"Es ist ein Versagen der Politik, aber auch der Eltern"

Interview2. November 2011, 18:10
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Schauspieler August Schmölzer, der im Beirat des Bildungsvolksbegehrens aktiv ist, über Reformstau im Plural, ökonomisierte Lehrpläne, humanistische Bildung und jugendliche Umfaller

STANDARD: Warum engagiert sich ein Künstler wie Sie im Beirat des Bildungsvolksbegehrens?

Schmölzer: Weil ich glaube, dass es jetzt wirklich an der Zeit ist, dass wir uns grundsätzlich um Bildung kümmern. Es ist alles so verfahren, dass sich eigentlich niemand mehr auskennt, das muss einmal ganz klar geordnet werden - nicht wie wir es uns einbilden, die Älteren, sondern wie es für unsere zukünftigen Generationen gut ist. Wir haben schon so viel verschlafen. Die Bundesregierungen haben so viel verschlafen, dass es eigentlich schon zu spät ist, aber man muss halt so lange aufzeigen, bis es doch irgendwas bewirkt.

STANDARD: Warum stehen wir denn da, wo wir stehen?

Schmölzer: Jetzt ist es eine große Koalition, die sich gegenseitig blockiert, davor war es eine andere Koalition, die, wie wir jetzt sehen, sich als etwas speziell Spannendes entpuppt, nur nicht als Regierung, die die Vorreiterin einer Bildungsoffensive war. Es ist ein Versagen der Politik, ganz klar, es ist aber auch ein Versagen der Eltern. Ich verstehe nicht, warum die Eltern nicht schon längst auf die Straße gehen. Mir fehlen die Persönlichkeiten in der Politik, die mit Rückgrat und Mut die Dinge angehen. Zu oft steht die Parteiräson im Vordergrund. Die eigenen Unfähigkeiten werden durch irgendwelche Gemeinplätze kaschiert. Das führt natürlich zu gar nichts. Es führt nur zu Hinausschieben, Hinausschieben, Hinausschieben. Wir erleben das in der Gesundheitsreform, in der Verwaltungsreform. Überall. Es ist ein Reformstau sondergleichen, der sich in irgendwelchen Klüngeleien abarbeitet.

STANDARD: Was passiert, wenn nichts passiert?

Schmölzer: Diese politische Untätigkeit ist den Kindern gegenüber ungeheuerlich, wenn sie nicht das bekommen, was sie brauchen, aber auch uns selbst gegenüber besonders dumm, weil ich in einem Alter bin, wo ich sagen muss, in 20, 30 Jahren kann es mir passieren, dass ich diese jungen Menschen, die dann in verantwortungsvollen Positionen sind, brauche, um im Alter ein gutes Leben führen zu können. Wenn diese Menschen keine humanistische Bildung und ethische Grundlage haben, dann ist das fatal. Dann kann ich Fürchterliches erwarten.

STANDARD: Was wünschen Sie sich denn von einer guten Schule?

Schmölzer: Wir müssen endlich aufhören, unsere Lehrpläne danach zu gestalten, wie die Wirtschaft die Menschen braucht. Wir müssen anfangen, die Lehrpläne so zu gestalten, dass der Mensch zu seiner eigenen Persönlichkeit reifen kann. Nur wenn er das kann, das ist meine völlige Überzeugung, wird er auch ein wunderbarer Teil dieser Gesellschaft sein, ein Individuum mit einer eigenen Meinung, mit einer eigenen Haltung, die er dann auch vertritt.

STANDARD: Sie selbst sind bereits länger aktiv mit der Initiative "Gustl58 - Initiative zur Herzensbildung" (www.augustschmoelzer.com). Die will Kinder und Jugendliche im schulischen und außerschulischen Bereich unterstützen und fördern. Was machen Sie da?

Schmölzer: Wir bieten dort Ergänzungen, wo der Staat und das Land sie nicht leisten können und wollen. Das sind oft nur kleine Sachen. Wir bieten in Sankt Stefan ob Stainz den Schülern der vierten Klasse Volksschule eine Exkursion ins ehemalige Konzentrationslager Mauthausen an, ohne erhobenen Zeigefinger, ohne den Lehrer, der im Nacken sitzt. Wir bieten aber auch Italienisch- und Slowenisch-Kurse an, das sind unsere unmittelbaren Nachbarn. In Zusammenarbeit mit der Uni Graz haben wir überlegt, wie wir die Kinder am Wochenende vom Computer und Fernseher wegkriegen, wo sie die Eltern gerne hinsetzen, weil sie endlich auch Ruhe wollen. Wir haben zu einem Kasperltheater eingeladen und dachten, wenn es 40 Kinder sind, ist das schon sehr gut. Es waren 170. Sie hätten die Kinder mit keinem Computerspiel oder Film der Welt rausgekriegt. Mit dem Kasperl schon. Das Schönste dabei war, dass die Erwachsenen, die ja nicht alle reinkonnten und warten mussten, auch anfangen mussten zu kommunizieren. Es ist toll, zu sehen, dass das in den Kindern zu erwecken ist. Jemand, der heute sagt, die Jugend ist schlecht, der hat nichts begriffen. Die Jugend ist genauso gut und schlecht wie früher, es gab damals nur andere Möglichkeiten. Kümmern wir uns um die Jugend! Und wenn jemand einmal gefallen ist, aufheben, und wenn er das zweite Mal fällt, noch eine Chance geben. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2011)

AUGUST SCHMÖLZER, geb. 1958 in Sankt Stefan ob Stainz, machte eine Kochlehre und absolvierte die Hochschule für Musik und darstellende Kunst Graz. 2005 gründete der vielbeschäftigte Film- und Theaterschauspieler (u. a. Theater in der Josefstadt, Salzburger Festspiele, Münchner Residenztheater und Kammerspiele) "Gustl 58 - Initiative für Herzensbildung".

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    August Schmölzer: "Diese politische Untätigkeit ist den Kindern gegenüber ungeheuerlich."

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