Rektoren: Studenten sollen Volksbegehren unterstützen

2. November 2011, 19:04
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Pünktlich zum Start des Bildungsvolksbegehrens fordern die Rektoren alle Studierende und Uni-Mitarbeiter zur Unterstützung auf

Wien - Die Tschechoslowakei erlebte den ihren 1968: Als "Prager Frühling" ging er in die Geschichte ein. Der "Arabische Frühling" ist gerade in einem Stadium, wo man nicht genau weiß, ob aus ihm auch ein blühender Sommer wird. Und Österreich soll jetzt auch einen politischen Frühling bekommen. Das jedenfalls ist das erklärte Ziel von Hannes Androsch, dem Initiator des "Volksbegehrens Bildungsinitiative - Österreich darf nicht sitzenbleiben", das ab heute, Donnerstag, bis 10. November eine Woche lang in Gemeinde- und Bezirksämtern aufliegt.

"Wir brauchen einen 'österreichischen Bildungsfrühling'", sagte der Exvizekanzler und Industrielle im STANDARD-Gespräch - mit Blick gen Norden, genau gesagt Richtung Finnland, denn der frühere SPÖ-Politiker hofft auf eine "Finnlandisierung unseres Bildungswesens". Und das zielt zum Beispiel auch auf eine echte, richtige gemeinsame Schule aller Kinder bis 14 ab und nicht auf eine "gemeinsame Schule" für alle, die nicht ins Gymnasium gehen.

Androschs Ziel ist die "Überwindung der bestehenden Bildungsarmut und der sozialen Ungleichheit durch mehr und bessere Bildung", das erfordere aber ein "zeitgemäßes Bildungssystem".

Was wollen Androsch und seine Mitstreiter, die gesellschaftspolitisch einen weiten Bogen spannen von der Arbeiterkammer bis zur Industriellenvereinigung, von SPÖ- (darunter Unterrichtsministerin Claudia Schmied) über ÖVP- und LIF- bis hin zu Grün-Politikern, konkret? Der Kurztext für das Unterstützungserklärungsformular lautet: "Wir fordern mittels bundes(verfassungs)gesetzlicher Regelung ein faires, effizientes und weltoffenes Bildungssystem, das so früh wie möglich alle Begabungen des Kindes fördert und Schwächen ausgleicht, autonome Schulen oh-ne Parteieneinfluss, eine leistungsdifferenzierte, hochwertige gemeinsame Schule bis zum Ende der Schulpflicht und ein Angebot von ganztägigen Bildungseinrichtungen, eine Aufwertung des LehrerInnen-Berufs und die stetige Erhöhung der staatlichen Finanzierung für Unis auf zwei Prozent des BIPs bis 2020."

Die explizite Fürsorge für den Uni-Bereich im Volksbegehrentext hat den Initiatoren eine Unterstützerriege beschert, die für die Mobilisierungskraft von großer Bedeutung ist.

Rektorenmail an alle

Die Rektorinnen und Rektoren der Universitäten haben sich entschlossen, in einer E-Mail an alle Studierenden - das sind rund 206.000 inländische Wahlberechtigte - und alle Uni-Mitarbeiter zur Unterstützung des Bildungsvolksbegehrens aufzurufen.

Eine der ersten universitätsinternen E-Mails in Sachen Bildung wurde am Mittwoch um 11.52 Uhr an der TU Wien versandt. Rektorin Sabine Seidler und das Vorsitzteam der ÖH an der TU "regen" die Adressaten des Briefs "an", sich auf www.nichtsitzenbleiben.at "selbst ein Bild zu machen und von ihrem Recht als StaatsbürgerIn Gebrauch zu machen. Wer die Forderungen unterstützt, hat die Chance im Rahmen des 'Volksbegehrens Bildungsinitiative' dem Thema in der Politik den nötigen Stellenwert zu geben." Praktische Tipps wie die Adresse des nächstgelegenen Eintragungslokals im 4. Bezirk und die Erinnerung an den Lichtbildausweis sind inkludiert.

Der Rektor der Uni Wien, Heinz W. Engl, hingegen will mit seiner E-Mail bloß "darauf hinweisen", dass das Volksbegehren aufliegt.

Der Präsident der Universitätenkonferenz (Uniko), Heinrich Schmidinger, erklärt im Gespräch mit dem STANDARD das Engagement der Rektoren für das Bildungsvolksbegehren so: "Es geht uns nicht nur um die Universitäten, es geht um das Thema Bildung insgesamt. Wir sehen an den Unis ja, dass viele Probleme, mit denen wir zu tun haben, Stichwort soziale Durchmischung, ja schon viel früher entstehen, im Kindergarten oder in der Volksschule. Die Erkenntnis muss wachsen, dass Bildungspolitik die beste Sozialpolitik, die beste Gesundheitspolitik, die beste Umweltpolitik etc. ist."

Hängt sie höher!

Darum setzen sich die Rektoren so sehr für das Thema Bildung an sich ein, sagt der Uniko-Präsident: "Das hängt in Österreich einfach noch nicht hoch genug." Und es ist der Grund, warum er als Rektor der Uni Salzburg in seiner E-Mail "seine" Uni-Angehörigen "um Ihre Unterstützung" für das Volksbegehren bittet, sagt Schmidinger, "weil davon sehr, sehr viel für das ganze Land abhängt. Von einem höheren Bildungsstandard aller hängt die Lösung der Herausforderungen der Zukunft ab. Es geht wirklich ums Ganze."

Die Uni Salzburg honoriert Androschs Einsatz für dieses "Ganze" und das Bildungsvolksbegehren im Besonderen am 17. November übrigens mit einer hohen Auszeichnung. Eine Woche nach dem Bildungsvolksbegehren bekommt der Initiator beim Dies academicus ein Ehrendoktorat verliehen.

Vielleicht schließt sich für Androsch dann ja ein Kreis doppelt erfreulich. Denn die Stimmen der Studierenden (und vielleicht ihrer Eltern) könnten ein entscheidender Faktor sein auf dem Weg zum Wunschziel von zehn Prozent der Österreicher, deren Stimme er gern für Bildung gewinnen würde. Die Gewinnzahl: 850.000. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2011)

 

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