Ohne Rücksicht auf Verluste

2. November 2011, 17:00
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Für den Tourismus werden immer größere Investitionen getätigt. Die Auswirkungen auf Umwelt und traditionelle Kultur sind häufig verheerend

Die Tourismusindustrie Chinas boomt. Während früher das Militär absoluten Vorrang hatte, werden jetzt zunehmend Investitionen in strategische Verkehrsanbindungen und Infrastruktur für die Reisebranche getätigt. Fast über Nacht entstehen Bahnstrecken, Fernstraßen und Hotels, und die Einnahmen aus den allgegenwärtigen Eintrittstickets wachsen stetig.

Teuer Eintritt

In China muss man vom Nationalpark über Tempel und berühmte Aussichtspunkte für fast alles Eintrittsgelder zahlen. Nicht selten muss man im gleichen Komplex vier oder fünf Mal verschiedene Eintrittskarten kaufen, und manche Nationalparks verlangen mittlerweile 20 Euro oder mehr für den Zutritt. Das ist auf Dauer selbst für westliche Touristen nicht wenig und viele Einheimische können sich diese Preise schlicht nicht leisten. "Mit dem Geld wird die Natur geschützt und für Touristen erschlossen", erklären die Beamten den teilweise aufgebrachten Touristen. Das hört sich nicht nur paradox an, sondern ist auch vollkommen unlogisch. Tourismus ist in China nicht selten der Grund für die Zerstörung von Bioreservaten, das Zubetonieren von ganzen Landschaftsstrichen für Reisebusse und den Bau von kilometerlangen Betontreppen, die auf berühmte Berge hinaufführen.

Von Naturschutz ist abgesehen von Mistkübeln und "Feuer Verboten!"-Schildern nicht viel zu sehen. In Yunnan beschweren sich die ansässigen Bewohner der Naturparks zunehmend über die Vermarktung ihrer Heimat einerseits, andererseits versuchen sie immer aggressiver, selbst am Tourismus zu verdienen, indem sie inoffizielle Eintrittspreise für schöne Orte oder die Benutzung von Wegen in den Bergen verlangen. Wer nicht zahlen will, muss sich beispielsweise in der Tigersprungschlucht auf milde Flüche bis hin zu ernsthaften Streitigkeiten einstellen.

Der Minoritäten-Markt

Eine andere wichtige Tourismusressource sind die Minderheiten: In ganz Yunnan werden diese Menschen mit ihren Kostümen und Traditionen für die Touristen zur Schau gestellt. "Traditionelle" Tanzshows sind äußerst beliebt, es werden eigene Minoritätenmärkte, -feste - oder ganze Stadtviertel inszeniert. Viele junge Mädchen werden beispielsweise in Lijiang Tänzerinnen, weil das ein vergleichsweise sicherer Job mit gutem Einkommen ist. Chinesische Touristen werden mit Werbung von spärlich bekleideten hübschen jungen Frauen gelockt, und manche Minoritäten wie die Mosuo werden auch in chinesischen Schulbüchern als "primitive Kultur" dargestellt, in der Männer und Frauen nicht heiraten, sondern die Frauen Liebhaber haben. Diese Vereinfachung der sozialen Beziehungen lassen die Mosuo-Frauen als exotische, leicht verfügbare Sexualpartnerinnen erscheinen. Mittlerweile gibt es einen Mosuo-Rotlichtbezirk, der gerade diesen Erwartungen der chinesischen Exotik-Sextouristen entspricht.

Dörfer ohne Frauen

Aber auch der sanfte Tourismus hat starken Einfluß auf die Minderheiten der Region. Die Vermarktbarkeit der eigenen Produkte, Lieder, Tänze und Kultur erscheint vielen bäuerlichen Gemeinschaften anfangs als Segen. "Wir bauen zwar selbst Gemüse an, aber die Erträge reichen nicht für die ganze Familie. Strom und Gas müssen mit Geld gezahlt werden, und Geld kommt nur von den Touristen." So erklärt mir eine Frau in den Bergen Yunnans den Grund, warum die Frauen und oft auch die Männer des Dorfes die Woche über in der Kreisstadt leben statt bei ihren Familien. Auf meinen Reisen komme ich durch viele Dörfer, in denen nur sehr alte Frauen und Kinder leben. Die jungen Frauen übernehmen hier in der Regel die Erziehung und die Organisation der Familie; sie können durch die Großeltern nur mangelhaft ersetzt werden. Was anfangs sehr praktisch erscheint, bringt viele Probleme mit sich: "Meine älteste Tochter ist neun, aber sie geht nur in die Schule, wenn der Lehrer sie zwingt. Sie passt auf die jüngeren Geschwister auf, während ich arbeite. Und sie lernt, Souvenirs für die Touristen zu machen." Später wird diese Tochter natürlich in der Kreisstadt arbeiten, denn "es ist nie schlecht, ein bisschen mehr Geld zu haben, nicht wahr?", erzählt die Frau.

Davon abgesehen hat sich die Vermarktung von exotischer Kultur längst verselbstständigt: Verkäufer in Lijiang oder Shangri-La müssen auch dann Kostüme tragen, wenn sie gar keiner Minderheit angehören, denn "Exotic sells".

  • Hier ensteht eine neue Skipiste.
    foto: an yan

    Hier ensteht eine neue Skipiste.

  • Immer mehr Straßen zerfurchen die Berge in Nord Yunnan.
    foto: an yan

    Immer mehr Straßen zerfurchen die Berge in Nord Yunnan.

  • Straßenbau zwischen Shangri-La und Deqin
    foto: an yan

    Straßenbau zwischen Shangri-La und Deqin

  • Eines der vielen "Vermeidet Feuer"-Schilder. Oft der einzige sichtbare Beitrag zum Naturschutz.
    foto: an yan

    Eines der vielen "Vermeidet Feuer"-Schilder. Oft der einzige sichtbare Beitrag zum Naturschutz.

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