"Der IAB soll zur ersten Anlaufstelle der digitalen Wirtschaft werden"

  • Christine Antlanger-Winter
    foto: iab

    Christine Antlanger-Winter

Die neue IAB-Österreich-Präsidentin über Cookies, Focus-Zahlen und die geplante Vortragsreihe

Christine Antlanger-Winter wurde am 18. September zur neuen Präsidentin des IAB Österreich gewählt. Die studierte Medientechnikerin hat den österreichischen Markt mit aufgebaut, ist Mitglied der Geschäftsleitung Mindshare und leitet dort den Digital-Bereich.

derStandard.at: Unter der Präsidentschaftsverlautbarung auf derStandard.at lautete ein Kommentar "Eine von den Guten". Wie kommen Sie zu dem Ruf und wer sind die Bösen?

Christine Antlanger-Winter: Ich habe diesen Markt mit aufgebaut und freue mich sehr, dass mein Agieren positiv wahrgenommen worden ist. Mir ist es wichtig, Dinge sachlich zu diskutieren, Konsequenzen im Vorhinein zu bedenken und zu überlegen, wie eine langfristige Entwicklung aussieht und was man dafür machen muss. Obwohl es keinen Gegenkandidaten gegeben hat, war die Wahl ein Vertrauensbeweis, allein wegen der Anzahl der Stimmen.

Auf den zweiten Teil der Frage habe ich keine Antwort. Ich hoffe doch, dass es keine Bösen gibt. Meine Erfahrung zeigt, dass es im Markt einen sehr guten Zusammenhalt gibt. Beim digitalen Marketing muss man sehr viele Themen zusammen tragen. Transparenz, faire Diskussion und die inhaltliche Weiterentwicklung von Themen tragen sicher dazu bei, dass man nicht gegeneinander arbeitet.

derStandard.at: Warum wurde wieder eine Frau an die Spitze des IAB gewählt?

Antlanger-Winter: Ich hoffe, dass sowohl Karin Hammer (Anmerkung der Redaktion: die ehemalige Präsidentin des IAB Österreich) als auch ich aufgrund unserer Fähigkeiten für das Amt ausgewählt wurden. Die weibliche Besetzung sehe ich als positives Signal. Bei uns im Vorstand ist die Verteilung von Männern und Frauen so, wie sie sein sollte. Letztendlich geht es nicht ums Geschlecht, sondern um die Person und ihre Fähigkeiten.

derStandard.at: Was halten Sie von einer Quotenregelung?

Antlanger-Winter: Die Quote von Frauen in Führungspositionen ist im Marketingbereich sicher weitaus besser als in anderen Branchen, aber sicher noch nicht dort, wo sie im Sinne einer Gleichverteilung sein sollte. In Branchen, in denen Frauen extrem unterrepräsentiert sind, muss man sicher über Quotenregelung nachdenken, eigentlich aber sollte man den Ausbildungssektor pushen. Ich persönlich war in meiner beruflichen Laufbahn nie mit dem Problem konfrontiert.

derStandard.at: Die Themen "Tracking" und "Cookies" erhitzen derzeit die Gemüter. Konnte die Arbeitsgruppe "Tracking & Analyse" schon konkrete Ergebnisse liefern?

Antlanger-Winter: Ja, es gibt es Fortschritte, beispielweise bei der Ausarbeitung von Adserver- und Video-Streaming-Richtlinien, die wir an alle Mitglieder weitergeben können. Damit werden wir Marktstandards etablieren, die sich auf Prozesse in der Abwicklung auswirken und vergleichbare Werte im Markt schaffen. Bei der Arbeitsgruppe "Tracking" geht es um technische Standards, wie wird was umgesetzt, wie muss der Code ausschauen, wenn er implementiert wird.

derStandard.at: Sie selbst sind in der "Cookie-Initiative" aktiv. Wie sind dort die Fortschritte?

Antlanger-Winter: Bei diesem wichtigen Thema wird sehr stark mit dem IAB Europe zusammengearbeitet, weil die gesetzliche Diskussion auf europäischer Ebene und die Umsetzung am österreichischen Markt und mit den Verbänden erfolgen muss. Da gibt es ein sehr gutes Voranschreiten. Im Telekommunikationsgesetz gibt es einen Vorschlag, dass User über ihre Browsereinstellung ihre Berechtigung vergeben, aber auch darüber informiert werden müssen. Diese Regelung ist, wie ich glaube, für alle Seiten sehr gut und muss jetzt genau definiert werden. Wir arbeiten gerade an einem "Code of Conduct", um auch hier wieder Richtlinien zu schaffen, an die sich alle halten können.

derStandard.at: Das Problem "Werbespendings" brennt der österreichischen Online-Branche unter den Nägeln. Gibt es Fortschritte bei den Focus-Zahlen?

Antlanger-Winter: Eine realistische Abbildung des österreichischen Online-Marktes ist mir sehr wichtig und war auch Teil meines Wahlprogramms. Das Werbespending-Reporting im Online-Bereich muss möglichst schnell umgesetzt werden. Die erste Vorstandssitzung, bei der das konkrete Programm des IAB gemeinsam mit dem Verstand verabschiedet wird, findet Mitte November statt.

Zurzeit sind die Online Spendings laut Focus als Total gesehen unterrepräsentiert. Es gibt bereits erste Vorgespräche und eine IAB Arbeitsgruppe wird das Thema bearbeiten. Eine große Hürde ist die Marktabdeckung, da nicht alle großen Spender reporten. Die methodische Herangehensweise muss man wieder prüfen. Es kann einfach nicht sein, dass in so vielen Reportings drei bis vier Prozent Onlineshare angeführt werden, weil es einfach nicht stimmen kann. Der Markt ist nicht komplett abgedeckt, denn ich habe zusätzlich den Longtail und Google, die keine Reportings machen.

derStandard.at: Gibt es bei "Mobile" Fortschritte in der Reichweitenmessung?

Antlanger-Winter: Im Thema Reichweitenmessung bin ich sehr zufrieden, wie sich die ÖWA Plus, was Werbeträger betrifft, entwickelt hat. Man ist dort sehr offen, neue Wege zu beschreiten. Wenn die Mobile-Prognosen stimmen, dann wird es in den nächsten drei bis fünf Jahren die große Herausforderung sein, dass alle Geräte IP-enabled werden. Das Internet kann nicht mehr als ein Kanal gesehen werden, weil sich dieser derzeit über die Mobile-Nutzung schon komplett auflöst.

derStandard.at: Gibt es einen konkreten zeitlichen Rahmen für all diese Vorhaben?

Antlanger-Winter: Ja. Mobile wird in der technischen ÖWA bereits ausgewiesen, aber natürlich nur in einem kleinen Bereich. Bei Focus ist das Ziel, dass die Zahlen schon 2012 verwendet werden. Da gibt es eine konkrete Deadline.

derStandard.at: Welche Vorhaben wollen Sie in Zukunft umsetzen?

Antlanger-Winter: Der Web Ad feiert 2012 sein zehnjähriges Jubiläum. Wir würden gerne eine internationale Komponente reinbringen, etwa indem man Shortlist-Platzierungen und Preisträger mit einem europäischen Preis integriert. An oberster Stelle steht, dass der IAB nach außen hin sichtbar und zur ersten Anlaufstelle der digitalen Wirtschaft wird. Wir müssen eine professionelle Geschäftsstelle entwickeln, damit wir die Marktentwicklung mit entsprechenden Ressourcen auch pushen können. Inhaltlich geht es darum, das Problem Werbespendings anzugehen, außerdem möchte ich eine Vortragsreihe starten und die Arbeitsgruppen mit entsprechender Unterstützung versorgen. Auch das Handbuch aus 2008 soll in einer aktualisierten Auflage angeboten werden.

derStandard.at: Gibt es derzeit einen Geschäftsführer?

Antlanger-Winter: Bis jetzt war Karin Hammer Geschäftsführerin, aber sie hat ihr Amt zurückgelegt. Aber es gibt schon Kandidaten, die demnächst mit dem Vorstand besprochen werden.

derStandard.at: Gibt es Überlegungen, an den Mitgliederstrukturen etwas zu verändern?

Antlanger-Winter: Wir könnten für eine breitere Abdeckung noch in Richtung technische Dienstleister gehen, man denke nur an das Thema Breitband. Marktforschung ist jetzt schon in der Gruppe und auch Studenten sollte man eine Plattform geben. Neue Mitarbeiter und Ressourcen sind eines der Topthemen bei allen unseren Mitgliedern und deshalb wäre es nur logisch, wenn man über den IAB eine Plattform schafft, für den Austausch zwischen Menschen, die in der Ausbildung stehen, und der Wirtschaft.

derStandard.at: Was muss man tun, um Mitglied zu werden und wie hoch ist der Mitgliedsbeitrag?

Antlanger-Winter: Es gibt online ein Mitgliedsformular. Der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt 700 Euro. Es gibt aber Überlegungen, den Beitrag nach Mitgliedschaften zu differenzieren. Man könnte dann auch Firmenmitgliedschaften und Studentenmitgliedschaften anbieten. (Tatjana Rauth/derStandard.at/2.11.2011)

Share if you care
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.