Sechs große Eiszeit-Tiere, sechs unterschiedliche Schicksale

3. November 2011, 18:31
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Dänische Forscher analysierten typische Vertreter von Europas Megafauna - Jagd und Klimawandel wirkten sich in verschiedener Weise aus

London/Kopenhagen - In der großen Frage, was die eiszeitliche Megafauna zum Verschwinden gebracht hat, zeichnet sich immer mehr ein Zusammenspiel zweier Faktoren statt einer einzigen Ursache ab: Nämlich eine globale Klimaänderung plus die Ausbreitung des Menschen. Und diese Faktoren haben verschiedene Spezies in unterschiedlicher Weise getroffen, wie dänische Forscher in einer in "Nature" veröffentlichten Studie berichten.

Komplexes Bild

Wissenschafter der Universität Kopenhagen um den Biologen Eske Willerslev haben die Populationsveränderungen bei sechs typischen und weit verbreiteten Vertretern der Megafauna in Eurasien untersucht: bei Wollhaarmammut, Wollnashorn, Moschusochse, Rentier, Wildpferd und dem eurasischen Bison bzw. Steppenwisent. Jede Art hat demnach unterschiedlich auf die verschiedenen Faktoren reagiert, wie die Analyse von DNA-Material, Verbreitungs- und Klimadaten sowie Fossilien ergab.

Alle Spezies hatten im Zeitraum zwischen zwei Millionen und 12.000 Jahren vor unserer Zeit mehrere Wechsel zwischen warmen und kalten Perioden überstanden. Kaltzeiten lagen den Steppentieren mehr - aber auch wenn es wärmer wurde und sich die Vegetation veränderte, fanden sie weiter im Norden ausreichend Lebensraum vor, auf den sie ausweichen konnten. Das war auch so, als die letzte Eiszeit vor 14.000 Jahren auszuklingen begann - nun kam jedoch ein neuer Faktor ins Spiel: menschliche Jäger. Und doch hat sich die Bejagung ganz unterschiedlich ausgewirkt.

Die Kältebedürftigen

Moschusochse und Wollnashorn hatten es besonders schwer, wenn es für eine längere Zeit so warm wurde wie heute - in ihnen sehen die dänischen Forscher eindeutige Opfer des Klimawandels. Ein Indiz dafür ist auch, dass sich die Lebensräume von Mensch und Wollnashorn kaum überschnitten, übermäßige Bejagung dürfte hier also keine Rolle gespielt haben.

Trotzdem waren den beiden Spezies unterschiedliche Schicksale beschieden: Das Wollnashorn starb vor etwa 12.000 Jahren aus, der Moschusochse hingegen nur in Eurasien. In Nordamerika blieben Populationen erhalten. Von dort wanderten die Tiere vermutlich erst vor etwa 5.000 Jahren in Grönland ein, wo sie sich stark vermehrten - und das, obwohl sie von den Vorfahren der Inuit bejagt wurden. Inzwischen hat man die Spezies auch wieder in Sibirien und Skandinavien ausgewildert.

Die Jagdopfer

Verhängnisvoll hingegen war die Jagd für den Bison bzw. Steppenwisent und beinahe auch das Wildpferd. Steppenwisente als unmittelbare Vorfahren der nordamerikanischen Bisons verschwanden aus Eurasien - vermutlich wegen der Bejagung: In 77 Prozent der sibirischen Ausgrabungsstellen fanden sich Überreste von Bisons neben menschlichen Hinterlassenschaften. In 58 Prozent der europäischen und 66 Prozent der sibirischen Ausgrabungsstellen fanden die Forscher auch Überreste von Wildpferden, die also ähnlich intensiv bejagt wurden.

Und wieder waren die Schicksale höchst unterschiedlich: Der Steppenwisent ist dahin - er hat nur seine nordamerikanischen Nachfahren hinterlassen; in Osteuropa ist zudem ein naher Verwandter, der heutige Wisent, nahe an der Ausrottung vorbeigeschrammt. Das Wildpferd wurde erst durch Jagd, dann durch die Ausbreitung von Kulturlandschaften immer weiter zurückgedrängt und starb erst viele Jahrtausende später aus. Vor kurzem erst - hier die Nachlese - hatten deutsche Forscher analysiert, dass dieser Prozess durchaus komplex war und das Wildpferd vom Menschen zwischenzeitlich sogar profitierte. Nicht so sehr allerdings wie sein domestizierter Nachkomme, der sich dank dem Menschen zum weltweit verbreitetsten Unpaarhufer aller Zeiten entwickelt hat.

Die Konstante im Norden

Unbeeindruckt von allen Veränderungen blieb nur das Rentier: Es existiert bis heute in großer Zahl. Und das, obwohl auch Rentiere beliebte Jagdtiere waren und sich ihr subpolarer Lebensraum, anders als der von den weiter südlich lebenden Pferden und Bisons, dramatisch verkleinerte. Ihre hohe Fruchtbarkeit und ökologische Flexibilität sind nach Angaben der Wissenschafter die wahrscheinlichsten Gründe für ihren Erhalt - überdies besetzen die Rentiere ihre ökologische Nische fast im Alleingang: Sie haben kaum Nahrungskonkurrenten, und auch die Zahl der Räuber hält sich in Grenzen.

Was genau dagegen zum Aussterben des Mammuts geführt hat, konnten auch die dänischen Forscher in ihrer Analyse nicht beantworten. (red)

  • Eiszeitliches Naturleben mit Mammuts, Rentieren, Wildpferden, Bisons und Moschusochsen. Zwei der abgebildeten Arten haben unverändert überlebt, zwei immerhin nahe Verwandte hinterlassen, eine ist komplett verschwunden.
 
    foto: mauricio anton

    Eiszeitliches Naturleben mit Mammuts, Rentieren, Wildpferden, Bisons und Moschusochsen. Zwei der abgebildeten Arten haben unverändert überlebt, zwei immerhin nahe Verwandte hinterlassen, eine ist komplett verschwunden.

     

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