Griechenland

Hellas-Referendum als Chance für eine Systemtherapie

Kommentar der anderen | 02. November 2011 17:33

Fünf Thesen zur Krisenlage - Von Stephan Schulmeister

These 1: Die griechische Bevölkerung wird ein weiteres Sparpaket samt wirtschaftspolitischer Entmündigung verweigern. Dies gibt den Staatenlenkern die vermutlich letzte Chance, die Symptomdiagnosen und Symptomkurse der vergangenen 18 Monate zu überdenken. Die Krise ist nämlich keine "Griechenland-Krise" , sondern eine Systemkrise: Zwischen 2000 und 2007 ist die griechische Staatsschuldenquote konstant geblieben (freilich auf zu hohem Niveau), sie stieg erst danach drastisch an, und zwar wegen der Krise des Finanzsystems 2008/2009, wegen der durch Spekulation auf über 20 % gestiegenen Zinsen und wegen einer rabiaten Sparpolitik, welche das BIP vier Jahre lang schrumpfen ließ.

These 2: Der neoliberale Smog in den Köpfen der Eliten macht es ihnen unmöglich, den systemischen Charakter der Krise zu begreifen. Zwar springen die Ausbreitung der Zinsepidemie bis Frankreich, die Handelspraktiken auf den Derivatmärkten, die kontraproduktiven Sparanstrengungen, die immer groteskeren Kurssprünge an den Börsen etc. ins Auge, werden aber vor Eintritt ins Hirn abgeblockt.

These 3: In einer solchen Lage müsste die Politik Leadership zeigen, indem sie in die Märkte ein- und die Finanzalchemisten angreift: Eine systemische Konsolidierungsstrategie muss unternehmerisches Handeln auf allen Ebenen besser stellen als Finanzakrobatik, das Sparen der Haushalte durch höhere Konsolidierungsbeiträge der Bestsituierten senken und den Zinssatz für alle Euro-Länder unter die Wachstumsrate drücken. Dies lässt sich in einer Währungsunion nur durch ein gemeinsames Finanzierungsinstrument erreichen: Ein Europäischer Währungsfonds (EWF) gibt Eurobonds zu festen Zinssätzen aus, er hat eine unbeschränkte Garantie aller Euroländer und die Rückendeckung der EZB (wie in den USA). Eurobonds werden von den Großanlegern beim EWF gehalten, sind nicht handelbar - so wie die österreichischen "Bundesschätze" bei der BFA -, können allerdings jederzeit "liquidisiert" werden. Jegliche Spekulation mit den Staatsfinanzen hört sich dann auf.

These 4: Genau dort setzt aber die Denk- und Lernblockade ein. Alles darf der Staat in der Not tun, teure Rettungsschirme aufspannen und ausweiten ja, aber dem Markt die Preisbildung nehmen, nein, das ist ein Sakrileg (auch wenn das gar nix kosten würde).

These 5: Wenn jene Chance, die das griechische Volk den europäischen Staatenlenkern mit dem Referendum bietet, als Erpressung wahrgenommen und somit nicht begriffen wird, geht nicht nur Griechenland bankrott. In einer schweren Krise gilt ja: "Rette sich, wer kann" , also Wirtschaftskrieg. Dann können die Gespenster der Vergangenheit, die man mit der EU befrieden wollte, wiederauferstehen. Und niemand wird sie besser zum Tanzen bringen als die Zuchtmeister von damals in ihrer Rolle als Lehrmeister von heute. (Stephan Schulmeister, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.11.2011)

STEPHAN SCHULMEISTER ist Wirtschaftsforscher in Wien.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 37
1 2
der Rabe
08.11.2011 19:00
Schulmeister -

einer, dem der Neoliberalismus das Hirn noch nicht zerfressen hat.
Danke für den Durchblick!

slow motion
03.11.2011 13:53
Tja, aus heutiger Sicht sieht Schulmeisters Kommentar furchtbar alt aus.

Papandreou scheinbar kurz vor dem Sturz. Scheinbar doch kein Referendum, etc. ....

koma61
03.11.2011 16:05
Gerade noch, jetzt aber nicht mehr...

Bei Ihrem gestrigen ersten Post (02.11. 18:04) hab' ich es mir gerade noch verkniffen, aber Ihr gekünsteltt süffisanter, letztlich doch bloß hämischer heutiger "Tja,..."-Kommentar kann Ihnen eine Frage nicht länger ersparen: "Ist Ihr Nickname Programm?"

WalterK..
03.11.2011 10:50
Einer der wenigen der weiter als 1 Woche denkt

immer ein intellektueller Hochgenuss - super

Hias Schneider-Gampern
03.11.2011 09:55
Deutsche Michel

Schulmeister und US Ökonomen haben schon recht, mit der Deutschen Michels und Merkels Spardiktaten kann man den systemischen Forderungen der europäischen Banken nach mehr Zinsen auf laufende und neue Verschuldung nicht begegnen.
http://baselinescenario.com/2011/10/2... g-picture/
Spannend wirds dann wenn die Italiener einmal abstimmen werden ob und wie sie z.B. die französichen Kredite weiter bedienen möchten.

Theobald Tiger
02.11.2011 23:39
Das Finanzkapital

verdient zwar am entgrenzten Schuldenmachen der zu Ochlokratien absinkenden Demokratien, aber es ist lächerlich, den "Neoliberalismus" hauptverantwortlich für diesen offenbar kaum umkehrbaren Degenerationsprozess zu machen.

lessismore
03.11.2011 02:11

Nach der letzten großen Finanzkrise in Europa und Amerika hat man Reformen in Gang gesetzt. Dann hat man die Reformen rückgängig gemacht (das ist der Neoliberalismus). Jetzt haben wir wieder eine große Finanzkrise.

Fällt der, äh, Cent?

Theobald Tiger
03.11.2011 05:38
Nein

bin schwer von Begriff und bitte Sie daher, Ihre Welterklärungstheorie ein bissel zu erläutern

Andreas Prucha
03.11.2011 00:09

Kommt drauf an, was man unter "Neoliberalismus" versteht. Meiner Ansicht nach hat der naive Glaube an die Märkte dazu geführt, dass sich die Politik immer mehr aus der Verantwortung stiehlt, aber auch immer mehr Gestaltungsmöglichkeiten abgibt.

Theobald Tiger
03.11.2011 00:14
Die "Märkte" erzwingen

das Schuldenmachen nicht - die Ursachen dafür sind der Leichtsinn und die Kurzsichtigkeit vieler, vieler Menschen und Politiker, die solchem Leichtsinn gefällig sind.

lessismore
03.11.2011 01:56

Müßiggang ist aller Laster Anfang, aber wir sollten vielleicht auch über die Verteilung des Reichtums reden.

Theobald Tiger
03.11.2011 05:34
... und wenn der Reichtum

umverteilt ist, sind alle zufrieden, die Wirtschaft floriert, niemand macht mehr Schulden, soziale Harmonie und der Ewige Frieden brechen aus?

Diese Idee hat man im Osten doch schon ausprobiert, oder?

lessismore
03.11.2011 10:06

Ja.

Gotti
Gottie
 
02.11.2011 22:39
moment mal bitte ...

zu 1: so ist es ja nicht, dass spekulation zum bankrott griechenlands geführt hat. das waren wohl eher schon die permanent hohen ausgaben des staates für seine beamten und seine ganze andere klientel.

zu 3: gehts noch nebuloser? "systematische konsolidierungsstrategie" und "unternehmerisches handeln auf allen ebenen besser stellen als finanzakrobatik" schreibt sich leicht aber sagt gar nix. und was dem herrn einfällt ist nichts anderes als was jetzt schon geschieht: alle stehen für die schulden aller ein. das ärgert uns ja so, dass wir jetzt für griechenlands schulden einstehen.

zu 5: also das kriegsvergangenheitsargument mit deutschland ist letztklassig.

was regen wir uns auf? wir haben den griechen über sehr lange zeit viel geld geborgt, damit sie uns unseren exportkrempel abkaufen können. damit haben wir ein gutes geschäft gemacht und die banken haben das ermöglicht. jezt kommt man darauf, die griechen waren zu gierig und wir wohl auch, denn es ist niemandem aufgefallen dass sich die das gar nicht leisten konnten. also: unsere unternehmen haben den gewinn bereits gemacht, unsere arbeitsplätze sind bereits erhalten worden, und die jetzt fällige rechnung ist der staatsbankrott, also: zahltag.

lessismore
03.11.2011 02:00

Wir sehen interessanterweise, daß Griechenlands Nachbarn alle besser dastehen, obwohl sie keineswegs bessere Daten haben. Was ist der Unterschied?

Stuff
03.11.2011 14:10
Alle €-Länder

die Gegner oder Neutrale der Deutschen im letzten Krieg waren, haben Probleme (die Alliierten freilich ausgenammen)...
Sonstige Unterschiede wie die Fkonkrete Finanzlage könnens ja nicht sein.

Takis
02.11.2011 22:29

Volle Zustimmung, aber wenn hier schon von Ursachenbekämpfung reden muss diese weit über das hinausgehen was hier vorgeschlagen wird.
Herr Schulmeister ist zwar kein Freund von solchen Ideen, aber wir brauchen ein neues Geldsystem in dem sämtliches Geld von öffentlichen zentralbanken geschöpft wird. Die Einnahmen dieser Banken bringt der Staat dann über seine regulären Ausgaben in den Wirtschaftskreislauf ein.

byron sully
02.11.2011 21:39

einer der seltenen halbwegs vernünftigen kommentare zu dem thema, danke!

heinzjohann
 
02.11.2011 20:07
Danke,Herr Schulmeister

Die Macht der neoliberalen Eliten muß gebrochen werden.Die Macht der Finanzakrobaten mit ihren Schummel-Casino-Papieren muß gebrochen werden.Nur die Arbeit der Menschen schafft Fortschritt und Wohlstand für alle.

Thyristor
02.11.2011 22:25

Ja, aber das wird noch ein langer Weg werden. Ich glaube nicht, dass die politischen Eliten von sich aus noch in der Lage sind, von heut auf morgen umzudenken.

Thyristor
02.11.2011 22:32

Mehr als drei Jahrzehnte neoliberaler Dominanz lassen sich nicht im Nu tilgen, das wird noch lange Zeit nachwirken.

Thyristor
02.11.2011 19:48

Ich fürchte, Herr Schulmeister, solche Kommentare werden nicht mehr durchdringen. Wenn das, was Sie in These 1 anmerken, tatsächlich die letzte Chance sein sollte, dann wird sie in der allgemeinen Hysterie untergehen. Nicht zuletzt auch von wegen These 2.

Hoffentlich stimmt's nicht, was ich befürchte.

hadschibradschi
02.11.2011 19:04

Danke, Herr Schulmeister!

ilse kleinschuster
 
03.11.2011 08:32
Danke auch ....

h k
02.11.2011 17:56
Nicht nur für Österreich gilt- die Politik lernt offenbar nichts

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 37
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.