Phänomen oder Diagnose

Fünf Gründe gegen das Modewort Burnout

3. November 2011, 10:14

Der deutsche Psychiater Ulrich Hegerl glaubt nicht an die allgemein anerkannte Diagnose Burnout

Leipzig - Über zahlreiche Titelstories, Leitartikel, Buchpublikationen und Fernsehsendungen hat sich der Begriff Burnout zu einem der Modeworte des Jahres emporgeschwungen. Selbsternannte „Burnout-Kliniken" springen auf den Zug auf und hoffen auf eine Klientel von Managern mit Privatversicherung. Unternehmen führen betriebsinterne gesundheitsfördernde Maßnahmen zur Stressreduktion ein, um dem „Burnout" und auch damit verbundenen Produktivitätsverlusten vorzubeugen. Auch wenn zu begrüßen ist, dass hierdurch die große Bedeutung psychischer Erkrankungen deutlicher und die diesbezügliche Sensibilität erhöht wird, so wird der inflationäre Gebrauch des schwammigen Begriffs Burnout von vielen Betroffenen und Experten aus mehreren Gründen als verwirrungstiftend, irreführend und längerfristig stigmaverstärkend eingeschätzt. Auch Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Leipzig und Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe steht dem Begriff kritisch gegenüber und klärt auf:

1. Der Begriff Burnout ist nicht klar definiert und in den maßgeblichen internationalen Klassifikationssystemen gibt es keine Diagnose Burnout. Entsprechend liegen für die bunten psychischen Störungen, die alle unter Burnout zusammengefasst werden, auch keine Behandlungen mit Wirksamkeitsbelegen aus methodisch guten Studien vor.

2. Ein Großteil der Menschen, die wegen „Burnout" eine längere Auszeit nehmen, leidet defacto schlicht an einer depressiven Erkrankung. Alle für die Diagnose einer Depression nötigen Krankheitszeichen liegen vor, wozu immer auch das Gefühl tiefer Erschöpftheit gehört.

3. Wird Burnout als weniger stigmatisierende alternative Bezeichnung zu Depression verwendet, so wäre dies akzeptabel. Problematisch und nicht selten in gefährlicher Weise irreführend ist jedoch, dass der Begriff eine Selbstüberforderung oder Überforderung von außen als Ursache suggeriert. Auch wenn ausnahmslos jede Depression mit dem tiefen Gefühl der Erschöpftheit einhergeht, ist jedoch nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tatsächliche Überforderung der Auslöser der Erkrankung.

Viele depressive Episoden werden durch Verlusterlebnisse, Partnerschaftskonflikte, durch eher positive Veränderungen im Lebensgefüge, wie Urlaubsantritt, Beförderung, Umzug, etc. getriggert und bei zahlreichen Menschen mit einer depressiven Episode ist beim besten Willen kein bedeutsamer Auslöser festzustellen. Viele depressiv Erkrankte fühlen sich in einer schweren depressiven Episode zu erschöpft, um ihrer Arbeit nachzugehen, ja um sich selbst zu versorgen; nach erfolgreicher Behandlung und Abklingen der Depression empfinden sie die zuvor als völlige Überforderung wahrgenommene berufliche Tätigkeit wieder als befriedigenden und sinnvollen Teil ihres Lebens. Wäre Burnout oder gar Depression in erster Linie Folge einer beruflichen Überforderung, so sollte diese Erkrankung in Hochleistungsbereichen - sei es im Sport oder sonstigen Bereichen - häufiger sein als bei Rentnern, Studenten oder Nicht-Berufstätigen. Eher das Gegenteil ist jedoch der Fall.

4. Mit dem Begriff Burnout ist die Vorstellung verbunden, dass langsamer treten, länger schlafen und Urlaub machen gute Bewältigungsstrategien sind. Verbirgt sich hinter diesem Begriff eine depressive Erkrankung, so sind dies jedoch oft keine empfehlenswerten und oft sogar gefährliche Gegenmaßnahmen. Menschen mit depressiven Erkrankungen reagieren auf längeren Schlaf und eine längere Bettzeit nicht selten mit Zunahme der Erschöpftheit und Stimmungsverschlechterung. Dagegen ist Schlafentzug eine etablierte antidepressive Behandlung bei stationärer Behandlung. Dies ist sehr gut belegt und für die Betroffenen überraschend, da diese nichts mehr als den sehnlichsten Wunsch haben, endlich tief zu schlafen und am Morgen erholt aufzuwachen.

Beim Schlafentzug wird den Patienten empfohlen, die zweite Nachthälfte wach zu bleiben. Die Patienten verspüren dann in der Mehrzahl eine deutliche Besserung und oft völliges Abklingen der depressiven Krankheitszeichen. Diese Besserung hält jedoch nur bis zum nächsten Schlaf an. Trotzdem ist für viele depressive Erkrankte der Schlafentzug ein positives Zeichen, da allein hierdurch die als unveränderlich erlebte depressive Verstimmung durchbrochen werden kann.

Sehr viele depressive Erkrankte merken auch, dass mit Dauer des Wachseins, d.h. gegen Abend, die Erschöpftheit nicht zu- sondern eher abnimmt und sich auch die Stimmung besser als morgens ist. Auch ist Urlaubsantritt etwas, was jedem depressiv Erkrankten dringend abgeraten wird, da die Depression mitreist und der eigene Zustand mit Antriebsstörung und der Unfähigkeit, irgendeine Freude zu empfinden, im Urlaub in fremder Umgebung besonders bedrückend und schmerzlich erlebt wird.

Ob eine Krankschreibung, die bei schweren Depressionen unvermeidlich ist, auch bei Betroffenen mit leichteren Depressionen sinnvoll ist, muss im Einzelfall entschieden werden. Es gibt nicht wenige depressiv Erkrankte, die als besonders belastend erleben, wenn sie nach der Krankschreibung grübelnd zu Hause im Bett liegen. Manche Betriebe haben die Möglichkeit das Arbeitspensum während der depressiven Episode deutlich zu reduzieren, den Betroffenen aber zu ermöglichen, zur Arbeit zu kommen, sodass dieser durch den strukturierten Arbeitsrhythmus und Einbindung in Arbeitsabläufe Halt und Tagesstruktur erfährt.

5. Eine Vermengung von Stress, Burnout und Depression führt zu einer Verharmlosung der Depression. Stress, gelegentliche Überforderungen, Trauer sind Teil des oft auch bitteren und schwierigen Lebens und müssen nicht medizinisch behandelt werden. Depression dagegen ist eine schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung, die sich wesentlich von dem Gefühl der Erschöpftheit unterscheidet, dass wohl jeder Mensch bisweilen morgens vor dem Aufstehen und auch nach einem langen Arbeitstag kennt. Die Verharmlosung der Depression verstärkt das Unverständnis gegenüber depressiv Erkrankten und das damit assoziierte Stigma. Der beste Weg zu einem optimalen Umgang mit der Erkrankung Depression ist es eine Depression auch Depression zu nennen. (red)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 45
1 2
Aracni Santini
00
14.11.2011, 20:45
Burn Out - Modewort bei den Pensioninteressierten

Amtshelferin
02
20.11.2011, 16:39
Dachte zumindest auch

Primar Oberlerchner?

Kuldip K.
 
03
16.11.2011, 18:35
Preis Frage

Preisfrage: Wie nennt man hereditären Narzissmus im Endstadium?

Richtige Antwort: w.HR U-Doz Dr.Schöny !

forever52
10
6.11.2011, 15:31
Burn out !

Ich: oh, schon lange nicht mehre gesehen. Wie gehts ?
Er: ja, nicht so gut !
Ich: Aha, was ist los ?
Er: Bin jetzt drei Monate im Krankenstand !
Ich: Der Grund ?
Er: Der Arzt sagt, "Ich hätte ein Burn out"!
Ich: Und wie wirkt sich das aus ?
Er: Weiß nicht recht !
Der Arzt meint ich hätte ein Burn out !

ichsageuchwas
00
6.11.2011, 14:56
Burnout - Modewort?

http://erfolg.org/burnout-k... -modewort/
Darüber haben sich die Leut schon 2009 gestritten!

Fremde & Heimat
00
6.11.2011, 14:20
Gibt´s Burn-Out auch bei Zielpunkt-Kassiererinnen

und Fließbandarbeitern, oder nur in höheren Berufsschichten?

Fremde & Heimat
12
6.11.2011, 14:18
Ohne jetzt den Artikel gelesen zu haben,

werde nie die beiden agilen Frühpensionisten (beide unter 50, einer Jurist) in der letzten Spira-Staffel von Liebesgeschichten und Heiratssachen vergessen, die quietschvergnügt nach einer Partnerin Ausschau halten! Der eine ist den Jakobsweg gegangen, schwimmt gerne, vom andern die Hobbies hab ich vergessen....
Ich versteh nicht, wieso die frühpensioniert waren und nicht im Krankenstand, geht so ein Burn-Out nie mehr weg....?

Standardnormalverteilung
00
10.11.2011, 09:29

Um die beiden geht es in diesem Artikel definitiv nicht.
Lesen sie diesen zuerst.

jörg fidel
02
6.11.2011, 12:06
"Ein Großteil der Menschen, die wegen „Burnout" eine längere Auszeit nehmen, leidet defacto schlicht an einer depressiven Erkrankung."

mag zutreffen. aber der andere teil der erkrankten hat eben eine andere krankheit, die wahrscheinlich durch andere umstände verursacht und nicht wie eine klassische depression zu behandeln ist.

man sollte statt "experten" einmal betroffene befragen.

zippy
03
5.11.2011, 19:25
stress

jedes mir bekannte berufsumfeld wurde von jahrzehnt zu jahrzehnt stressiger

. Diogenes
00
15.11.2011, 11:31
So ist das, wenn man älter wird

Hans Vogel
51
5.11.2011, 19:45
Außer

Beamter!

Andreas Mittermayer
00
6.11.2011, 17:07
Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?

zippy
00
5.11.2011, 19:25
stress

jedes mir bekannte berufsumfeld wurde von jahrzehnt zu jahrzehnt stressiger

°<°~~
22
5.11.2011, 23:35

Man merkt's am unruhigen Posterfinger.... hihihi!
PS: Meist ist der Auslöser nicht Stress, sondern das Gegenteil: die totale Unterforderung und die Nicht-Anerkennung der eigenen Tätigkeit. Ausgebrannt sind nicht die Chefs, ausgebrannt sind die "Wasserträger", so wie ich einer war.

Otto Ottinger
 
03
5.11.2011, 11:40
ich hatte vor einem jahr oft beruflich in einer reha klinik für psychische Erkrankungen zu tun ...

als Klienten habe ich dort fast ausschliesslich Lehrer und Verwaltungsbeamte angetroffen die sich in einem idyllisch gelegenen ehemaligen 4 stern hotel - natürlich wurde neu revoviert - 6 wochen von ihrer beruflichen überforderung auskurieren mussten.

Mit einer "Erkrankung" hat das m.E. absolut nichts zu tun.

Aber die Katholische Kirche hat dafür einen weit treffenderen Begriff.

ACEDIA

Fritz Meyer
34
5.11.2011, 09:08
Die fünf Gründe hinter diesem Artikel:

1. Verharmlosung
2. Herabwürdigung
3. Relativierung
4. Euphemisierung
5. Abkassierung

NickKnarrkarton
20
13.11.2011, 02:02

Vor allem 5.
Es wäre doch gelacht, wenn man die Gestressten nicht auch noch in Form von völlig nutzlosen Psychotherapien ausbeuten könnte. Weil dann würden die "Experten" ja nicht mehr daran verdienen.
Man hat zwar keine Ahnung, was Burn Out ist oder wie man es behandelt, aber nur PT kann die Lösung sein. Was fällt den Leuten auch ein, daß sie einfach so ihren Hormonhaushalt durcheinanderbringen - alle selbst schuld.
Und dann meinen diese Experten doch tatsächlich, daß Ruhe und Auszeit nichts bringen würde - in Wahrheit ist es das einzige, was wirklich hilft. Das Blöde ist halt nur, daß man dazu keine Experten braucht und vielleicht mal 6 Monate abkömmlich ist.

Alfred Zopf
12
5.11.2011, 10:01

Sie haben recht, zusätzlich drückt diese "Diagnose" nur das zeitgeistige neoliberale Menschenbild aus, wo ja die Auswirkungen unserer Hochleistungsgesellschaft erfolgreich verdrängt und abgewehrt werden, die Wahrheit ist jenseits vom strukturieren 'Denken und Handeln, Freud schau oba !

Floaschkas
17
4.11.2011, 17:12
Ein Knackpunkt, wo Hr.Hegerl m.E. falsch liegt ist: "Problematisch und nicht selten in gefährlicher Weise irreführend ist jedoch, dass der Begriff eine Selbstüberforderung oder Überforderung von außen als Ursache suggeriert." - Was ist dann mit

jenen Fällen von - meinetwegen - "Depression", wo solche Überlastung von innen oder aussen tatsächlich vorliegt und ein einen auslösenden Faktor darstellt? Und was alles "suggeriert" die Benennung "Depression"?

Es gibt eben krankmachende äussere Umstände, besonders (auch) in der Arbeitswelt, so, wie es auch krankmachende innere Umstände gibt, besonders (auch) hinsichtlich Arbeits-Einstellungen und -Motivation.

Dass hier im Arbeitsleben unserer Gesellschaft vieles aus dem Ruder läuft, ist offenkundig. Es gibt hier nicht das ganz normale Hamsterrad, sondern auch den ganz normalen Wahnsinn untauglicher betrieblicher Strukturen, unfähiger Führungsstrukturen, kontraproduktiver Organisationsstrukturen.... etc. - und das wirkt sich aus!

Nachdenklich 2011
00
17.11.2011, 20:45

Hätten Sie 1 Zeile weiter gelesen, wären Sie auf folgendes gestoßen:

"Auch wenn ausnahmslos jede Depression mit dem tiefen Gefühl der Erschöpftheit einhergeht, ist jedoch nur bei einer Minderheit der depressiv Erkrankten eine tatsächliche Überforderung der Auslöser der Erkrankung."

Es kommt also seiner Analyse nach im Vergleich zum Ursachendurchschnitt selten vor, dass (z.B. körperliche oder mentale) Überforderung zu Depression führen kann, aber es ist eben durchaus möglich.

NickKnarrkarton
01
13.11.2011, 02:08

Der Herr Hegerl hat halt nicht kapiert, daß auch bei einer Depression eine handfeste körperliche Ursache dahinter stecken kann - nämlich totale körperliche Erschöpfung die natürlich auch geistige Erschöpfung zur Folge hat.
Und die behandeln wir dann natürlich am besten mit Schlafentzug und Ausdauertraining. - oder psychoanalytisch indem wir das Grüblen perfektionieren. Am besten unter Maskierung des tatsächlichen Streßzustandes mit Antidepressiva, bis es dann halt durch den Dauerstreß zu ernsthaften körperlichen Schäden kommt.

Aussteiger1
19
4.11.2011, 10:29
Endlich.........

.......... einmal ein wirklich guter Artikel über Depressionen und Burnout!

Die anderen Artikeln im Standard bisher waren eher Kategorie Pipifax!

Ich bin mit Depressionen in Urlaub gefahren! Zum Entspannen!

Leider!

Dort hatte ich dann wirklich Zeit zum Grübeln respektive zum Durchdrehen!

strangerinastrangeland
 
12
4.11.2011, 09:34

Mich ist ein "echter" Burnout mit durch Jahre der Überproduktion an Stresshormen erschöpfte Nebennieren (Hypoandrenia) assoziiert.

Man kann den Hormon-Status erheben und damit klar den Burn-Out von einer normalen Depression und anderen Erkrankungen abgrenzen.

Diese Abgrenzung auch deswegen wichtig, weil man sonst wegen Depression und damit falsch behandelt wird.

erich1963
16
4.11.2011, 07:54
Seltsam

"Wäre Burnout oder gar Depression in erster Linie Folge einer beruflichen Überforderung, so sollte diese Erkrankung in Hochleistungsbereichen - sei es im Sport oder sonstigen Bereichen - häufiger sein als bei Rentnern, Studenten oder Nicht-Berufstätigen."

Genau die, die in "Hochleistungsbereichen" arbeiten, finden meistens ein optimiertes Arbeitsumfeld vor. Sie delegieren alles Unnötige und Lästige und können sich auf ihre Aufgabe viel besser fokussieren. Würde man Hochleistungssportlern und -arbeitern auch noch Hausarbeit, Kindererziehung etc. aufladen, bräche ihr ausgeklügeltes System gleich zusammen. Folge: Überforderung.

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