Im Zweifel für die Kinder

Leserkommentar3. November 2011, 09:57
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Schon über Generationen hinweg wurden Traumata nicht verarbeitet - nicht nur die von Kindern. - Von Kerstin Kellermann

"Ich hoffe, dass diese Ereignisse am Wilhelminenberg nicht wahr sind", schrieb mir der Künstler Hansel Sato, "sonst verliere ich den Glauben an die Welt."

Das Problem ist, dass wir alle und schon über Generationen hinweg hoffen, dass so einiges in dieser Welt "nicht wahr sei" oder "nie wahr gewesen wäre". Mein Opa zum Beispiel wurde als Jugendlicher in den Ersten Weltkrieg eingezogen und verlor ein Bein. Er redete nie. Mein Vater musste als Kind im Zweiten Weltkrieg getrennt von seinen Eltern leben und mehrere Todesbedrohungen überstehen. Seine eineinhalb-jährige Schwester wurde damals im Kinderheim geprügelt, weil sie in der Nacht auf den Boden pinkelte (die Kinder durften nicht aufs WC). Sie haute mehrmals ab - vergebliche Fluchtversuche. Mein dreijähriger Vater konnte ihr nicht helfen. Mit Mitte zwanzig brachte sich die spätere Krankenschwester um und ließ ihr Baby zurück.

Traumata über die Jahre hinweg verstärkt

Mit all diesen privaten Ausführungen will ich sagen, dass in mehreren Generationen Traumata nicht verarbeitet, sondern im Laufe der Zeit noch verstärkt wurden. Durch das tiefe Schweigen ziehen es die Kinder mit sich - oft ohne die Hintergründe zu wissen oder zu erahnen.

Nur Flashbacks?

Schon die Gerüchte zu Natascha Kampusch verstummten einfach nicht: ob Priklopil das Mädchen wohl für den Verkauf an einen Händlerring geklaut hatte, der dieses dann nicht abholte? Organisierte Täterringe, mit guten Verbindungen in die Politik und Polizei? Eine heftige, bedrohliche Befürchtung! Lieber will man jetzt in Bezug auf Vergewaltigungen im Kinderheim glauben, dass Zuhälter einbrachen, um sich Mädchen als Prostituierte mit Gewalt heraus zu holen oder dass die Erinnerungen einiger Opfer allein Flashbacks von Missbrauch in der Herkunfts-Familie sind.

Aber viele horchten auf, als sich der oberste Kampusch-Ermittler wegen Mobbing im Innenministerium umbrachte und in Folge sein Bruder, ein Bauunternehmer aus Graz, der aus Misstrauen gegen die Polizei den Laptop des toten Ermittlers an sich nahm, sofort wegen Unterschlagung von Beweismaterial in Untersuchungshaft landete. Richter Jesionek sagte damals, dass nicht alles an die Öffentlichkeit zu dringen habe...

Nun ist Jesionek als Präsident der Opferschutzorganisation "Weisser Ring" in die Aufklärung der Ereignisse am Wilhelminenberg eingebunden und sagte im TV-Interview, dass er als ehemaliger Richter umlernen mußte von "Im Zweifel für den Angeklagten" zu "Im Zweifel für das Opfer". Wird Jesionek diesmal die Öffentlichkeit vollständig informieren, die so ihre dunklen Ahnungen hat - Prozesse gegen hohe Polizeibeamte wegen Verbindungen ins "Rotlicht-Milieu", auf der anderen Seite werden immer wieder Mädchen-Händlerringe ausgehoben - die aber ihren eigenen Befürchtungen lieber nicht trauen will?

Endlich Licht auf all diese Ereignisse werfen

Die Tatsache, dass sogar Frau Bock "Depschn" verteilte, ist erschütternd, was haben dann wohl ehemalige SS-ler den Kindern in diesen "Kinder-Gefängnissen" (Irmtraud Karlsson) angetan? Und was haben ErzieherInnen im Zweiten Weltkrieg mit Kinderheim-Kindern gemacht? Und auch mit Jugendlichen - jetzt nicht nur mit den "asozialen Mädchen", die z.B. wegen "HWG - Häufig Wechselndem Geschlechts-Verkehr" ins Arbeitslager auf die Baumgartner Höhe kamen? Es gehört endlich Licht auf diese Ereignisse, ohne Scheu und Geheimnis und ganz besonders auf die Kontinuitäten in Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus in Gestalt von Personen aber auch Strukturen und Denkmuster. (Leser-Kommentar, Kerstin Kellermann, derStandard.at, 3.11.2011)

Autorin

Kerstin Kellermann, ist freie Journalistin in Wien. Diplomarbeit zum Thema : „Wie man mit den Opfern des 'Anschlusses' 1938 umging ---: ein Vergleich der Berichterstattung zum Gedenkjahr 1988 in Kärntner und slowenischen Printmedien", Ljubljana/Salzburg 1990; www.kerstinkellermann.com

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