Burschen, Bones und eine Biografie

2. November 2011, 17:59
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Regisseur Benjamin Heisenberg und Künstler Clemens Krauss zeigen im Kunstbuero alte bzw. neue Arbeiten. Im Zentrum ihrer Ausstellung steht das Gemeinschaftsprojekt "ER"

Wien - Beide leben in Berlin, und beide waren offenbar schon in frühen Jahren an (männlichen) Selbstbildern interessiert: Sowohl Benjamin Heisenberg, gefeierter deutscher Filmemacher (u. a. Der Räuber), als auch Clemens Krauss, vor allem international ausstellender österreichischer Künstler (u. a. Schirn Kunsthalle, Stedelijk Museum), haben bereits im Teenageralter Filme gedreht. Nun münden diese in das Gemeinschaftsprojekt ER. Das spiegelverkehrte "R" im Titel deutet bereits auf die Konstruiertheit ihrer experimentellen "Einheitsbiografie" hin.

Parallel zu den Bildern von einem jungen Burschen (abwechselnd dargestellt von Heisenberg und Krauss), der in die Gitarre haut, einen epileptischen Anfall vortäuscht oder seinen Kopf zum Spaß auf die Bahngleise legt, erzählt eine computergenerierte Stimme dessen Lebensgeschichte: In seiner Jugend von einem Schluckauf-Tick und Schwindelanfällen gepeinigt, verlieren sich die Spuren des Protagonisten jedoch in späteren Jahren. In Wirklichkeit sah die Zukunft der beiden Darsteller nicht ganz so trüb aus: Während Heisenberg nach einem Kunststudium die Münchner Filmakademie besuchte, studierte Krauss in Berlin und London und befasste sich malerisch mit dem Körperkörper-Problem.

Die gemeinsame Vorliebe für das Erzählen vermitteln in der Ausstellung aber auch jeweils eigene Arbeiten. Präsentiert werden frühe Kurzfilme des mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Regisseurs wie auch die jüngsten Zeichnungen von Clemens Krauss: The Bone Book ist die 13-teilige Serie betitelt, in der sich Krauss der Ästhetik und Bildsprache von Lehrbüchern bedient. Es scheint zunächst, als hätte er die pastosen Farbaufträge seziert, die er im Zuge des Körperkörper-Problems auf die weiße Leinwand "gedrückt" hat. Die Blätter zeigen jedoch fein säuberlich gezeichnete Knochen, die in ihrer Zusammensetzung allerdings kein menschliches Skelett ergeben: Vielmehr lassen die präzisen lateinischen Bezeichnungen einzelner Teile (u. a. Dissensio civilis / bürgerliche Spaltung, Coitus socialis / soziale Vereinigung) einen gesellschaftspolitischen Ansatz erahnen.

Den findet man auch bei Heisenberg. Etwa in seiner Kurzfilm-Serie Meier, Müller, Schmidt I-III (2004/2005) in der er hinter die Fassade der durchschnittlichen bundesdeutschen Familie schaut. Oder auch in Der Bombenkönig (2000): Die Bilder von vier jungen Burschen, die brachiale Anweisungen à la "Hau drauf!" von sich geben, bleiben unkommentiert. Erst nach und nach realisiert man, dass hier vor einem Computerspiel keineswegs Mord und Totschlag, sondern neben tougher Rhetorik vor allem Nervosität und Hektik eingeübt wird. (Christa Benzer/ DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2011)

Bis 19. 11., Kunstbuero Wien Schadekgasse 6-8, 1060 Wien

  • Clemens Krauss skizziert in der Serie "The Bone Book" den Knochenbau unserer Societas: "Os Quadripes oder der vierfüßige Knochen" (2011).
    foto: clemens krauss

    Clemens Krauss skizziert in der Serie "The Bone Book" den Knochenbau unserer Societas: "Os Quadripes oder der vierfüßige Knochen" (2011).

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