Sollen Israelis mehr Arabisch lernen?

Blog2. November 2011, 15:43
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"Ja", sagt der israelische Pädagoge Shlomo Alon. Denn nur so könne man die "Anderen" verstehen.

Shlomo Alon war 25 Jahre lang Leiter der Abteilung für die Arabische Sprache im israelischen Bildungsministerium. Ich treffe ihn im Zentrum für progressives Judentum in Jerusalem, Beit Shmuel genannt. Der freundliche 67-jährige trägt eine Kippa, die Kopfbedeckung männlicher Juden. „Wenn ich im Ausland bin, nehme ich sie oft ab, weil es sofort Assoziationen auslöst, in denen ich mich nicht wiederfinde", erklärt er, während wir in der Cafeteria sitzen.

Aber kann man auch eine Sprache wie eine Kippa abnehmen und aufsetzen, wann immer es gerade passt? „Ja, und nein." Das weiß die junge Generation der rund 1,5 Millionen arabischen Israelis. Denn für sie ist das Wechseln zwischen Hebräisch und Arabisch genauso Alltag wie die Konfrontation mit den Vorurteilen der jüdisch-israelischen Gesellschaft. Schon ihre Bezeichnung erzeugt Kontroversen. „Die meisten Araber in Israel definieren sich selbst als palästinensische Araber mit israelischer Staatsbürgerschaft", meint Alon. Für die jüdische Bevölkerung sei palästinensisch und israelisch zugleich jedoch ein krasser Widerspruch. Und würde man diese palästinensischen Araber nun fragen, ob sie in einem zukünftigen palästinensischen Staat leben möchten, sagen 99 Prozent nein, „niemals". Sie sind eben staatlich gesehen Israelis, kulturell jedoch palästinensisch-arabisch und sprachlich in beiden Welten zu Hause.

Shlomo Alon hat mit 14 Jahren begonnen Arabisch zu lernen. Im Laufe seiner Karriere im Bildungsministerium hat er hunderte Schulen besucht. Dabei immer mit demselben Auftrag. „Ich habe versucht, aus der arabischen Sprache eine echte zweite Landessprache zu machen", erklärt er seine Motivation. Doch bei vielen Schulen sei er auf taube Ohren gestoßen. Obwohl nach dem Schulplan alle jüdischen Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren Arabisch lernen sollten, sieht die Realität oft anders aus. „Es gibt viele Ausnahmen. Religiöse Schulen meinen etwa, die Kinder müssen stattdessen den Talmud studieren. Insgesamt hat vielleicht ein Drittel aller 16-jährigen eine Ahnung von der Sprache", erklärt er. Arabische Jugendliche müssten hingegen von Beginn an Hebräisch lernen, daneben auch Englisch und natürlich das komplizierte Hocharabisch, das sich sehr von den Dialekten unterscheidet, die sie zu Hause sprechen.

Oft genug sei er zur Inspektion in Schulen gewesen. Nach langen Reden über die Bedeutung der arabischen Sprache für das Zusammenleben in Israel folgte meistens das große „Aber". Auch wenn Hebräisch die dominante Nationalsprache Israels bleiben soll, bleibt für Shlomo Alon ein gesellschaftliches Potenzial ungenützt. Immer wieder habe er bemerkt, wie das Erlernen von Arabisch jungen Menschen die Chance gibt, die „Anderen" besser zu verstehen. Das würde auch die Einstellungen der Eltern gegenüber Arabern positiver machen, versichert er. (Andreas Hackl, derStandard.at, 2.11.2011)

Hinweis: Ein ausführlicher Artikel zum Thema Sprache und kulturelle Identität erscheint von mir in der nächsten Ausgabe der Menschenrechtszeitschrift "Liga".

  • Ein Schild im arabisch-dominierten Viertel Jaffa zeigt den Straßennamen in hebräischer, arabischer und englischer Sprache. Rechts daneben jedoch ein neueres, das nur mehr für Hebräisch Platz hat.
    foto: andreas hackl

    Ein Schild im arabisch-dominierten Viertel Jaffa zeigt den Straßennamen in hebräischer, arabischer und englischer Sprache. Rechts daneben jedoch ein neueres, das nur mehr für Hebräisch Platz hat.

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