Leerstand

Wenn Städte zu Donuts werden

Maik Novotny, 2. November 2011, 11:00
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    foto: rainer sturm / pixelio.de

    Ob Handelsketten die Käufer auf die grüne Wiese locken oder ob die Bewohner gleich ganz abwandern: Gewerbliche Flächen im Ortskern entleeren sich zuerst.

    (Foto: Rainer Sturm / pixelio.de)

Auf der ersten österreichischen Leerstandskonferenz wurde nach Strategien gegen die Verödung der Innenstädte gesucht

Wenn Handelsbetriebe auf die grüne Wiese wandern und die Mitte sich leert, wird das für Kleinstädte bald zur Existenzfrage. Die erste österreichische Leerstandskonferenz suchte nach Strategien gegen die Verödung.

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Staubige Auslagen in brandneu gepflasterten, aber menschenleeren Straßen im Ortskern. Baumarkt, Lagerhaus, Getreidesilos und schäbige Einkaufszentren entlang der Bundesstraße am Ortsrand. Ein Bild, das landauf, landab wiederkehrt. Mag der gewerbliche Leerstand in den Wiener Einkaufsstraßen noch ein ästhetisches Problem sein, wird der Exodus bei Handelsflächen in kleineren Gemeinden schnell zur Existenzfrage. Ziehen Frequenzbringer wie Apotheken oder Bäcker weg, verödet das ganze Zentrum.

Ob und wenn ja wie hier gegenzusteuern ist, damit beschäftigte sich vorige Woche die erste österreichische Leerstandskonferenz im oberösterreichischen Ottensheim. Initiiert von den umtriebigen Architekten von nonconform, kam ein breites Teilnehmerfeld aus Architektur, Raumplanung, Verwaltung, Stadtmarketing und Wirtschaft aus Österreich und Deutschland zusammen.

Regionen bluten langsam aus

Was dabei schnell klar wurde: Den Österreichern geht es hier noch verhältnismäßig gut. Ostdeutsche Städte wie Leipzig verzeichneten einen Leerstand von 60.000 Wohnungen. Im ländlichen Bereich, der rapide überaltert, kommt es schnell zum "Donut-Effekt", wie Hilde Schröteler- von Brandt, Professorin an der Uni Siegen, erklärte. Gerade die identitätsprägenden Ortszentren entleerten sich zuerst. Wo die Einwohner fehlen, rutschen auch die Handelsflächen mit ins Donut-Loch. Wenn wie in Südwestfalen ganze Regionen langsam ausbluten, hilft auch ein auf Konkurrenz setzendes Stadtmarketing nicht mehr viel - die Erfolge liegen hier in der Vernetzung.

Wesentliches Erfolgskriterium dabei: ein fundiertes Leerstandsmanagement. Das heißt, Daten zu erheben und verfügbar zu machen, um überhaupt ein Bewusstsein für das oft viel zu lange verdrängte Problem entstehen zu lassen. Erst dann kann der Markt wieder belebt werden. In Waidhofen/Ybbs bemerkte man bei der Vorbereitung zur Landesausstellung 2007, dass das Stadtzentrum zwar prachtvoll saniert und hübsch anzusehen, aber fast ausgestorben war. Der als Alarmsignal geltende Prozentsatz von 20 Prozent gewerblichen Leerstands war nahezu erreicht. Als Gegenmaßnahme beschloss die Gemeinde einen Mietzuschuss für Handelsflächen bis 150 Quadratmeter in den ersten drei Jahren. "Anfangs gab es dagegen Proteste der alteingesessenen Betriebe", berichtet Johann Stixenberger, Unternehmer und Berater der Stadterneuerung in Waidhofen. "Als der Leidensdruck hoch genug war, haben auch sie eingesehen, dass etwas geschehen musste."

Überregulierung als Hindernis

Für Interessenten richtete die Stadt eine Hotline ein, um Informationen über verfügbare Objekte zu erleichtern. "Vorher musste man fünfmal herumtelefonieren, um überhaupt den Eigentümer herauszufinden", sagt Stixenberger. Mit dieser provisionsfreien Transparenz mache man sich bei den Maklern zwar keine Freunde, diese seien aber ohnehin nur an Gesamtobjekten und kaum an der Vermarktung einzelner Ladenflächen interessiert.

Ein speziell österreichisches Hindernis dabei: Die Überregulierung durch Denkmalschutz, Brandschutz und Bauordnungen macht schnelle, niedrigschwellige Verbesserungen fast unmöglich. Fraglich bleibt, ob kommunale Mietzuschüsse, wenn überhaupt leistbar, langfristig Erfolg haben.

Klar ist: Was letztendlich zählt, ist der Umsatz der Ladenbesitzer. "Dazu braucht man Frequenzverstärker wie Bäcker, Café, Arztpraxen und auch Schulen. Die machen 50 Prozent der Tagesfrequenz aus", erklärt Stixenberger. Doch trotz Finanzspritzen und Anreizen geht ohne Beteiligung der Bevölkerung nichts. Temporäre Nutzungen, wie in Stadt Haag oder Ottensheim, das trotz Leerstands aufgrund der Nähe zu Linz noch relativ gut dasteht, helfen bei der Initiative und Bewusstseinsbildung. Ob jedoch die Kaufkraft von der grünen Wiese irgendwann wieder ins Zentrum zurückschwingt, bleibt abzuwarten. (Maik Novotny, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30.10.2011)

Kommentar posten
24 Postings
Heavyweather
00
4.11.2011, 19:13

Viellecht sollte auch einmal über den Rückbau solcher Orte und Straßen nachgedacht werden.
Wegen 3 Leuten muss der Postler dann keine 15km mehr fahren.
Die Zersiedelung Österreichs ist sowieso schon einzigartig.

DD1981
00
3.11.2011, 17:02

Tja im Zentrum sind die Mieten teurer, es gibt wenig oder teure Parkplätze, die Anlieferung ist kompliziert etc.

So wie der Kunde auch lieber in einen der Shoppingtempel pilgert weil er dort bequem einen Parkplatz findet und überdacht (im Sommer klimatisiert im Winter geheizt) einkaufen gehen kann, ist auch dem Gewerbetreibenden der bequeme Verkauf lieber als der mit Umständen. Und wenn die Umständliche Gewerbefläche dann auch noch teurer ist als die bequeme ein weniger Außerhalb ist es klar warum es zur Donutbildung kommt.

Anreize zu schaffen fürs Zentrum ist schwierig. Auch wohnen und arbeiten ist direkt im Zentrum wenig reizvoll.

nukularteilchen
00
3.11.2011, 14:37

Wenn die Mieten der Gewerbeflächen billiger werden zieht das doch die Kreativen ohne Geld an, dann kommen die unkreativen mit Geld, alles wird teurer, teure Geschäfte siedeln sich an und alles ist gerettet.

Geoffrey of Monmouth
00
3.11.2011, 13:08

Zuerst den Bau gewaltiger Konsumtempel am Stadtrand zulassen, die mit unzähligen Parkplätzen aufwarten können und jegliches Gewerbe auf einem Fleck zentriert, und sich dann über verödete Innenstädte wundern. Der gemeine Österreicher fährt halt lieber mit dem Auto direkt in den Laden, als zu Fuß durch die Stadt zu müssen.

Ben Hemmens
00
4.11.2011, 00:15
Das interessante ist, dass

die Parkplätze Ger nicht so unzählig sind, zumindest die nicht, die in einer Gehweite von den Geschäften sind, die die Leute in der Innenstadt akzeptieren würden.

Seiersberg bei Graz ist schon an einem normalen Samstag sehr, sehr stressig. Im Advent ist es schon seit Jahren unerträglich.

Ich bin gespannt, wann sie dort Shuttlebusse zu und von den Parkplätzen einrichten ...

Stuff
00
3.11.2011, 12:46
Tja

ich verstehe das Gejammere nicht, den allzu attraktiven Innenstädten sollte ja mittels diverser Massnahmen wie Einbahnsysteme, Kurzparkzonen diese Attraktivität genommen werden, damit die Mieten nicht so spekulativ hoch werden und dergleichen zu bekämpfende Übel mehr.
Jetzt ist es endlich soweit dass diese ekelig verkehrserregenden Geschäfte nimmer Verkehr verursachen - zumindest nicht mehr in den Innenstädten - und deshalb verstehe die Notwendigkeit solcher Konferenzen wer mag...

naihoit
01
3.11.2011, 11:57
Wieso sollte jemand in der Innenstadt einkaufen und Parkgebühren zahlen oder den Einkauf heim tragen,

wenn das gleiche Produkt auch in einem Shopping-Center am Stadtrand mit Gratisparkplatz erhältlich ist?

Ben Hemmens
00
3.11.2011, 10:16
Was in den Innenstädten passiert,

ist nur ein Symptom. Die Krankheit heisst Zersiedelung. Solange Speckgürtel in der jetzigen Struktur da sind, wird es problematisch bleiben.

In Graz zumindest zieht es die Leute momentan massiv in die Stadt, es wird gebaut wie blöd und offenbar haben die neuen Wohnungen AbnehmerInnen. Vielleicht schwingt dort die Pendel wirklich wieder in die andere Richtung.

Ich vermute dass viele Leute beim Haus im Grünen nur die billigen Herstellungskosten gesehen und erst später die Folgekosten in Geld und Stress realisiert haben, die diese Siedlungsform nach sich zieht.

chacun à son gout
00
2.11.2011, 22:05
"Überregulierung durch Denkmalschutz.."

na Gottseidank!
Man muss nur mal in die Innenstädte schauen, wo es Immo-heinis geschafft haben, in wunderschöne Altbauten ein "modernes" Geschäft hineinzukacken. Das tut Stadt und Mensch auch nicht gut.

Das Problem ist nicht die Überregulierung sondern die Preisfreigabe. In der Wiener Innenstadt hat man gesehen, dass das ÖVP-Hauseigentümergesetz die gesamten alteingesessenen Betriebe rausgetrieben hat und jetzt nur noch internationale Ketten drin sitzen.
Das kann sich kein Einzelhändler leisten. Die gehen in Konkurs oder wandern in billigere Ecken ab.

was ich immer schon sagen wollte ...
01
2.11.2011, 17:47
was soll das gesuddere und apfel mit birnen vergleichen??

bei den ossis in deutschland ziehen die leute weg weil es keine arbeit mehr gibt - deswegen leerstand.

bei uns bekommen betriebe gewerbegrund fuer peanuts - mehr oder weniger umgewidmetes ackerland - warum sollten sie dann in den miesen und ueberteuerten innenstaedten bleiben???

bestes beispiel tirol: gewerbegrund kostet nicht mal 100 euro der qm ... grund fuer den wohnungsbau bald 1000 (!) euro pro qm <--- keine uebertreibung, suchen sie zb. hoetting, saggen, hungerburg oder igls im netz.

und in der stadt - abseits der sehr zentralen lagen - stehen die geschaefte leer ...

wie nennt sich der schwachsinn: raumordnung!?

also: das ist alles politisch so gewollt.

hoandl
05
2.11.2011, 14:03
Marktwirtschaft

eigentlich müßten die mieten in den bedrohten Zentren ja rapide sinken. Durch die gesunkenen Mieten sollte es wieder möglich sein leistbare Objekte auf den Markt zu bringen.
Oder haben gar Oligopole von Vermietern/ Maklern kein Interesse leerstehende Objekte günstiger zu vermieten?

obergscheiterls wortspende
00
2.11.2011, 15:49
Die Mieten in Stadtkernen sinken ja auch dramatisch,

aber was nützt eine geringe Miete, wenn es dort keine Frequenz mehr gibt?

In vielen Wiener Einkaufsstraßen und in Citylagen von Bezirksstädten sind schon ab 5 - 10 €/m² Lokale anzumieten. Die Mietkosten machen aber - je nach Branche - nur einen geringenTeil der Gesamtkosten aus. Wenn dann aber der Umsatz auf Grund der niedrigen Passantenfrequenz und der leer stehenden Lokale in der Nachbarschaft nicht stimmt, ermöglicht auch die günstigste Miete das Überleben nicht. Seit einigen Jahren sind in solchen Lagen für Wohnungen erstmals höhere Mieten zu lukrieren, als für Geschäfte.

madathara
00
28.11.2011, 03:52

dann sollen menschen eben in den "geschäftslokalen" wohnen und nicht verkaufen..

die Unschuldsvermutung
00
3.11.2011, 09:21

Ganz mei Red, Herr Obergscheiter Wortspender!
Als ich gestern durch die leergefegte wiener Innenstadt spaziert bin, habe ich mir auch gedacht, "mei wie gscheid, die Geschäftsleut, die werdn sicher raus aufs neue Südbahngelände gezogen sein, ist zwar teurer aber aufstrebend und belebt". Man WILL ja in der Innenstadt derzeit weder ein Gschäft aufmachen, noch einkaufen gehn ;-)

Jon Grassinsky
00
3.11.2011, 02:23
Sicher,

chacun à son gout
00
2.11.2011, 22:07
sie machen ihrem nick alle ehre.

geben sie mir noch einen tipp, in welcher wiener Einkaufsstraße die mieten so niedrig sind? ich bin dann dort.

Aussteiger1
78
2.11.2011, 11:36
Zuerst haben die Städte eine Kurzparkzone....

..... eingeführt! Gebührenpflichtig versteht sich!

Dann haben selbst die kleinsten Städte einen Parksheriff angeheuert, der rigoros amtshandelt! So das selbst die Polizei und damalige Gendarmerie noch als harmlos galt!

Und jetzt? Stirbt halt eine Innenstadt nach der anderen aus!

Jetzt machen die Innenstädte kleiner Gemeinden halt nur mehr Kurzparkzone - ohne Gebührenpflichtig - aber mit so vielen Ausnahmen - rechte Seite, gerade oder ungerade Tage - und so weiter - dass jeder sich hütet, mit dem Auto dort hin zu fahren!

question-mark
 
00
2.11.2011, 23:15
hat alles seinen Trend

Da haben sie recht - wo Tauben sind, fliegen Tauben zu. Das hat man in den Innenstädten mit sehr viel ach so "vernünftigen" Parkgebühren ungeschickt verhindert.

Es wird nicht mehr lange dauern, bis die ersten Fussgängerzonen wieder zu Straßen rückgebaut werden.

Ich glaube es liegt aber auch am teilweise schlechten Angebot der Einzelhändler.
Jetzt ist der Trend zur Standardware und Trashmarken - jede Stadt braucht offenbar einen Vögele, Fuschl, Orsey, Tako, etc, etc....you name it.

Irgendwann ist wieder Raum für Individualität und Originalität die nur Einzelhändler bieten können - aber bis dahin dauert es sicher noch viele Jahre.

Peter Widzky
01
2.11.2011, 14:04
am besten sind so kurzparkzonen ja vor

kaffeehäusern und friseuren...

Best served cold
167
2.11.2011, 11:25
Vassilakou fragen

In Wien arbeitet die rot/grüne Allianz ja ohnedies heftigste an einer Ausdürrung der Stadt. Wer jeden, der es wagt, ein Auto zu besitzen, zu fahren, ja gar zu mögen, als potentiellen Mörder und Melkkuh ansieht, darf sich nicht wundern, wenn die Kaufkraft abwandert. Bleiben wird nur, wer so viel Geld hat, dass er sich die horrenden Auto-Strafgebühren (Parken/Maut) leisten kann, die Einkäufe nach Hause liefern lassen kann etc.
So haben die Linken wieder einmal eine Selektion über Finanzkraft eingeführt. Wer sein Heil in der Verteuerung als Lenkungsinstrument sucht, zwingt bloß die, die es sich nicht mehr leisten können. Zwingen wollen die Grünen jeden (Chorherr), aber es gelingt nicht bei denen, die das überhaupt nicht tangiert. Gratuliere.

madathara
10
28.11.2011, 03:55

genau und rotgrün ist auch am irakkrieg, an 9/11, an fukushima, am ozonloch, an der finanzkrise, an krebs, usw. schuld? gell?

madathara
10
28.11.2011, 03:53

ah unsere braunen kampfposter sind wieder zur stelle...

Kayjay _
10
5.11.2011, 19:44

wenn man das leben ohne auto sich nicht mehr vorstellen kann, dann ist es schon bedenklich.

Gerhard Müller
34
2.11.2011, 14:03
Geh ins Presseforum

da bekommst Grün. Hier nicht.

Dort tummeln sich die Kollegen aus der FPÖ und die ÖVP-Hinterhinterhinterbänkler

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