Gesunde Ernährung fängt beim Einkaufen an

Günter Brandstetter, 2. November 2011, 17:00
  • Artikelbild
    foto: renate franke/www.pixelio.de

    Wenn es darum geht Ernährungsrisiken abzuschätzen, ist der Konsument mehr oder weniger auf sich alleine gestellt.

    Foto: Renate Franke/www.pixelio.de

Wie gesund sind unsere Lebensmittel tatsächlich? - In Österreich muss der der Konsument auf das Marktamt vertrauen - Ratgeber bieten Orientierung

Dioxin-Fleisch aus Deutschland, Listerien-Käse aus Österreich, mutierte EHEC-Keime aus Ägypten. - Das sind nur die aktuellsten Fälle an Lebensmittelskandalen, die uns in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen den Appetit verderben. Sie führen uns besonders auch eines vor Augen: Lebensmittel sind größtenteils das Produkt einer industriellen Herstellungskette, die durch eine harte Wettbewerbssituation gekennzeichnet ist.

„Die Konzerne stoßen an Wachstumsgrenzen. Niemand kann mehr essen, als der Magen fasst. Mit milliardenschweren Werbekampagnen jubeln die Hersteller den Verbrauchern deshalb scheinbare Neuheiten unter. Diese sind häufig weder neu noch besser, sondern Zusatzstoffcocktails voller Zucker und Salz, dafür aber teurer", ist Thilo Bode, Geschäftsführer von „foodwatch" und Autor des Buchs „Die Essensfälscher", überzeugt.

Preiskampf drückt Qualität

Aktuelle Ergebnisse österreichischer Interessensvertretungen scheinen den Kritikern der Lebensmittelbranche Recht zu geben. Bei einem kürzlich - vom Verein für Konsumenteninformation (VKI) durchgeführten Test von 15 gängigen Olivenölen war keines frei von Schadstoffen. Sie enthielten PVC-Weichmacher, die im Verdacht stehen die männliche Fruchtbarkeit negativ zu beeinflussen sowie krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die wahrscheinlich durch Waldbrände nahe der Ernte ins Öl gelangt sind. Als Grund für die Misere sieht VKI-Geschäftsführer Franz Floss: ebenfalls „den Preiskampf unter den Handelsketten."

Ähnlich ernüchternd fiel der - im August 2011 - durchgeführte Test der Arbeiterkammer (AK) zur Produktsparte „Frühstücksflocken" und „Müslis" aus, gelten diese doch gemeinhin als kalorienarm und gesund. Rund die Hälfte der 43 geprüften Angebote enthielt 25 Prozent Zucker, bei 85 Prozent lag der Zuckeranteil immerhin noch über einem Achtel. Besondere Kritik üben die AK-Experten an den Kennzeichnungen der Produkte, die zum Teil nicht nachvollziehbar beziehungsweise irreführend sind, so dass für Konsumenten nicht eindeutig ersichtlich ist wie viel Zucker, Fett, Salz und Kalorien eine Packung tatsächlich enthält.

"Das Täuschungsspektrum der Konzerne reicht von dreister Mogelei bis hin zur Körperverletzung durch Irreführung", kritisiert Thilo Bode. Seiner Ansicht nach agiere die Politik dabei als Dienstleister der Industrie und setze auf Konsens und „Runde Tische" statt auf wirksame Gesetze. Bei Greenpeace ist man beispielsweise überzeugt, dass „uns die gesetzlichen Grenzwerte, sprich die zugelassenen Höchstmengen für Pestizide, die für Lebensmitteln aus dem konventionellen Anbau verwendet werden, nicht zuverlässig schützen". Kommen nämlich mehrere Substanzen zum Einsatz, können sie ihre Wirkung gegenseitig verstärken. Solche Cocktaileffekte werden aber bei der Grenzwertfestlegung kaum beachtet.

„Analogkäse" und Genmanipulation kaum ein Thema 

In Wien existieren etwa 19.000 Lebensmittelbetriebe. Rund 15.000 Kontrollen werden jährlich vom Marktamt durchgeführt. Die Beanstandungen mit dem Etikett „gesundheitsschädlich" weisen eine Größenordnung von etwa einem halben Prozent auf.

Auf die Frage wie Verbraucher sicher sein können, dass die angebotenen Lebensmittel „natürlich" und nicht künstlich hergestellt sind, antwortet Alexander Hengl (39), Lebensmittelinspektor vom Wiener Marktamt: „Da muss die Kundin, der Kunde auf uns vertrauen. Selber kann man das nicht wirklich feststellen. Von uns werden diesbezüglich nach wie vor stichprobenartige Kontrollen etwa bei Pizzakäse durchgeführt und ich kann sagen, dass wir das Problem von »Lebensmittelimitaten« sehr gut im Griff haben". Im Zusammenhang mit genmanipuliertem Obst und Gemüse finden ebenfalls laufend Probenziehungen und Schwerpunktaktionen statt. „Die Beanstandungen sind auch hier gleich null", beruhigt Alexander Hengl.

Notwendige Eigenverantwortung

Letztendlich bleibt der Konsument auf sich alleine gestellt, wenn es darum geht etwaige Ernährungsrisiken abzuschätzen. Das erfordert allerdings Kenntnisse über die Wirkungsweisen der zahllosen Zusatzstoffe. Ratgeber wie „Gesund einkaufen" vom VKI bieten hier Orientierung. Darüber hinaus kann über das Kaufverhalten Druck auf die Lebensmittelindustrie ausgeübt werden, indem einzelne Produkte entweder generell boykottiert oder nur zu bestimmten Jahreszeiten gekauft werden.

So ist beispielsweise nachgewiesen, dass je nach Saison die Pestizidbelastung einzelner Obst- und Gemüsesorten erheblich schwankt. Früherdbeeren, die von Januar bis Mai angeboten werden, enthalten meist mehr Schädlingsbekämpfungsmittel als Erdbeeren aus der heimischen Hauptsaison ab Juni. Obst und Gemüse sollte daher dann gekauft werden, wenn das Produkt tatsächlich Saison hat.

Eine Alternative zum konventionellen Anbau sind zweifelsohne Bio-Waren, obwohl es auch hier keine Garantie für völlig rückstandsfreie Lebensmittel gibt. „Denn manche Schadstoffe sind ganz einfach ubiquitär, also überall in der Umwelt vorhanden", heißt es von Seiten des VKI. Die Gesundheitsgefahr durch Schad- und Zusatzstoffe in Lebensmitteln dürfte aber generell weniger groß sein wie von vielen angenommen wird. Auf Platz eins der Ernährungsrisiken stehen immer noch ungesunde Essensgewohnheiten: zu viel, zu fett, zu süß in Kombination mit Bewegungsmangel. (derStandard.at, 02.11.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 121
1 2 3
Salz Burger
00
6.11.2011, 10:52

Eigentlich ist gesund einkaufen recht einfach. Die wichtigsten Grundnahrungsmittel wie Fleisch, Eier, Käse sind recht billig und einfach in der Zusammensetzung. Da braucht es auch keinen Verein, der die Leute vor gefährlichen Inhaltstoffen warnt.

Wer natürlich meint, eine Fertigpizza wäre hochwertig oder sogar gesund, der ist immer ein Opfer der Lebensmittelindustrie.

Asparuch Edler von Leschnikoff
04
3.11.2011, 15:19
"Wenn die Menschen wüßten,

wie Gesetze und Würste gemacht werden, sie würden nachts keine Auge mehr zutun."

(Otto von Bismarck)

martinus
 
00
6.11.2011, 11:37

Ich war als Kind mal dabei wie ein Hase getötet wurde, das fell abgezogen, und zubereitet. Dabei kriegt man einen gehörigen Respekt vor der Tierwelt.

peak oil
10
3.11.2011, 19:38
es reicht,

wenn sie keine würste mehr kaufen würden, dann könnten sie wieder ruhiger schlafen.

Asparuch Edler von Leschnikoff
01
4.11.2011, 08:18

...wenn Vegetarier scherzen...

baka
01
3.11.2011, 14:45
Konsumenten ernst nehmen

In Deutschland gibt es ein neues Internetportal (lebensmittelklarheit.de), das Probleme von Konsumenten aufnimmt und einen kritischen Dialog mit dem Hersteller einleitet. Das wird sogar vom Ministerium unterstützt. Warum gibt es sowas nicht in Österreich?
http://www.ueber-land.eu/gesundes-... icherheit/

macstar
10
3.11.2011, 20:24
weil in deutschland seit rotgrün das ministerium grundlegend geändert wurde

vom am gängelband der bauern und landwirte hängenden landwirtschaftsministerium weg hin zu einem verbraucherschutzministerium, wo die interessen und der schutz des verbrauchers (also menschen wie du und ich) im vordergrund stehen. österreich ist hier, wie auch bei sovielen anderen dingen, die in europa bereits selbstverständlich sind, 50 jahre hinten nach :(

Salz Burger
00
6.11.2011, 10:54

Ich kaufe relativ häufig in Deutschland ein. Dort ist es auch nicht anders, als bei uns. Teilweise die selben Lebensmittel. Nur meistens etwas billiger, weil der Österreich-Zuschlag wegfällt.

obibiber
02
3.11.2011, 14:31

"Gesunde Ernährung fängt beim Einkaufen an"

gesunde ernährung fängt bei der nahrungs-produktion an.

gigngogn
 
00
3.11.2011, 17:04
Produziert wird nur, was auch gekauft wird, die Überschrift ist also richtig

obibiber
00
3.11.2011, 18:34

es wird überschuss produziert, folglich wird schon mal nicht alles gekauft, was produziert wird.

Salz Burger
00
6.11.2011, 10:56

Auch der Überschuss wird verkauft. Zum billigeren Preis geht auch das dann noch weg. Ausnahmen sind vielleicht schnell verderbliche Waren, die dann weggeworfen werden.

gigngogn
 
00
3.11.2011, 20:48
Es ist ein selbstregulierendes System, wird Überschuss erzeugt sinkt der Preis und daraufhin auch die Produktion. Kapitalismus funktioniert sehr gut wenn es darum geht Bedarfsgerecht zu produzieren

obibiber
00
3.11.2011, 22:57

bedarfsgerecht ist relativ, insofern lässt sich ihre behauptung auch nicht so ohne weiteres bestätigen.
stichwort werbung marketing verkaufsstrategien konsumterror usw. usf., also das erzeugen von bedarf, wo an sich keiner ist. zb red bull... so viel zu bedarfsgerecht und kapitalismus.

gigngogn
 
00
4.11.2011, 09:05
Selbst wenn sie einen Bedarf erst erzeugen ist er da :)

obibiber
00
4.11.2011, 17:08

da bedarf aber auf höchst fragwürdige weise erzeugt werden kann, sollte an diesem bedarf angesetzt werden oder dieser bedarf als eigentlicher nicht-bedarf deklariert werden und von jenen gütern unterschieden werden, bei denen tatsächlich bedarf vorhanden ist (grundversorgung mit lebensmittel).
also trennen zwischen notwendigem bedarf und konsum-orientiert erzeugtem 'bedarf', der eigentlich keiner ist, sondern ein pseudo-bedarf. und die ertragsorientierte erzeugung dieses pseudo-bedarfs muss kritisiert werden.

Salz Burger
01
6.11.2011, 10:57

Ich denke, sie machen da eine Trennung, wo keine ist.

Lilith Boessse
 
00
3.11.2011, 12:20
esse von zeit zu zeit gerne

pumpernickl.

jetzt gibts ein neues, welches im vergleich zum bisherigen das nur getreide, wasser und salz enthält, an inhaltsstoffen eine e-nummer, zucker und malz angeführt hat.

das problem: wenn ich auf den preis schauen muss, muss ich das zucker-dings nehmen, das kostet nämlich ganze achtzig cent weniger :O(

Poldi Fesch
00
3.11.2011, 14:55
also, wenn von Zeit

zu Zeit der Minutentakt ist, dann sich 80cent zwar viel, aber das kleinere Uebel, wenn 80cent woechentlich ein Prblem darstellen wuerde ich auch den guenstigeren Pumpernickl als nicht leistbar darstellen

obibiber
00
3.11.2011, 14:32

herr lilith pumpernickl boessse

WischUndWeg
53
3.11.2011, 11:53

Walter Krämer hat das recht schön zusammengefasst:

" .. In Himbeeren zum Beispiel hat es so viele Chemikalien drin (unter anderen Cumarin, gefährlich für die Leber), dass diese Früchte, würden sie künstlich hergestellt, laut Lebensmittelgesetz verboten werden müssten. .."
http://tinyurl.com/69wzjdu

".. Wer Angst vor Atomkraft, Amalgam, Zusatzstoffen, Hormonfleisch und Ozon hat, ist das Opfer „einer beispiellosen Desinformationskampagne“. Die Beschäftigung mit solchen Problemchen ist „ein Luxus, den sich nur reiche Europäer leisten können“.."
http://tinyurl.com/668t3sf

luis trew
31
3.11.2011, 11:41
Unsere Politiker - nein danke!

Sowohl österreichs Politik (wer ist schnell Konsumentenschutzminister??), als auch (naheliegend) die EU Politik haben 2 Möglichkeiten.

Entweder sie stärken die Rechte von Millionen Konsumenten (Verbot bedenklicher Zuchtmethoden, Pestizide, Antibiotika, Gentech bzw. Einführung strenger und verständlicher Kennzeichnungspflicht)
o d e r sie schlagen sich auf die Seite der (von Agrarindustrie.

Die hohe Politik steht (leider) ganz klar auf Seiten der Industrie.

Salz Burger
00
6.11.2011, 11:00

Kleiner Tipp von mir: Verlassen Sie sich bei der Ernährung nicht auf Politiker, die können nämlich nicht für Sie alleine da sein und wissen auch nicht, was Sie essen wollen, das funktioniert nicht.
So was wichtiges wie Ernährung nehme ich selber in die Hand. Auswahl gibt es ja genug.

*Andreas*
34
3.11.2011, 11:45

Warum wollen Sie Gentechnik verbieten? Oder sprechen Sie nur von grüner Gentechnik? Und warum muss grüne Gentechnik nur negativ sein?

metall81
00
16.11.2011, 12:00
Und warum muss grüne Gentechnik nur negativ sein?

Weil aufgrund einer Ironie des Schicksals "böses Gen" zu einem guten Mem geworden ist.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 121
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.