"Ich glaube, ganz gut in meinem Job zu sein"

Interview2. November 2011, 17:48
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Seit knapp einem Monat bringt Neo-Intendant Martin Kusej das Residenztheater zum Brummen

Im Interview mit Ronald Pohl umreißt der Kärntner Regisseur die Eckpunkte seines Konzepts.

Standard: Inwieweit lässt sich die Übernahme eines Hauses wie des Münchner Residenztheaters als "Inszenierung" begreifen? Würden Sie sich als Meta-Regisseur begreifen, als Künstler zur Potenz?

Kusej: Nein. Mir nützen zwar meine kreative Energie und meine große Erfahrung mit inszenatorischen Abläufen, aber ich sehe mich als Intendant vor allem als Ermöglicher und als Beschützer künstlerischer Prozesse. Ein Theater zu leiten ist für mich definitiv eng an Teamwork geknüpft. Meine Rolle dabei ist es, den Motor zu verkörpern, Motivation und Inspiration anzutreiben. Es gibt natürlich eine übergeordnete Konzeption, und man merkt schon deutlich, dass sich hier in München die einzelnen Puzzleteile zu einem breit gefächerten Theater-Begriff, zu einem polyvalenten Theater-Erlebnis zusammenfinden. Ich lerne aber gleichzeitig sehr intensiv, dass die Führung eines 460-Personen-Betriebs hinter den Kulissen mit Kunst nicht so viel zu tun hat als vielmehr mit Verantwortung, Lösungskompetenz, Vertrauen und mit Verständnis für viele individuelle Probleme. Und ich glaube, ich bin da ganz gut darin!

Standard: Aufsehen erregt hat die Rundumerneuerung des Ensembles. Haben Sie eine bewusste Entscheidung für die (bis auf Ausnahmen) "Tabula rasa" getroffen?

Kusej: Tabula rasa klingt etwas hart, "Erneuerung" gefällt mir besser, aber im Grunde stimmt das schon ... Es gibt ein großes Bedürfnis in München nach einer Neuorientierung des Residenztheaters. Und dazu gehört auch ein neues Ensemble. Ich habe im Lauf der Inszenierungsjahre doch eine große Anzahl exzellenter Schauspieler kennengelernt - klar, dass ich die mit auf diese Reise nehmen wollte. Und die gegenseitige Integration neuer und dagebliebener Schauspieler hat wunderbar geklappt. Ich habe noch nie eine so homogene Atmosphäre in einem Ensemble erlebt wie hier. Alle arbeiten wie verrückt - und unterstützen sich gegenseitig!

Standard: Wie zentral ist für Sie der Ensemblebegriff? Mit "Monogamie" kann man ja kaum rechnen, Minichmayr und Ofczarek werden in Wien und in München spielen ...

Kusej: Das Ensemble ist das Herz der Theaters und in diesem Fall absolute Chefsache. Es macht auch die verlässliche Identität eines Hauses aus, die ich nicht durch Beliebigkeit gefährden will. Das haben praktisch alle Schauspieler so akzeptiert, und bis auf zwei, drei Ausnahmen (und alte Vorstellungen an ihren früheren Theatern) spielen alle exklusiv in München. Das war übrigens nicht erzwungen, sondern Resultat unserer gemeinsamen Gespräche.

Standard: Was halten Sie von einem Begriff wie der "produktiven Überforderung"? Die Zahl der in der ersten Spielzeit anberaumten Premieren ist beinahe furchteinflößend.

Kusej: Die "Überforderung" ist nicht produktiv, sondern leider ein Zwang, der sich durch den kompletten Neuaufbau eines Repertoires von null ergeben hat. Ich will eigentlich in moderatem Maße produzieren und stehe doch täglich vor einer Mannschaft, die längst über Anschlag arbeitet. Dieser irre Kraftakt ging und geht nur, weil unsere Belegschaft voll mitzieht, und ich kann mich gar nicht genug für diese tolle Unterstützung und diesen Vertrauensvorschuss bedanken. Wir schauen alle gemeinsam nach vorne, in eine kreative Zukunft, in der wir alle stolz auf unser Theater sein wollen; und in die Zeit nach Weihnachten, wo dann alle Überstunden abgebaut werden können.

Standard: Die Bewillkommnung durch Teile des deutschen überregionalen Feuilletons war, vorsichtig gesprochen, wenig herzlich.

Kusej: Ich habe keine Sekunde damit gerechnet, dass es da irgendeine Form von Wohlwollen hätte geben können. Fundierte Kritik ist für mich kein Problem, aber da gibt es eine geradezu historische Ablehnung meiner Arbeit in manchen Zeitungen, wohl auch deshalb, weil deren jahrelanges beleidigendes Geschreibsel meinen Erfolg nicht hat stoppen können. Im Übrigen spielt für uns das mediale Echo keine besonders wichtige Rolle. Die Zuschauer kommen, weil sie neugierig sind auf die Schauspieler und unsere Sicht auf die Stücke. Sie bilden sich ihr eigenes Urteil - und das klappt bisher prima! Über unserer Bar steht in Leuchtlettern: "Hier werden keine Wunder geschehen!" - nur das Wort "keine" flackert ein bisschen; mal aus, mal ein ...

Standard: In Ihrer Schnitzler-Inszenierung von "Das weite Land" schlagen Sie einen neuen, beinah behutsamen Ton an: Kann man sich mit der "Heimat" aus der Ferne besser, weil produktiver beschäftigen?

Kusej: Im Grunde beginnt man über die Definition von Heimat sowieso nur dann nachzudenken, wenn man das, was Heimat sein könnte, verlassen hat. Wer über Heimat von innen her, ohne Bewegung oder Veränderung, spricht, hat dafür wenig Legitimation. Und Heimat ist nie ein geografischer, sondern ein emotionaler Begriff. Schnitzler ist mir nicht nahe, weil er aus Wien stammte, sondern weil er die Gegenden meiner Gefühle und meiner Seele beschreibt. Ich bin sowieso der Meinung, dass die wahre Qualität österreichischer dramatischer Literatur zwischen den Worten steckt. In genau dem, was Horváth die "Stille" genannt hat. In diesen Zwischenräumen, diesen emotionalen Schnittpunkten ohne System, ohne sprachlich definierbare Bedeutung, dort liegt die "Heimat".
(DER STANDARD, Printausgabe, 3.11.2011)

 

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    Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels: Mit ungemein hoher Schlagzahl geht der gebürtige Kärntner Martin Kusej daran, die stolze Stadt München im Sturm zu nehmen.   Der 50-jährige  Regisseur leitet seit Herbst das Residenztheater. 2005/06 war er Schauspieldirektor in Salzburg.

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