Ein Appell als Verzweiflungsakt

Kommentar | Michael Völker, 2. November 2011, 18:44

Angesichts der Verflachung des Heute gewinnt das Früher an Tiefe und Schärfe

Früher war alles besser. Das sagen vor allem jene, die noch im Früher verwurzelt sind, die das Früher selbst erlebt haben. Das sagen aber auch viele Jüngere. Weil sie es von den Älteren so hören und weil sie selbst Zeugen eines unbefriedigenden Ist-Zustands sind. Auf die Politik umgelegt: Wer das jetzt hautnah miterlebt, muss zwangsweise zur Ansicht geraten: Früher war alles besser.

Diese Verklärung der Vergangenheit ist in ihrer Verallgemeinerung natürlich ein Unsinn. Früher war beileibe nicht alles besser. Nicht einmal in der Politik. Freunderlwirtschaft und Korruption gab es immer schon, damals noch viel dreister als heute, weil man das halt so gewohnt war. Die zunehmende Sensibilität, dass halt doch nicht alles geht, kam erst auf, als Jörg Haider die Aufteilung der Republik in rote und schwarze Beute anprangerte - ehe die FPÖ selbst Bestandteil des Systems wurde und sich nicht weniger schamlos am Eigentum anderer bediente. Auch den Grünen kommt eine wesentliche Rolle bei der Erziehung der Republik zu. Was geht, was nicht, da haben die Grünen mit scharfer Opposition das politische Selbstverständnis maßgeblich beeinflusst.

Aber selbst die relativ frischen Grünen haben schon ihre Politiker von früher, die vom Balkon hereinkeppeln. Eine Freda Meissner-Blau etwa, die nichts von ihrem Idealismus aufgegeben hat, oder einen Johannes Voggenhuber, einen brillanter Analytiker, der ins Ausgedinge gedrängt wurde.

Früher, das ist eine Anschauungssache, eine Frage des Standpunkts. Gilt Wolfgang Schüssel schon als früher? Sind das Franz Vranitzky und Erhard Busek? Oder ist es erst der gänzlich verklärte Bruno Kreisky? Da wird jeder seinen weltanschaulichen und zeitenabmessenden Pflock an einer anderen Stelle einschlagen.

Über das Führungspersonal ist immer schon geschimpft worden, damals wie heute. Werner Faymann und Michael Spindelegger. Wer mag die beiden loben? Auch nur einen davon? Es ist natürlich nicht das entscheidende politische Kriterium, aber vom Unterhaltungswert her sind die beiden Versager: Langeweiler, aalglatt, Verbreiter heißer Luft. Nüchtern betrachtet: Beide sind Pragmatiker, orientieren sich am Machbaren, noch mehr vielleicht an dem, was gefallen könnte. Mutig sind beide nicht. Sie machen, was notwendig ist, sie machen, was möglich ist, immer mit einem Blick auf die Meinungsumfragen, der Kanzler mit permanentem Schielen auf den Boulevard. Dass sie etwas zu sagen hätten, nimmt man ihnen nicht ab.

Diese Anspruchslosigkeit frustriert die Menschen, die gescheiten und die weniger interessierten, die engagierten und erst recht die resignativen. Das sind keine Politiker, zu denen man aufblickt, bei denen man Achtung empfindet, nicht einmal Vertrauen.

Daher scheint das Wort eines Franz Vranitzky, eines Heinrich Neisser, eines Erhard Busek oder eben eines Hannes Androsch umso schwerer zu wiegen. Die haben es aber auch leichter: Sie sind in keinen Zwängen mehr gefangen, sie müssen keine Rücksicht nehmen, sie müssen nichts umsetzen. Sie können das Schwierige fordern. Eine Bildungsreform etwa. Nicht dass die automatisch kommt, wenn man das Volksbegehren unterschreibt. Aber Faymann und Spindelegger sollen ruhig wissen, dass das vielen Leuten wichtig ist, wichtiger, als sie annehmen. Es ist ja fast ein Verzweiflungsakt, ein Appell an die Regierenden: Rührt euch, traut euch, seid mutig - und tut endlich was!(DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2011)

Kommentar posten
24 Postings
baneck08
03
3.11.2011, 17:15
ich kann in meiner erwachsenenzeit besonders eine veränderung feststellen:

noch nie waren (qualitäts)medien derart flach, tendenziös und schlecht wie heute.

die wichtige aufgabe der presse in einer demokratie bleibt unerfüllt.

und typen wie völker sind daran schuld.

Panini
00
3.11.2011, 16:46

und je früher, desto besser

I8NY
20
3.11.2011, 16:32

eine deutliche zäsur: früher hört mmn mit vranitzky und seiner letzten regierungsmannschaft auf. es war nicht alles positiv...aber es wurden ziemlich erfolgreich bspw. monopole aufgebrochen und nahe am kommunismus grenzende wirtschaftspolitik wurde von einem liberaleren verständnis abgelöst.
die ehemaligen warner von rot-schwarz haben sich seitdem unglaublich schamlos/dreist an staatsnahen unternehmen bedient.
wenig anstand (!) und cojones in der politik.
der kanzler am gängelband der medien. es wird nur verwaltet. kein wunder, dass man seit 1,2 jahren immer mehr das wort "wutbürgertum" zu hören bekommt.
es ist nämlich UNSER geld, mit dem gespielt wird- volksvermögen des steuerzahlers!

Just N. Opinion
 
01
3.11.2011, 16:02
Faymann & Spindelegger

Wären die beiden Geschäftsführer eines Unternehmens, dann wäre das wohl keines, das den Markt anführt und innovative technologische Standards setzt.
Es wäre eines, das brav tut, was es immer getan hat, ein Dienstleistungsbetrieb vielleicht, und die beiden würde sich wundern, warum es immer geringere Umsätze macht - einfach weil sie von der Konkurrenz links und rechts überholt werden und nichts davon mitkriegen.
Hauptsache, die Weihnachtsfeier ist schön.

catfish eyes
00
3.11.2011, 15:12

seniler Schwachsinn.

Es war schon gut 150 Jahre nicht mehr so spannend wie jetzt gerade. Es geht um die Wurscht!

Wer etwas von irgendwelchen "Regierenden" erwartet, der ist sowieso nicht mehr zu retten.

Der Rest: Auf die Beine!

Lightsaber
01
3.11.2011, 13:28
so

ich rechne mir gerade aus was die Welt kostet! Dann nehm ich mir einen Kredit und kauf den Saustall und vermiete Ihn gegen Zinsen an Liebhaber. Der Rest kann von mir aus Diamanten pflücken und sich diese auf den Bauch hauen.

Lightsaber
00
3.11.2011, 14:22

so teuer kann dies gar nicht bewertet werden, dass es nicht zum kaufen wäre.

Vor allem, wenn man sich die gepfuschten Sachen ansieht.

Meklon von Andromeda
 
00
3.11.2011, 12:30

"...ein Appell an die Regierenden: Rührt euch, traut euch, seid mutig - und tut endlich was!"

Wäre ja nur zu schön. Aber aktuell herrscht dort die Meinung vor: "Wer nichts macht, macht auch nichts falsch."

Hausmeister und Bruder vom Lugner
00
3.11.2011, 11:17
''Wir'' Österreicher haben zwar 471 Mrd auf der Bank...

...aber das ''Wir '' hört sich schlagartig auf, wenn wir alle wieder mehr Geld für Schulen, Spitäler, Pensionen, Gesundheitsvorsorge, Wasser usw. brauchen! (= Geld fürs Humankapital)

Erstversuch
00
3.11.2011, 17:08
Lieber Hausmeister das "wir" hat aufgehört als sich

in Spitälern, Schulen, Kassen Faulenzer breitgemacht haben und sich von unsereins das Geld per Gesetz holen.

Lightsaber
01
3.11.2011, 11:25

seit einiger Zeit erleben wir eine Sinnkrise.

*) es gibt den Menschen, der in Städten leben möchte und produktiv sein will.

Es gibt aber noch kein System welches den Menschen rund herum beschützt.

powidl
02
3.11.2011, 10:09
Das Problem ist, dass man früher glauben konnte, dass vieles besser wird.

Und es ist auch einiges besser geworden: Umweltschutz wurde zum breiten Thema, Gleichberechtigung ebnso.

Vieles ist aber leider in der Sonntagsrede stecken geblieben. Was uns heute vereint ist nicht die Hoffnung auf besseres, sondern die Angst, dass wir erreichtes nicht verteidigen können. Dabei übersehen wir, das vieles von dem was erreicht wurde, gar nicht so verteidigenswert ist (z.b. die Mobilität).

Mary Nosch
31
3.11.2011, 09:43
Die Grünen

"Auch den Grünen kommt eine wesentliche Rolle bei der Erziehung der Republik zu. Was geht, was nicht, da haben die Grünen mit scharfer Opposition das politische Selbstverständnis maßgeblich beeinflusst."
Ja,Herr Völker, genau das sollten Journalisten gerade jetzt stetig herausheben. Denn den letzten Anständigen muss der Rücken gestärkt werden!
Wären das die Roten, Schwarzen, Orangen oder Blauen würde ich dasselbe über die sagen - geht aber nicht mehr!!

Hanns Ch.1
00
3.11.2011, 10:06
..zu große schuhe...

...absolut richtig, denn diese partei hat noch am wenigsten zur misere beigetragen,..
allerdings scheint ihnen die bobos welt der wohnstrassen und grätzelidyllen wichtiger als das große ganze,..
mag sein, dass man auch dort die richtigen leute nicht ranlässt, aber die derzeitige grüne führung und performance ist einfach zu sehr mit eitelkeiten und kommunenhickhack beschäftigt,..und selbst das kleine österreich scheint ihnen einige nummern zu groß oder schlichtweg zu unwichtig,..
denn derzeitige situation serviert ihnen doch einen superpass nach dem anderen, nur sie sind zu schwach , dass zu verwerten.

Hanns Ch.1
02
3.11.2011, 03:44
..in wandel,...

die menschen haben sich geändert, die zeit bringt es mit sich, egal ob sie gut oder schlecht ist,..
aber was wirklich überall festzustellen ist, dass ist ein massiver vertrauensverlust , der sich breitmacht.
wähler misstaruen ihren volksvertretern, die politiker misstaruen ihren wählern, der staat reguiert wie wild und vermutet in jedem bürger einen kriminellen,...
das kam nicht so von ungefähr,.. denn in vielen ländern haben ganze seilschaften daran sehr erfolgreich gearbeitet, dass den leuten solidarität und verantwortung den anderen gegenüber gründlich ausgetrieben worden ist,..
auch wenn es viele nicht hören wollen,..das sind mechanismen, die faschistoide züge tragen,..

QuastentierRepublikaner
00
3.11.2011, 05:44

durch Bildungsmangel, dem fehlen von Weitsicht - speziell in der Politik - ist das Schiff nicht auf Wohlfahrt, sondern, in einen Sog der Eigeninteressen, weniger mächtiger geraten.

Wir wären gut beraten, das Schiff des Staates, vor der Weiterfahrt in die Zukunft rundum zu überholen.

Aber sicher nicht mit einem Maat und einem Kabinenjungen auf der Brücke

Reaktion1
03
3.11.2011, 08:17

"....in einen Sog der Eigeninteressen, weniger mächtiger..."
Angesichts der Ereignisse des 20. Jhd. ein Zitat von Aldous Huxley
"Technisch sind wir Übermenschen; moralisch sind wir noch nicht einmal Menschen"
Es bleibt trotzdem die Hoffnung, dass der Mensch lernfähig ist.

im Raum/Zeit
00
3.11.2011, 09:16

ich fürchte:

"wir benötigen eine Keule, damit er hat eine Beule!"

Hanns Ch.1
01
3.11.2011, 07:19
..das grosse schiff...

..fährt auch ohne zutun der österreicher, ...
wir sind doch nur damit beschäftigt, das rettungsboot für uns zu verteidigen...
und wieweit man dann bei hohem wellengang kommt, das bedenken die dingi kapos wohl nicht

cannery row
02
3.11.2011, 02:04
vermutlich..

gibt es jetzt einige, die ganz gerne schreiben würden, dass vor 20 jahren doch einiges besser war. darf man aber nicht, weil man sonst mindergebildeter kronennazi ist.

ich tus gern. es war besser. ich weiss es, ich war damals 21. ist nichts böses. die wirtschaft kann zb. auch nicht ewig wachsen, weil die kugel nicht grösser wird.. und die menschen nicht weniger. so ist es nun mal.

QuastentierRepublikaner
00
3.11.2011, 05:57

es ist ein Trugschluss, wenn man sagt, früher war alles besser. Früher waren sie jünger und die Probleme wurden von ihren Eltern getragen, welche ebenso der Meinung waren, dass es in Ihrer Kindheit besser war, wo diese von Ihren Eltern beschützt wurden.

ApropoPose: weder der Fay- noch der Spindel, sind Väterfiguren und werden dies auch nicht mehr lernen

mikromalist
 
03
2.11.2011, 22:24
Ich befuerchte, wir verdrängen...

Oder ist es Höflichkeit.
Nein, wären sie mutig, drohte eine nicht unwahrscheinliche Katastrophe.
Es geht nicht um das Wollen, es geht um das Können.

Das scheinbare Verschazen hinter Denkstoppern und Worhuelsen ist die Realität.
Wachteleier Anreize, Schrott sei Dank Prämien, die Verhüllung der Hauptschule als NMS, ... und noch schlimmer Verfassungsbrüche .. sind ihre mögliche Performance: mehr geht nicht.

Zugegeben, das 21. Jhdt. ist nicht einfacher geworden, aber mit ein wenig Grübeln könnten wir ein EU Musterland werden.
Aber mit dieser lamentablen Truppe, niemals.

byron sully
01
2.11.2011, 21:36

vranitzky und busek waren noch persönlichkeiten mit visionen (auch wenn's vranitzky mit seinem legendären zitat abgestritten hat). faymann und spindelegger wirken wie zwei langweilig-biedere beamte, die sich irgendwo (faymann bei diversen boulevardzeitungen, spindelegger bei raiffeisen & co.) ihre anweisungen holen. aber das ist kein rein österreichisches phänomen - ist leider in vielen anderen ländern recht ähnlich.

recycling
00
3.11.2011, 09:06

wenn die wenigstens wie beamte wären ... gute beamte haben doch wichtiges und profundes fachwissen. (vranitzky war zB sehr guter basketballer und banker. faymann fährt - glaube ich - gerne rad.)
ich fürchte es ist schlimmer: es sind berufspolitiker ohne jegliche visionen (außer: wo ist die kamera in die ich grinse und mit welchen maßgeschneiderten aktionen steige ich innerparteilich möglichst schnell auf) und ohne jegliches wissen aus der praxis. die sich aber pragmatisch geben.

so, und jetzt habe ich auch mal geschimpft auf die zustände.

p.s.: sonst sind natürlich auch noch der boulevard, der fast-boulevard, banken+wirtschaft, die speckulanten sowieso, die politiker, die bürokraten und überhaupt die anderen ausschließlich schuld.

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