.2011, 19:55
bis jetzt wir werden sehen,

:)) schauns sich einmal selbst im followerbereich an :)

Fritz Wunderlich
00
4.11.2011, 10:47

lieber nicht

:-))

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