Liebe Lehrer! Liebe Frühpensionisten!

Kolumne2. November 2011, 08:49
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Leute, wir müssen reden...

Wann immer ein Journalist Kritisches über die Zustände im Lehrbetrieb an den Schulen oder über die Frage der Berechtigung so vieler Frühpensionen schreibt, erntet er wütende bis untergriffige Reaktionen aus der jeweiligen, etwas abgeschlossenen Welt der Betroffenen.

So auch dieser Kolumnist für zwei Texte in der letzten Zeit: In dem einen wurde festgehalten, dass die Eurokrise zwar auch durch die internationale Finanzspekulation mitverursacht wurde, dass diese Krise aber vor allem eine ausufernder Staatsschulden ist. Und dass ein Hauptgrund für die überbordenden Staatsschulden leider auch die (europäischen bzw. österreichischen) Pensionssysteme sind. In einer anderen Glosse wurde der Fall referiert, wo sich rund 60 Lehrer und Lehrerinnen des Sozialdemokratischen LehrerInnenverbandes (SLÖ) zu einer 13-tägigen "Bildungsreise" nach Südostasien mit komplettem Touristenprogramm aufmachten.

Leute, wir müssen reden. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Reaktionen ging davon aus, ich sei ein Lehrer-und Frühpensionistenhasser und hätte überdies persönliche Motivationen, so als ob ein Journalist sich einen Vorteil davon versprechen könnte, die beiden bestorganisierten Interessengruppen des Landes - die Lehrer und die Pensionisten - zu kritisieren. Gut, das ist Teil der Leser- und Posterhyperventilation, die in den vergangenen Jahren eingerissen ist. Man verkehrt nur noch im Brüllton miteinander.

Daher, noch einmal: Leute, wir müssen reden. Und zwar darüber, dass niemand den Lehrern, Beamten und (Früh-) Pensionisten ihre angenehmen Regelungen (um nicht zu sagen Privilegien) vorwirft. Sie nehmen das, was ihnen bullige Interessenvertreter und eine schwache, populistische Politik eingeräumt haben.

Aber diese Politik hat eben in die Bredouille geführt. In ganz einfachen Zügen nachgezeichnet: Die Staaten haben sich überschuldet, um soziale Wohltaten weiterhin finanzieren zu können, die durch Beiträge und Steuern längst nicht mehr gedeckt sind. Griechenland ist der Extremfall, Österreich steht aber schon unter verschärfter Beobachtung der Ratingagenturen. Der Staatszuschuss zu den Pensionen ist binnen weniger Jahre auf zehn Milliarden Euro gestiegen. Das wird zum Großteil auf Schulden finanziert. Wenn Österreich sein Super-Rating (AAA) verliert, womit 2012 zu rechnen ist, müssen wir noch höhere Zinsen zahlen. Das ist der Weg nach Griechenland.

Die meisten (nicht nur Pensionisten) wollen das nicht wahrhaben. Ein unverdächtiger Zeuge ist der Budget-Sektionschef im Finanzministerium, Gerhard Steger (SPÖ). Im derStandard.at-Interview sagte er: "Wir haben auch ein viel zu niedriges Pensionsantrittsalter, (wir müssen) einfach schauen, dass wir uns das Pensionssystem nachhaltig leisten können. Der Pensionsbereich erzeugt eine Ausgabendynamik, die wir so nicht fortsetzen können."

Die Lehrer sind zugleich Opfer und Mitschuldige des Schulsystems. Sie sind überlastet (Burnout ist meist real), arbeiten unter vorsintflutlichen Bedingungen. Ihre Kompensation sind "Erleichterungen" im Dienstbetrieb, die von außen oft als Provokation empfunden werden.

Eine 13-tägige Asien-"Bildungsreise" für Lehrer im Herbst (nicht ganz zwei Monate nach den großen Ferien, nicht ganz zwei Monate vor den Weihnachtsferien) so zu legen, dass möglichst viele (nämlich fünf) "Fenstertage" (=Schul-)Tage genutzt werden, und mit dieser "traumhaften Feiertagskombination" auch noch zu werben ist eine Provokation. Dienstrechtlich mag alles abgesichert sein (siehe Leserbrief unten), aber gerade dieses Dienstrecht ist ja das Problem. Die "schulautonomen Tage", die solche Asien-"Bildungsreisen" ermöglichen, tragen dazu bei, eine leistungsstarke Schule zu verhindern. Entscheidend sind die alarmierenden Ergebnisse: Wenn 20 Prozent der 15-Jährigen nicht lesen und schreiben können, ist unser Wohlstand gefährdet.

Zu viele Schulden gefährden den Wohlstand. Zu teure Pensionsregelungen gefährden den Wohlstand (weil beides Investitionen in die Vergangenheit sind, nicht in die Zukunft). Zu aufwändige Verwaltungen gefährden den Wohlstand. Das kann im Detail alles belegt werden. Wir müssen darüber reden. (derStandard.at, 2.11.2011)

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