"Schrumpfung ist in Österreich tabu"

Interview2. November 2011, 14:15
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Die Ottensheimer Bürgermeisterin Ulrike Böker war Gastgeberin der ersten österreichischen Leerstandskonferenz

Ulrike Böker ist Bürgermeisterin in Ottensheim und war Gastgeberin der Leerstandskonferenz. Mit Maik Novotny sprach sie darüber, was man als kleine Gemeinde gegen die Leere ausrichten kann.

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STANDARD: Welche Probleme hat man als Bürgermeisterin mit Leerstand?

Böker: Wie überall hat die Ansiedlung der Handelsketten am Ortsrand überhandgenommen. Die Betriebe im Ortszentrum verschwanden, und es kam die Angst vor Verödung. Als dann die einzige Apotheke, ein großer Frequenzbringer, ins Einkaufszentrum abwanderte, haben wir begonnen, die Potenziale des Ortskerns auszuloten. Das ist aber ein langfristiger Prozess.

STANDARD: Was wurde konkret unternommen?

Böker: Zuerst eine Bestandsanalyse des Leerstands. Dann haben wir Diskussionsforen mit Experten gegründet, um vor allem bei den Eigentümern ein Bewusstsein für die Probleme zu erreichen. Es gibt auch eine Raumbörse im Internet und einen Stammtisch für Eigentümer und Raumsuchende.

STANDARD: In welchem Ausmaß bewegt sich der Leerstand?

Böker: Von den Ladenlokalen stehen etwa 15 bis 20 Prozent leer. Wir versuchen, diese mit temporären Nutzungen wie Kunst und Kultur zu beleben. Dazu müssen aber die Eigentümer, die keinen Verwertungsdruck haben, überzeugt werden, einen niedrigen Mietpreis anzusetzen. Das geht nur, wenn ihnen klar ist, dass das gesamte Leben im Ort auf dem Spiel steht. Bei einigen bewegt sich schon etwas, wir hoffen, dass dadurch ein Schneeballeffekt entsteht.

STANDARD: Wie gehen Sie mit dem Speckgürtel am Ortsrand um?

Böker: Wir dämmen ihn ein. Es wurde ein Masterplan beschlossen, der verhindert, dass an der Bundesstraße alles mit flachen Gewerbebauten zugepflastert wird. Das führt natürlich zu Widerständen, damit macht man sich nicht nur Freunde! Aber es gibt einfach schon genug große Handelsflächen am Ortsrand. Wir wollen nicht noch mehr.

STANDARD: Ihr Fazit aus der Leerstandskonferenz?

Böker: Ich habe viel dazugelernt. In Deutschland wird das Thema viel offensiver angegangen. In Österreich darf man das Wort "Schrumpfung" ja nicht in den Mund nehmen. Aber verglichen mit anderen geht es uns in Ottensheim noch relativ gut. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30.11.2011)

ULRIKE BÖKER gründete in den 90er- Jahren eine Bürgerliste in Ottensheim bei Linz. Seit 2003 ist sie dort Bürgermeisterin.

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