Triumph und Revolution

2. November 2011, 08:45
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Die höchste Flagge oder warum die Revolution das Geschichtsbild Ägyptens nicht verändert hat

In Ägyptens Hauptstadt Kairo wurde dieser Tage die "höchste Flagge der Welt" aufgezogen, sie misst 12 mal 15 Meter und weht auf 176 Meter Höhe. Die Medien berichten, dass sie von einer Bank gesponsert, dass das Aufziehen im Fernsehen übertragen und dass dabei ein Gedicht über Ägypten rezitiert wurde. Ach ja, und der Anlass war der "38. Jahrestag des militärischen Triumphes über Israel von 1973". Andere Medien nennen es etwas bescheidener den "Sieg vom 6. Oktober".

Ja, es stimmt schon, dass der ägyptisch-syrische Angriff am 6. Oktober 1973 die Israelis in allerschwerste Bedrängnis brachte, und auch, dass am Ende die Niederlage für die Araber nicht so vernichtend ausfiel wie 1967. Doch sah der ägyptische "Triumph" letztlich doch so aus, dass die Israelis 100 km vor Kairo standen (und 30 km vor Damaskus), von den Verlusten gar nicht zu reden.

Von den alten Krokodilen im regierenden Militärrat, die sich von diesem Spektakel wahrscheinlich eine etwas bessere Stimmung im Land erhoffen, kann man nicht erwarten, dass sie das seit Jahrzehnten geltende Narrativ über den Oktoberkrieg fallen lassen. Aber medial hätte man sich vom "neuen Ägypten" etwas mehr heitere Distanz erhofft. Dass die Revolution dieses Geschichtsbild, das ein ganz wichtiger Teil der Legitimation des Ancien Régime war, unangetastet lässt, wollen wir nicht glauben. Außer die Revolution war so echt wie der Triumph 1973. (guha, DER STANDARD-Printausgabe, 2.11.2011)

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