Eine Bisonranch ist kein Ponyhof

Urlaub mit Cowboys, amerikanisches Erbe: Wer Bisons zählen, Kälber branden und Bullen packen will, kann in Colorado richtig Hand anlegen

Näher heranzureiten, meint Asta Repenning, wäre jetzt keine so gute Idee. Obwohl das, was man aus Indianerfilmen wisse, schon stimme. Prinzipiell: Bisons, erklärt die 26-Jährige, seien in der Regel friedlich. Fast zutraulich. Wenn man sich nicht ganz blöd anstellt, könne man nahe heran. Sogar zwischen sie. Normalerweise.

Aber jetzt, wiederholt Repenning, wäre das dumm. Saudumm. Und potenziell lebensgefährlich: Mit einer Bisonherde mit Kälbern legt man sich nicht an. Und die Grenze zwischen "vorbeireiten" und "anlegen" definiert nicht der Mensch: "Wenn sie ihre Schwänze aufrichten, ist das eine Warnung." Dann wendet das Cowgirl sein Pferd - und reitet in die entgegengesetzte Richtung. Hinein in die Endlosigkeit der Prärie. Über Gras und Sand, durch Gestrüpp und Buschwerk, durch Wäldchen und kleine Flussläufe. Auf die blauen, auch im Sommer noch schneebedeckten Berge am Horizont zu - unter einem unendlichen Himmel. Mit Hut, Chaps und Sporen. Mit kariertem Hemd, übergroßer Gürtelschnalle und Lasso am Sattel. Wie im Film. In Cinemascope - anders lässt sich die Weite des Landes weder erfassen noch darstellen: Manchmal sind Klischeebilder das, was der Wirklichkeit am Nächsten kommt.

Wenn Asta Repenning auf Chester, ihrem Quarterhorsepferd, über und durch die mehr als 400 Quadratkilometer Bisonland der Zapata-Ranch in Colorado reitet, weiß sie das. Aber es kümmert sie nicht: Wer mit ihr reiten will, ist willkommen. Sogar wenn er nie zuvor auf einem Pferd gesessen hat. Doch wer mit Wildwest-Stereotypen ein Problem hat, wird - "hoffentlich", ergänzt Repenning - anderswo finden, was ihn glücklich macht. Vielleicht ja auch nirgendwo: "Die Menschen haben Angst vor ihren Träumen."

Asta Repenning nicht. Nicht nur deshalb gehört sie zu einer raren Spezies. Auch nicht, weil da eine Frau den klassischen US-Männerberuf ausübt, sondern weil Amerika die Cowboys ausgehen: Gerade zehntausend soll es noch geben. Wie viele davon Frauen sind? Quoten interessieren Asta Repenning nicht. Derlei war höchstens in ihrem anderem Leben Thema: ein Abschluss in Politikwissenschaften. Ein vielversprechender Karrierestart im Büro eines demokratischen Kongressabgeordneten - und die Erkenntnis, dass das nicht ist, was sie will.

Freilich besteht Repennings Job nicht ausschließlich darin, Zäune abzureiten, Vieh zu treiben, und Brandzeichen aufzudrücken. Auf der Zapata-Ranch ist sie für das Programm der Gäste verantwortlich - eine Aufgabe, für die viele "echte" Cowboys zu sehr ihrem Image entsprechen: wortkarg. Am liebsten allein. Auf dem Pferd irgendwo im Nirgendwo .

Das wäre auf der (auch) Mitmach-Ranch vier Autostunden von Denver entfernt zu viel Authentizität: So wie es unter Studenten einst hip war, in israelischen Kibuzzim oder in Nicaragua Urlaub und Hilfseinsatz zu kombinieren, kann man auch auf der Zapata-Ranch mitarbeiten. Unterkunft und Verpflegung sind halt deutlich luxuriöser - doch der Alltag ist "vollwertig" und strapaziös: Dem zu kastrierenden Jungbullen ist es egal, ob ein gut zahlender Gast oder ein mäßig bezahlter Cowboy versucht, ihn zu fixieren: Eine Cowboyranch, erzählen die blauen Flecken und die vom Sattel wundgescheuerten Stellen am Reitanfänger-Po, ist eben kein Ponyhof.

Zahlenden Gästen boten US-Rancher erstmals 1893 Mitmacheinblicke ins verklärte Landleben. Hier, in Colorado, ist die Brücke zwischen US-Geschichte und Event-Tourismus aber ziemlich neu: Um 1860 hatten sich mexikanische Schafzüchter im San Luis Valley angesiedelt. Sie waren nicht zimperlich, wurden aber von noch gröberen Rinderbaronen verdrängt: die Geschichte des Wilden Westens - die Ranchgebäude sind historische Zeugen jener Zeit.

Viel später, 1989, kaufte dann ein japanischer Großinvestor die Ranch - und ließ am Fuße der fast 5000 Meter hohen Berge ein Luxusgolfresort errichten. Als er aber erstmals selbst vor Ort war, erkannte er entsetzt, wie wenig die Kunstlandschaft hierher passte - und verkaufte die Ranch 2004 an Duke Philipps. Der überließ die Greens und Driveways prompt den Kräften der Natur - heute ist davon nichts mehr zu sehen. Das endlose Land ringsum gehört der Naturschutzorganisation "Nature Conservancy", die hilft, einer nahezu ausgerotteten Spezies ihre alten Lebensräume wieder zu erschließen: den Bisons. Noch vor 200 Jahren waren Millionen der stillen (Bisons schnauben nur) Kolosse über die Prärie gezogen. Die Dezimierung hatte Methode: Man wollte den Indianern die Lebensgrundlage entziehen - eine beinahe geglückte Doppelausrottung. Heute gelten Bisons als uramerikanisches Erbe. Fast eine halbe Million streifen heute wieder durch die Steppe.

2500 davon gehören zur Zapata-Ranch. Auch wenn die Weite für sie nicht ganz endlos ist, ist es ein Leben in Freiheit: Denn Bisons kann man nicht zähmen. Nur einmal im Jahr werden die in Gruppen lebenden Tiere zu einer Riesenherde zusammengetrieben. Dann wird gezählt - und maximal 200 Männchen werden aussortiert: Bisons sind eine Delikatesse. Für alle anderen öffnen sich die Gatter gleich danach wieder. Und der Anblick einer Büffelherde, die ins weite Land stürmt, erzählt Asta Repenning, lasse ihr Herz jedes Mal höher schlagen: "Und alle, die von einem Klischee sprechen, haben es selbst noch nie gesehen." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD/04.11.2011)

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