Vergangenheit holt Abramowitsch ein

2. November 2011, 18:22
17 Postings

Multimilliardär Roman Abramowitsch muss sich der Vergangenheit stellen: Der Ex-Kreml-Pate Boris Beresowski verklagt ihn wegen Milliardenbetrugs. Der Showdown vor Gericht demonstriert die Abgründe des russischen Geschäfts.

London/Wien – Eigentlich ist Roman Abramowitsch gern in London. Hier besitzt er eine Villa, ein elitäres Penthouse und sogar den Fußballclub Chelsea. Doch derzeit wäre Abramowitsch wohl lieber in Moskau, denn der Prozess in London ist alles andere als angenehm für ihn. Es geht um Betrug: Um umgerechnet vier Milliarden Euro soll er seinen einstigen "Ziehvater" Boris Beresowski beim Verkauf von Sibneft- und Rusal-Anteilen geprellt haben. Auch von Erpressung ist die Rede.

1995 konnte sich Abramowitsch für 100,3 Millionen Dollar die Kontrolle über Sibneft sichern, wobei das Geld großteils aus den späteren Einnahmen des Ölkonzerns selbst bezahlt wurde. Zehn Jahre später verkaufte er das Unternehmen für 13,1 Milliarden Dollar an Gazprom weiter. Ohne Beresowski und dessen Kontakte im Kreml, so räumt er nun ein, hätte er nie die Chance gehabt, Sibneft zu bekommen. Aus Dankbarkeit habe er diesem 1,3 Milliarden Dollar überschrieben, sagt Abramowitsch.

Doch nach dem Machtantritt Wladimir Putins und dem Fall Beresowskis hatte die Dankbarkeit ein Ende: Abramowitsch soll ihn mit der Drohung, Putin werde ihn enteignen, dazu gebracht haben, die Anteile an Sibneft und Rusal unter Wert zu verkaufen. Eine Tonbandaufnahme soll das beweisen. Dokumente, dass Beresowski die Aktien tatsächlich gehörten, gibt es allerdings nicht. Wie so oft in Russland soll der Besitz nicht auf gesetzlicher Grundlage, sondern auf der Absprache zwischen den Oligarchen basiert haben.

Bisher macht Abramowitsch im Prozess keine gute Figur, seine Aussagen sind widersprüchlich. Die Verhandlung verspricht zumindest, dass noch einige interessante Details der dubiosen Geschäftspraktik russischer Oligarchen ans Licht kommen werden.

Unter dem Prozess könnte auch Oleg Deripaska, der Besitzer des Alu-Konzerns Rusal, leiden. Denn auch gegen den in Österreich umtriebigen Oligarchen (Strabag-Großaktionär, Hotel in Lech) wird in London ein Prozess angestrengt. Er soll seinen Ex-Partner Michail Chernoy mit Betrug und Gewalt aus dem Aluminium-Geschäft gedrängt haben. Chernoy, der auch beim Verkauf der bulgarischen M-Tel an die Telekom Austria eine Rolle spielte, kündigte an, er werde dem Gericht entsprechende Beweise vorlegen.

Eine Niederlage Abramowitschs dürfte weitere Sorgenfalten auf Deripaskas Stirn treiben, da beide Fälle Parallelen aufweisen. Wegen der andauernden Fehde um Norilsk Nickel und seine hohen Schulden hat der Aluminium-Zar ohnehin genug Sorgen. (André Ballin, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.11.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Im Gegensatz zum einstigen Kreml-Paten Boris Beresowski, der ins Exil musste, besitzt Roman Abramowitsch (links) beste Beziehungen zu politischen Größen wie Dmitri Medwedew.

Share if you care.