Anschlag auf Satireblatt nach Scharia-Sonderheft

2. November 2011, 08:49
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Die Pariser Redaktion von "Charlie Hebdo" wurde durch einen Brand zerstört

Paris - Am Erscheinungstag einer Sonderausgabe zum Islamismus ist die französische satirische Wochenzeitung „Charlie Hebdo" Ziel eines Brandanschlags geworden. Die Pariser Redaktionsräume der Zeitung, die 2006 auch die umstrittenen Mohammed-Karikaturen veröffentlicht hatte, wurden nach Angaben der Chefredaktion am Mittwoch zerstört. Der Dachverband muslimischer Vereine in Frankreich verurteilte den Brandanschlag ebenso wie zahlreiche Politiker.

Nach Angaben der Polizei löste ein Brandsatz in der Nacht Feuer im 20. Arrondissement von Paris aus, bei dem niemand verletzt wurde. „Alles ist zerstört", sagte der Kolumnist Patrick Pelloux, der ebenso wie der Chefredakteur mit dem Künstlernamen Charb eine direkte Verbindung zwischen dem Anschlag und der neuesten Ausgabe sieht. Die Redaktion bereitete darin den jüngsten Wahlsieg der Islamisten in Tunesien satirisch auf. Dazu benannte sich das Blatt in „Scharia Hebdo" um und machte den Propheten Mohammed zu seinem „Chefredakteur". Auf der Titelseite war eine Mohammed-Karikatur zu sehen mit der Äußerung: „Hundert Peitschenhiebe, wenn Sie sich nicht totlachen!"

Internetauftritt manipuliert

Unbekannte manipulierten am Morgen vorübergehend auch den Internetauftritt der Zeitung. Statt der Titelseite der neuen Ausgabe war dort einige Stunden lang ein Bild der Moschee in Mekka zu sehen mit dem Spruch: „Es gibt keinen Gott außer Allah". Über soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook hatte die Redaktion bereits im Vorfeld Drohnachrichten und Beleidigungen erhalten. „Wir sind jede Form von religiösem Fundamentalismus, nicht gegen praktizierende Muslime", erklärte die Redaktion.

Innenminister Claude Guéant sprach bei einem Besuch am Ort des Brandes von einem gezielten Anschlag, bei dem auch die islamistische Spur verfolgt werde. Regierungschef Francois Fillon forderte, die Tat schnell aufzuklären und die Täter vor Gericht zu bringen. „Jede Verletzung der Pressefreiheit muss mit größter Entschiedenheit verurteilt werden", erklärte der Premierminister. Auch der Vorsitzende des muslimischen Dachverbandes CFCM, Mohammed Moussaoui, verurteilte die Brandstiftung. Die Titelseite des Blattes sei am Mittwoch weniger „gewaltsam" ausgefallen, als die 2006 veröffentlichten Karikaturen.

Mohammed-Karikaturen

2006 hatte die Zeitung die zwölf zuerst in der dänischen Zeitung „Jyllands Posten" erschienenen Mohammed-Karikaturen veröffentlicht und eigene Zeichnungen hinzugefügt. Eine Klage muslimischer Verbände endete 2008 mit einem Freispruch für den damaligen Chefredakteur Philippe Val. Die französische Justiz sah in der Veröffentlichung keine Beleidigung der Muslime, da die Zeitung nur radikale Islamisten verspotte und nicht die Muslime insgesamt. Die Wochenzeitung hatte aus dem islamischen Kulturkreis stammende Intellektuelle zu Wort kommen lassen, die gegen den Islamismus als neue weltweite totalitäre Bedrohung Position bezogen.

In Tunesien hat die Islamisten-Partei Ennahda bei der Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung am 23. Oktober mit einem Stimmenanteil von 41,47 Prozent 90 der 217 Abgeordnetensitze erobert und ist damit die mit Abstand stärkste politische Kraft des nordafrikanischen Mittelmeerlandes, wo der „Arabische Frühling" begann.

Frankreich hat mit fünf Millionen Muslimen die größte islamische Gemeinde in Europa. Im Frühjahr trat ein gesetzliches Verbot des Ganzkörperschleiers, der Burka, in Kraft. Auch Freitagsgebete auf offener Straße sind verboten.  (APA)

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    Am Mittwoch vor der Redaktion von "Charlie Hebdo.

  • Die Zeitschrift polarisierte schon immer.
    foto: epa/lucas dolega

    Die Zeitschrift polarisierte schon immer.

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