Arroganz und Realitätsverweigerung führten Nokia zum Abgrund

Kolumne3. November 2011, 08:36
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Jetzt hat Microsoft übernommen

Eines Tages wird Nokia eine spannende Case-Study für die Wirtschafts-Unis dieser Welt sein. Der Traditionskonzern, dessen Produkte von Klopapier und Gummistiefeln bis TV reichte, wagte in den 90er-Jahren alles und wettete auf seine junge Telekomsparte - damals nur zehn Prozent des Umsatzes.

Innovationen

Wagemut, der reichlich belohnt wurde. Mit innovativen Produkten stieg Nokia zum unbestrittenen Weltmarktführer auf. Dabei ließen sie keine technische Entwicklung aus, waren Erste bei Mail und Internet am Handy, bis zu Kameras, Musik, Video, Spiele, Navigation und Apps am Handy, alles lange vor dem iPhone.

"Kreative Destruktion"

Wie alle CEOs hatte Jorma Ollila, der Nokia zum Handyriesen umbaute, seinen Schumpeter gelesen: Der Theorie des Nationalökonomen zufolge kommt für jeden Marktführer eines Tages der Moment, da "kreative Destruktion" - eine neue Erfindung - den Prinzen vom Thron stürzt. Darum gab Nokia viel Geld für Forschung und Entwicklung aus, immer auf der Suche nach dem "next big thing".

Auf dem Papier waren Nokias Topmodelle überlegen

Die Arroganz des Siegers führte jedoch dazu, dass Nokia die Herausforderung des iPhones nicht wahrnehmen wollte. Auf dem Papier waren Nokias Topmodelle überlegen: Bessere Mobilfunktechnik, bessere Kamera, nichts, was ein Nokia nicht auch konnte. Und Apple war ein David, der mit dem bescheidenen Ziel von zehn Mio. Handys gegen den Goliath mit seinen jährlich 400 Mio. Handys antrat.

Realitätsverweigerung

Aber die Art, wie Apple mit neuer Bedienerführung per Touchscreen und überlegener Software aus den einzelnen Bausteinen ein neues Ganzes formte, sorgte für die "Revolution". Lange betrieben Nokias Topleute, allen voran Handychef Anssi Vanjoki, Realitätsverweigerung, mit dem Ergebnis, dass Nokia seinen Führungsanspruch verspielte.

Übernahme

Jetzt haben die Microsofties übernommen, nicht nur mit ihrem Betriebssystem Windows Phone 7, sondern auch in den Führungsetagen unter dem Ex-Microsoft-Manager Stephen Elop als CEO. Vergangene Woche präsentierte das neue Nokia seine ersten Windows-Handys, schöne Geräte mit einem brauchbaren Betriebssystem: ein Neustart und möglicherweise Nokias letzte Chance, eine führende Rolle unter den Herstellern zurückzuerobern.

Alles andere als sicher

Plausibel, aber alles andere als sicher. Denn trotz enger Microsoft-Partnerschaft ist Nokia nur einer von mehreren Windows-Herstellern. Und die speziellen Nokia-Dienste für Musik und Navigation werden aufgrund dieser Partnerschaft möglicherweise bald auch anderen Windows-Kunden zur Verfügung stehen - wenn sie nicht ohnehin eigene Dienste haben.

Achillesferse USA

Nokia abzuschreiben wäre jedoch verfrüht. Die Finnen wissen gute Handys zu machen, und Vertrautheit der Marke und weltweite Präsenz (bis auf den Schlüsselmarkt USA, weiterhin eine Achillesferse) wird helfen, das Geschäft wieder anzukurbeln. Haben Nokias Windows-Handys Erfolg, dann wird dies jedoch auch stärkere Windows-Konkurrenz von Samsung und HTC nach sich ziehen, die sich derzeit auf Google konzentrieren. Konsumenten jedenfalls können Nokia-Microsoft nur Erfolg wünschen - denn die Konkurrenz wird die Entwicklung beschleunigen. (helmut.spudich@derStandard.at, PERSONAL TOOLS, DER STANDARD Printausgabe 3. November 2011)

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    Nokia-Chef Stephen Elop

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    Geschäftszahlen: Nokia steckt weiter in den roten Zahlen fest. Im dritten Quartal dieses Jahres fiel ein Verlust von 68 Mio. Euro an, im Vergleich zu 529 Mio. Euro Gewinn vor einem Jahr. Der Umsatz sank um 13 Prozent auf 8,98 Mrd. Euro.

    Vor allem in der einstigen Hochburg Europa gab es starke Einbußen. So sackte der Gesamtumsatz des Bereichs Geräte und Dienste in der Region im Jahresvergleich um satte 39 Prozent auf knapp 1,4 Mrd. Euro ab. Lediglich im Nahen Osten und Afrika gab es ein Plus von drei Prozent. Dagegen schrumpfte das Geschäft in China um ein Viertel und in Asien um 20 Prozent.

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