Experte: Finnisches Schulsystem nicht kopieren

Interview3. November 2011, 12:21
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Jouni Välijärvi über die Nachteile selektiver Schulformen und warum PISA in Finnland kein so großes Thema ist

Dass Finnland bei der PISA-Studie immer sehr gut abschneidet, hat sich schon herumgesprochen. Gut ausgebildete Lehrer und eine gemeinsame Schule für alle bis zum Alter von 15 Jahren sind laut Jouni Välijärvi, Bildungsexperte an der Universität in Jyväskylä, der Grund dafür. Am Mittwoch war Välijärvi zu Gast bei einer Diskussionsveranstaltung in Wien. Warum das Bildungsthema in Finnland kein Spielball der Politik ist und weshalb den PISA-Ergebnissen nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird wie in Österreich oder Deutschland, sagt er im Gespräch mit derStandard.at.

derStandard.at: Hannes Androsch, der Initiator des Bildungsvolksbegehrens, hat davon gesprochen, Österreich "finnlandisieren" zu wollen. Eine gute Idee?

Välijärvi: Ich glaube nicht, dass es möglich ist, dem Beispiel Finnland exakt zu folgen. Aber man kann immer von anderen Ländern und Modellen lernen. Man muss seine eigenen Konzept entwickeln und schauen, wie sie im eigenen Land funktionieren. Ich würde sehr vorsichtig sein, zu sagen, man muss das kopieren. Natürlich gibt es Ideen, die man übernehmen kann.

derStandard.at: Welche Ideen sollte man in Österreich verwirklichen, die in Finnland bereits umgesetzt wurden?

Välijärvi: Das System in Österreich ist selektiver. In Finnland haben die Schüler alle Möglichkeiten. Was auch immer sie machen, die Grund-Ausbildung hält sie zusammen. Sie lernen bis 15 alle dasselbe. Danach hat jeder dieselben Möglichkeiten – in der Oberstufe und in der höheren Bildung. Man weiß ja nie im Vorhinein, welcher Schüler besonders talentiert ist.

In Finnland war es früher differenzierter, aber jetzt versuchen wir zu fördern, dass den Schülern alle Möglichkeiten offen stehen. Auch in der Oberstufe macht es bei uns nicht so viel aus, in welche Schule man geht. Man hat immer die Möglichkeit, auch danach noch eine universitäre Ausbildung zu machen. Die Möglichkeiten werden den Schülern offengehalten. Es kann ja passieren, dass man erst später feststellt, dass man gewisse Talente hat.

Und wichtig ist, dass das, was man davor getan hat, dann keine Strafe ist, sondern dass man auf seiner Ausbildung aufbauen kann. Wenn man wieder von vorne beginnen muss, ist das sehr demotivierend. In Finnland gibt es so gut wie keine Klassenwiederholungen.

derStandard.at: Das Sitzenbleiben wurde komplett abgeschafft?

Välijärvi: Ganz selten gibt es das noch. Aber nur zwei Prozent wiederholen die Klasse, und das meist am Anfang ihrer Schullaufbahn, in der ersten oder zweiten Klasse. Wenn festgestellt wird, dass die Kinder noch nicht weit genug sind.

derStandard.at: Das Bild, es sei uncool, ein guter Schüler zu sein, ist weit verbreitet. Wie kann man Schüler davon überzeugen, dass das Gegenteil der Fall ist?

Välijärvi: Wir führen diese Diskussion auch sehr oft in Finnland und es ist offensichtlich, dass Schüler zwischen 13 und 15 das Gefühl haben, es sei cool, kein guter Schüler zu sein. Es ist sehr herausfordernd für Lehrer, das zu überwinden. Wir müssen uns fragen, wie wir die Kinder motivieren können, zu lernen. Mit Noten alleine wird das nicht gehen, man muss ihnen sagen: "Tut euer Bestes, das gibt euch mehr Möglichkeiten in der Zukunft."

derStandard.at: Sie haben in Ihrem Vortrag vom "Reading Enjoyment" gesprochen. Wie kann man den Kindern vermitteln, dass Lesen ein Vergnügen ist?

Välijärvi: Es geht in erster Linie darum, wie man den Kindern das Lesen unterrichtet. Wenn man sie zwingt, klassische Werke zu lesen, ist das der effektivste Weg, die Kinder zu demotivieren. Man muss als Lehrer wissen, was das Interesse der Schüler gerade jetzt ist. Oft ist es auch so, dass die meisten Lehrer Frauen sind. Sie wissen, was die Mädchen interessiert, aber sie wissen nicht, was für Buben cool ist. Das ist ein Thema, wo die Lehrer sich noch verbessern könnten.

Auch mit Facebook und anderen sozialen Netzwerken müssen sich die Lehrer vermehrt auseinandersetzen. Auch um das nutzen zu können, muss man lesen können. Man muss Wege finden, das in den Unterricht zu integrieren. Dadurch kann man verstehen lernen, was die Mädchen und Buben interessiert.

derStandard.at: Wird in Finnlands Schulen viel mit dem Computer gearbeitet?

Välijärvi: Es hängt von der Schule ab. Mein Institut versucht Wege zu finden, wie man den Computer stärker in den Unterricht einbauen kann. Alle Lehrer sollen sich damit auseinandersetzen, nicht nur die, die sich ohnehin dafür interessieren. Wir wollen zeigen, wie das Internet genutzt werden kann, um zum Beispiel Materialien zu finden. Aber dieser Wandel geht langsam voran, das braucht viel Zeit.

derStandard.at: Sie haben gerade von den Lehrern gesprochen. In Österreich wird diskutiert, wie man die Ausbildung reformieren kann. Muss man in Finnland eine Aufnahmeprüfung machen?

Välijärvi: Ja. Gerade um Lehrer in der Primastufe zu werden, gibt es eine sehr strenge Auswahl. Das ist ein zweistufiges Verfahren. Es gibt zunächst eine schriftliche Prüfung. Erst wenn man den ersten Teil besteht, kann man zum zweiten Teil antreten. Hier wird die Motivation abgetestet und es gibt ein Gespräch mit dem Kandidaten.

derStandard.at: Der Titel der Veranstaltung lautete: "Bildung in Österreich: Spielball der Politik?" War das in Finnland nie so, dass Parteien unterschiedliche ideologische Ansichten hatten und sich deshalb gegenseitig blockiert haben, wenn es darum ging, Bildungsreformen zu machen?

Välijärvi: Die Stärke der Reform in Finnland war, dass es einen breiten Konsens gab, dass das Bildungssystem geändert werden muss. Natürlich hat es im Parlament Diskussionen gegeben. Aber in den 70ern war der Konsens vorhanden, es müsse etwas getan werden.

Wo wir unterschiedlicher Auffassung sind, ist der Bereich der Oberstufe. Hier gibt es unterschiedliche Schulformen. Das sorgt für politische Diskussionen. Die linken Parteien wollen das lieber vereinheitlichen, die rechten Parteien wollen das getrennt halten. Da kommen noch Herausforderungen auf uns zu, aber es ist nicht so ein großes Thema. Bildung war nie ein sehr wichtiges Thema bei uns. Anders als in anderen skandinavischen Ländern, wie zum Beispiel Schweden.

Der Grund ist wohl der, dass wir bei Studien wie PISA sehr gut abgeschnitten haben. Andere Länder haben das nicht getan und das hat die Situation in vielen Ländern geändert, plötzlich war Bildung ein wichtiges Thema. Es ist ja wichtig für die Zukunft. Auch für Wirtschaftsunternehmen. Das ist auch der Grund, warum das plötzlich wichtig wurde und die PISA-Ergebnisse so wichtig genommen wurden.

Man muss sich in Erinnerung rufen, dass es OECD-Untersuchungen seit den 60ern gibt. Aber darüber wurde nie in Zeitungen geschrieben. Es änderte sich in der Mitte der 90er-Jahre. Das ist auf der einen Seite gut, macht es aber oft auch unmöglich, dass sich tatsächlich was ändert.

derStandard.at: Ist PISA in Finnland ein großes Thema – wird viel darüber berichtet?

Välijärvi: Nicht so viel, vor allem zu Beginn nicht. Es wurde als Glück bezeichnet, dass Finnland so gut abschneidet.

derStandard.at: Nach dem Motto "only bad bews are good news" fand das keinen Platz in den Medien?

Välijärvi: Es ist kein so großes Thema wie in Deutschland oder Österreich. Aber hier sind die PISA-Ergebnisse ja meistens auch "bad news". (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 3.11.2011)

JOUNI VÄLIJÄRVI ist Professor am Institut für Bildungswissenschaft an der Universität in Jyväskylä (Finnland).

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    Den finnischen Schülern sollen alle Möglichkeiten offenstehen. Bis zum Alter von 15 Jahren werden sie gemeinsam unterrichtet.

  •  Jouni Välijärvi: "PISA ist in Finnland kein so großes Thema wie in Deutschland oder Österreich. Aber hier sind die PISA-Ergebnisse ja meistens auch 'bad news'."
    foto: derstandard.at/rwh

    Jouni Välijärvi: "PISA ist in Finnland kein so großes Thema wie in Deutschland oder Österreich. Aber hier sind die PISA-Ergebnisse ja meistens auch 'bad news'."

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