Mangel befürchtet: Immer weniger Lehranfänger

In Österreich könnte bis 2015 ein Mangel an Lehrlingen herrschen - Gründe dafür sind die ungenügende Berufsorientierung und die Image-Werbung für die Schule

Wien - Türöffner in den Traumberuf sind so selten wie die Sterne, die vom Himmel fallen. Nur die allerwenigsten Jugendlichen schlagen die kurzen, hektischen Laufbahnen eines Super-Models, eines Rockstars oder der eines Profikickers ein. Ein erdigerer Weg für eine ordentliche Karriere kann über eine Lehre führen. Auch wenn die Ausbildung in Österreich im Moment kein Heuler ist.

Trotz aller Anstrengungen, junge Leute für den Einstieg in die Lehre zu motivieren, macht sich die Wirtschaft Sorgen um den Facharbeiternachwuchs. "Die Schulen betreiben massiv Image-Werbung und versuchen ihre Klassen zu erhalten. Ohne alternative Berufsinformation wissen junge Menschen aber gar nicht was sie erreichen können", sagt Katrin Eichinger-Kniely von der Bildungsabteilung der Wirtschaftskammer Österreich. 

"Lebensnotwendige" Facharbeiter

Die Arbeitsmarktdaten malen in Kombination mit der demografischen Entwicklung ein erschreckendes Zukunftsszenario an die Wand: Prozentuell gesehen interessieren sich auch heute noch gleich viele Jugendliche für die Lehre wie noch vor 30 Jahren, damals starteten rund 45 Prozent eines Jahrganges eine Lehrausbildung. In absoluten Zahlen schaut die Situation aber anders aus. Waren es 1975 noch fast 60.000 Lehranfänger, sind es heute nur noch knapp 39.000. Die Wirtschaftskrise steigert die Sehnsucht der geburtenschwachen Jahrgänge nach einem sicheren Arbeitsplatz auch nicht ins Unermessliche. "Dabei sind Fachkräfte natürlich weiter gefragt, in der Industrie und im Tourismus ist die Nachfrage gewaltig. Und man verdient oft besser als mit einem Hochschulabschluss. Nur mit einer Matura sind die Chancen gleich null", sagt Eichinger-Kniely. 

Der ehrgeizige Industrie-Magnat Frank Stronach hat in einem Format-Interview davon gesprochen, dass "Österreich keine Massen von Soziologen, Philosophen oder Germanisten benötigt. Was wir brauchen, sind Maurer, Bäcker, Maschinenführer oder Techniker." Und rennt damit bei Eichinger-Kniely offene Türen ein: "Facharbeiter sind lebensnotwendig für die Gesellschaft."

Bessere Berufsorientierung gefragt

Während Experten der Wirtschaftskammer befürchten, dass es 2015 im schlimmsten Fall nur 25.000 Lehranfänger geben könnte, stellt sich in der Facharbeiter-Debatte auch die Frage, woher die Kinder die Ideen nehmen sollen, was sie werden wollen. Bei der Berufsorientierung gibt es noch immer Optimierungspotenzial. Betriebe veranstalten zwar Lehrlingscastings und holen Potenzialanalysen ein, ein verpflichtender Fixpunkt sind Informationsveranstaltungen zur künftigen Berufswahl landesweit nicht. Viele Schüler wissen gar nicht, dass es über 200 Lehrberufe gibt. Gefragt sind aber auch Gespräche mit Eltern, Großeltern oder Lehrern - zwecks Ausloten von Stärken und Schwächen, Begabungen und Interessen.

Besonderes Augenmerk wird von Seiten der Wirtschaft und der Politik auf "Green Jobs" gelegt. So enthält etwa die Ausbildung zum Elektrotechniker das Spezialmodul Erneuerbare Energien, in dem man Planung, Errichtung und Wartung von Fotovoltaik- und Windkraftanlagen erlernt. Eichinger-Kniely: "Wir müssen den Jungen aufzeigen, dass der Beginn einer Lehrausbildung keine Einbahnstraße ist. Man kann Lehre mit Matura machen, die Berufsreifeprüfung absolvieren. Es ist Platz für eine Weiterentwicklung." (vet, derStandard.at, 3.11.2011)

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