Musikrundschau mit dem Hype der Saison

3. November 2011, 17:08
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Neue Alben von Florence + The Machine, Wild Flag, Mariachi El Bronx und Neon Indian

FLORENCE + THE MACHINE Ceremonials (Universal)

Die gute Frau wird zu Hause in Großbritannien anlässlich des Erscheinens ihres zweiten Albums gerade zur Sensation der Saison aufgebaut. Und fast könnte man dem Hype glauben wollen. Immerhin hat es speziell beim Volk der Briten noch nie geschadet, wenn man pathetischen, an der Jukebox im Pub auch nach sieben Litern Bier noch problemlos mitgröhlbaren Breitwandpop mit flächigen Akkordteppichen und Oh-oh-ohs und U-o-uhs und jeder Menge U2 und verhallter Gitarren und nicht gänzlich pessimistischer Texte im Tank produziert. Die neue Single Shake It Out löst diese Aufgabe prächtig. Für Leute, die mit dem neuen Album von Coldplay gerade deswegen ihre Probleme haben: Hier ist eine würdige weibliche Alternative. In Modemagazinen macht die junge Frau sowieso bessere Figur. Und auch die ins Zarthysterische kippende keltische Folkstimme von Florence als Nachfahrin von Mikes Schwester Sally Oldfield sorgt für Gänsehaut im rebellischen Marktsegment des Alternative Rock. Nächstes Jahr werden Florence + The Machine auf jedem Open-air-Festival zwischen Wiesen und St. Pölten umgehen und bejubelt werden. Ist hiermit feierlich versprochen.

WILD FLAG Wild Flag (Wichita)

Carrie Brownstein und Janet Weiss von der seit Jahren ruhenden Mutter aller feministischen Riot-Grrrls-Bands, dem Trio Sleater-Kinney, haben sich mit Mary Timony von Helium und Rebecca Cole von The Minders zusammengetan. Das Quartett produziert im Gegensatz zur Stammband etwas ruhigere, unaufgeregtere und in die Sixties weisende Songs. Man könnte auch sagen, dass bei Wild Flag die Musik etwas wichtiger genommen wird. Die alte Punk- und etwas hoppertatschige Do-it-yourself-Attitüde ist allerdings zum Glück beibehalten worden.

MARIACHI EL BRONX Mariachi El Bronx II (Wichita)

Die in Los Angeles beheimatete, ziemlich beherzt mit dem Vorschlaghammer gegen ihre eigenen Songs vorgehende Punkband The Bronx hat vor einiger Zeit ein Freizeitprojekt gestartet, das mittlerweile erfolgreicher agiert als die hauptberuflich betriebene Gruppe. Mach dein Hobby zum Beruf! Man spielt also elektrisch mitunter durchaus verstärkte mexikanische Mariachimusik mit lustigen Hüten, betrunkenen Trompeten und bauchigen Gitarren und singt auf Englisch rebellische Texte über Liebe in Zeiten der Revolution, Wirtschaftsimperialismus, religiöse Heuchler und die Armut im Wohlstand. Was einem halt so unterkommt, wenn man in Los Angeles auf die Straße geht. Das ist ein großer Spaß. Und es beweist, dass selbst das Gescheiterwerden üblicherweise verweigernde Punkrocker sich weiterentwickeln können. Wenn alles bleibt, wie es immer war, bleibt ja auch das Schlechte in der Welt, wie es ist. Think.

NEON INDIAN Era Extraña (Transgressive)

Alan Polomo wurde in Mexiko geboren und wuchs in Texas auf. Allerdings trägt er keine großen Hüte, sondern lieber neonfarbene Aerobic-Stirnbänder, die er von Olivia Newton-John gekauft hat. Für seine total süße und chillige Musik bedient er sich der Synthesizersammlung von Steffie Werger, stellt auf seinem Laptop klatschende Drumcomputer aus der Bronzezeit nach und sülzt sich unter zeitweiliger, total widersinniger Einbeziehung krachender Noise-Gitarren ziemlich nahe an jene Form von kranker elektronischer Hobbykeller-Popmusik heran, die Mitte der 1980er-Jahre in Österreich von Acts wie Curacao mit ihrem heimischen Welthit Yassu oder dem vergessenen Duo Contact mit Schwarze Madonna produziert wurde. Heute ist das beim kreativen Jungvolk total angesagt. In echt. Davon bekommt man Schnurrbart. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 4.11.2011)

 

  • Der Hype der Saison: Florence und ihre Maschine.
    foto: universal

    Der Hype der Saison: Florence und ihre Maschine.

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