Viennale-Bilanz: Grundsolide vor dem Jubiläum

2. November 2011, 19:46
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Wiener Filmpreis für "Michael" und "Der Prozess" - Fipresci-Preis an "Yatasto" - "Standard"-Preis an "El lugar más pequeño"

Wien - Auf die übliche Pressekonferenz zum Viennale-Abschluss hat man dieses Jahr verzichtet und die Bilanzen schlicht online gestellt. Ein Grund dafür mag sein, dass es wenig Überraschendes zu berichten gab: Die Besucherzahlen sind auf solidem Niveau fast gleich geblieben. Mit 96.700 Tickets wurden 400 mehr als im Vorjahr verkauft, die Gesamtauslastung lag damit bei 79,9 Prozent. 120 Vorstellungen waren ausverkauft, als besonders erfolgreich erwiesen sich der Harry-Belafonte-Tribute und die "Home Run"-Schiene mit österreichischen Filmen. Direktor Hans Hurch lobt in der Aussendung die Neugierde des Publikums als "ein wunderbares Versprechen für das große 50-Jahr-Jubiläum" 2012.

Bei der Abschlussgala mit George Clooneys Politdrama The Ides of March wurden Mittwochabend die Preisträger des Festivals bekanntgegeben. Den Wiener Filmpreis (je 12.000 Euro) erhielt Markus Schleinzers konzentrierte Fallstudie eines Pädophilen, Michael; als bester Dokumentarfilm wurde Der Prozess von Gerald Igor Hauzenberger prämiert, der sich mit den rechtlichen Verwicklungen heimischer Tierschützer beschäftigt. Hauzenberger erhielt auch den erstmals vergebenen Mehrwert-Preis der Erste Bank.

Die Standard-Leserjury - bereits zum neunten Mal im Einsatz - empfiehlt den mexikanischen Dokumentarfilm El lugar más pequeño von Tatiana Huezo Sánchez für einen Kinostart; dies wird vom Standard mit Anzeigenraum im Wert von 12.500 Euro unterstützt. Die bereits mehrfach prämierte Arbeit lotet die Auswirkungen des Bürgerkriegs in El Salvador anhand einiger Bewohner eines kleinen Dorfes aus - "obwohl der Film ein düsteres Kapitel der Geschichte thematisiert, lädt er mit wunderschönen Bildern in eine ferne Welt ein", heißt es in der Jurybegründung.

Den Fipresci-Preis der internationalen Filmkritik erhielt der argentinische Dokumentarfilm Yatasto von Hermes Paralluelo.

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Nachfrage bestimmt Angebot
Kommentar zur Programmatik der Viennale

Einer der Vorteile der Viennale gegenüber anderen Festivals sei, heißt es oft, dass die Filme in Wien in keinem Wettbewerb konkurrieren. Stimmt, denn dies ermöglicht - im besten Fall - verquere und riskante Schwerpunktsetzungen. Es gibt jedoch andere Ökonomien, die den Kulturbetrieb regulieren, und denen entkommt auch die Viennale nicht. Es geht dabei um Sichtbarkeiten, um Präsenz, um das Ereignishafte: Um diese sicherzustellen, muss auch die Viennale publicityträchtig klotzen, statt nur cinephil zu kleckern - in diesem Jahr in besonderem Maße.

Zum Beispiel mit Würdigungen des hoch charismatischen Harry Belafonte sowie des Star-Produzenten Jeremy Thomas (der mit David Cronenberg im Gepäck anreiste): Beide verbinden überzeugend Glamour und Haltung, aber neue Perspektiven auf das Kino eröffnen sie nicht. Die Galavorstellungen, in denen sie bevorzugt auftreten, finden außerdem im exklusiven Rahmen statt - so, als wollte man damit nur eine bestimmte Klientel bedienen.

Gewiss, die Viennale ist immer noch ein Festival der Vielheit, das auch dem Marginalisierten viel Raum gewährt. Doch sie steht ein wenig vor dem Problem, dass sie zu viele Interessen mit zu vielen Nischen bedienen möchte, anstatt sie zu bündeln: Auf filmkulturelle Diskussionen hat man heuer gleich ganz verzichtet. So droht das Festival zum Festival-on-Demand zu werden: Jeder nimmt sich seinen Teil, aber von Öffentlichkeit ist keine Rede mehr. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2011)

  • Wartet auf Verleihvertrag:  "El lugar más pequeño"
    foto: viennale

    Wartet auf Verleihvertrag:  "El lugar más pequeño"

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