Versuchskaninchen Mensch

7. November 2011, 16:24
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Bevor ein Medikament auf den Markt kommt, muss es viele Phasen souverän bestehen - Eine davon ist die Testung an gesunden Probanden

Der Monitor piepst, Sauerstoffsättigung und Herzaktivität werden angezeigt, der Körper ist verkabelt und mit dem EKG-Gerät verbunden. Ärzte schauen regelmäßig nach ihren Schützlingen. Verena kennt diese Situation nur zu gut. Sie nimmt seit vier Jahren als Probandin regelmäßig an klinischen Studien teil, lässt sich mehrmals im Jahr Blut abnehmen, gibt Harnproben ab, macht Schwangerschaftstests und füllt Fragebögen aus. Nicht nur Augen- und Impfstudien gehören zu ihrem Repertoire, sondern auch die Testung eines Arzneimittels, das bei Lymphkrebs eingesetzt wird. Bereits bei der niedrigsten Dosierung habe es gewirkt und Lymphozyten abgetötet. „Das klingt schlimmer als es ist, das Immunsystem wird dabei nicht beeinträchtigt", weiß die gelernte Krankenschwester. 

Bei einer anderen Studie wurde Verena zweimal ein Medikament, eine virusinaktivierte Alternative zu gefrorenem Frischplasma, gespritzt und sie musste jeweils den gesamten Vormittag auf der Probandenambulanz im Wiener AKH liegen. Nicht ohne Grund: Nebenwirkungen waren zu erwarten. Die Testpersonen wurden vor der Einwilligung zur Teilnahme darüber informiert. Bei Verena blieb die Behandlung nebenwirkungsfrei. Nicht so bei Elke, die ebenfalls als Krankenschwester arbeitet. „Es war sehr unangenehm, ich hatte ein flaues Gefühl im Magen, mir war übel und mein Blutdruck ist kurzfristig angestiegen", erzählt sie. Das sei aber „unproblematisch" gewesen, weil die Krankenschwestern und Ärzte sofort reagiert hätten. Angst, dass etwas schiefgeht, hat auch Verena nicht: „Der Notfallwagen steht vor den Betten immer bereit."

Infusionen für eine neue Tauchausrüstung

Hauptmotiv für Verena ihre freien Tage als Probandin im AKH zu verbringen, ist die finanzielle Entschädigung. Für die Frischplasma-Studie hat sie 850 Euro bekommen und damit eine Tauchausrüstung finanziert. „Das ist gut verdientes Geld", meint Verena. 

Davon ist Probandin Jelina nicht überzeugt. Sie hat bisher bei einer Grippeimpf-Studie teilgenommen: „Ich musste für die zwei Impfungen, die Voruntersuchung und die regelmäßigen Blutabnahmen sechsmal ins AKH fahren - und brauche jedes Mal eine Stunde dorthin." Für 300 Euro ein zu großer Aufwand, wie sie findet. Und auch Probandin Elke ist der Meinung, dass „manche Studien gemessen am Aufwand besser bezahlt werden könnten". Dennoch: Hauptmotiv sei das Geld und „der Dienst an den Menschheit hintergründig". 

Wie viel Geld die Testpersonen erhalten, wird von einer Ethikkommission genau geprüft. „Es gibt keine risikobezogene Aufwandsentschädigung, sondern sie richtet sich nach Liegedauer und Zeitraum der Untersuchung", erklärt Markus Müller, Leiter der klinischen Pharmakologie am Wiener AKH. Um zu vermeiden, dass Probanden an mehreren Studien gleichzeitig teilnehmen, führt die Abteilung eine eigene Datenbank - wird es dennoch versucht, werden die Probanden für alle Studien am AKH gesperrt.

Eines von zehn Arzneimitteln kommt auf den Markt 

Bis ein Arzneimittel an gesunden Testpersonen zum Einsatz kommt, hat es bereits einige Stationen durchlaufen. In der präklinischen Entwicklungsphase werden molekulare Wirkungsmechanismen  chemischer Substanzen im Labor untersucht und Zellkulturen angelegt. Dann erst werden die Inhaltsstoffe an Tieren getestet. Sind die Tierversuche erfolgreich, wird ein Antrag für eine menschliche Studie in der Ethikkommission eingebracht. Bei Bewilligung wird das Arzneimittel am Menschen untersucht.

Genau überprüft werden auch die Unternehmen, die solche Probandentests durchführen. Das Wiener Institut für klinische Pharmakologie erhält fast täglich Besuch von externen Prüfern, die die Datenqualität kontrollieren. Außerdem gibt es stichprobenartige Inspektionen der europäischen Zulassungsbehörde in London, der European Medicines Agency (EMA) oder auch der österreichischen Zulassungsstelle für Arzneimittel (AGES Pharmed), dem verlängerten Arm der EMA.

Die niedrigste Dosis, die ein Proband eingangs erhält, liegt bei einem Zehntel bis einem Hundertstel der Dosis, die beim sensitivsten Tier keine Nebenwirkungen hervorgerufen hat. Um Effekte sichtbar zu machen, wird die Dosis dann langsam erhöht. Zu diesem Zweck werden die Probanden stationär aufgenommen und intensiv überwacht. „In Phase I geht es darum, ob ein Arzneimittel sicher ist, also wirksam, ohne dass gravierende Nebenwirkungen erkennbar sind", sagt Müller. Viele Arzneimittel bestehen sie nicht: Nur eines von zehn schafft es bis in die Apotheke.

Geringes Risiko für Probanden

Das Risiko, das gesunde Probanden dabei auf sich nehmen, ist angeblich gering. „Die Arzneimittelindustrie ähnelt der Flugzeugindustrie - sie ist stark kontrolliert und trotz hohem Betrieb extrem sicher", berichtet Müller. Bei bisher etwa 150 000 Erstanwendungen an Probanden weltweit habe es nur einen Vorfall vor fünf Jahren in London gegeben. Sechs Probanden erhielten eine Substanz, die gegen rheumatische Arthritis, Leukämie und Multiple Sklerose helfen sollte und erlitten ein Multiples Organversagen und starke Hirnschwellungen - zwei Testpersonen schwebten mehrere Tage in Lebensgefahr, einem Versuchsteilnehmer wurden Finger und Zehen amputiert.

Dabei handelte es sich um monoklonale Antikörper. Eine Substanzklasse, mit der man laut Müller „noch keine Erfahrung gehabt habe". Bei dem Test, der vom deutschen Pharmakonzern TeGenero in Auftrag gegeben wurde, seien „viele Dinge" falsch gelaufen. „Allein, dass acht Probanden in einem Raum gleichzeitig therapiert wurden, ist angesichts eines möglichen Sicherheitsproblems Wahnsinn", meint Müller. Zwei holländische Ärzte hatten außerdem kritisiert, dass die Substanz ohne zusätzliche vorklinische Studien für den Test an gesunden Menschen nicht geeignet gewesen sei.

Die Gesetze haben sich seitdem verschärft, neue Richtlinien zur Risikominimierung wurden beschlossen. Zudem ist man bei der Dosierung der Antikörper wesentlich konservativer geworden, und beginnt mit der Testung einzelner Probanden. Bei monoklonalen Antikörpern werden aufgrund der genetischen Ähnlichkeit - anders als bei chemischen Arzneimitteln - Primatenversuche verlangt. TeGenero wurde übrigens Monate nach dem Vorfall verkauft - Kaufsumme und Erwerber unbekannt.

Grenzen setzen 

Für Verena hat das Probandendasein trotz des geringen Risikos seine Grenzen. „Ich schlucke keine Antibiotika oder nehme an Studien teil, die mehrere Tage dauern", erklärt sie. Tabu seien auch schmerzhafte Untersuchungen. Vor kurzem etwa wurden Probanden gesucht, denen ein arterieller Zugang gelegt wurde, um die Durchflussraten in der Hand zu messen. „Ich kenne das von der Arbeit und mir ist das zu schmerzhaft", erklärt die Krankenschwester.

Ein anderer Proband habe sie vor der Testung eines Grippemedikamentes gewarnt. Er erhielt ein Mittel, das die Grippesymptome erst auslöst, damit die Wirksamkeit des Grippemedikaments getestet werden konnte. Dabei bekam er einen sehr starken Migräneanfall - und nimmt seitdem nur an selektierten Studien teil. Auch Elke macht nicht bei allen Studien mit. „Untersuchungen, bei denen ich narkotisiert werde, sind nichts für mich, das birgt schon ein höheres Risiko", erklärt die Krankenschwester.

Übersteht ein Arzneimittel die Untersuchung an gesunden Probanden, wird die grobe Wirksamkeit des Medikaments an kranken Personen überprüft und so die benötigte Dosierung erforscht. Anschließend erhalten die Patienten nach dem Zufallsprinzip das neue Medikament, ein Scheinmedikament oder ein anderes Medikament. Eines von zwei Arzneimitteln wirkt in dieser Phase drei besser als ein Placebo oder ein fremdes Medikament und wird von der EMA freigegeben - kann aber auch wieder vom Markt genommen werden.

„Ist das Medikament in der Apotheke verfügbar, kann sich die Risiko-Nutzen-Bewertung durch den millionenfachen menschlichen Gebrauch immer noch ändern, seltene Nebenwirkungen können etwa erst jetzt sichtbar werden", meint Müller. Das Ziel sei, dass „das Lernen über ein Arzneimittel niemals aufhört." (derStandard.at, 07.11.2011)

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    Das Risiko, dass Probanden bei der Testung eines neuen Arzneimittels auf sich nehmen, ist angeblich gering.

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