Gängige Modelle für bessere Beinarbeit

1. November 2011, 19:29
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Fußgänger sind wandelnde Umweltschützer - Aber damit sie nicht auf der Strecke bleiben, braucht es auch Wegbereiter

Forscher, die Barrieren beseitigen und zu Gehilfen aller Gehenden werden, machen den Anfang.

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Es klingt so banal, dass selbst Verkehrsplaner selten daran denken: Geht's dem Fußgänger gut, tut es auch dem Klima gut. Will die EU also zumindest das erste Ziel einer Reduktion der Treibhausgase um 20 Prozent - bis 2020 im Vergleich zu 1990 - erreichen, müsste längst auch ein Masterplan für das Gehen als zentraler Teil nachhaltiger Mobilität auf die Beine gestellt werden. Allerdings gibt es hierzu nicht einmal österreichweite strategische Konzepte wie für die Öffis oder das Radfahren. Die Ausgangsbedingungen für zu Fuß erreichbare Klimaziele sind zudem denkbar schlecht.

Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) hielt erst vor kurzem in einer Studie fest, dass wir immer geringere Distanzen zu Fuß zurücklegen: Latschten die Österreicher vor zehn Jahren im Durchschnitt noch 227 Kilometer per annum, sind es aktuell bereits um 22 Kilometer weniger. Mit dieser Laufleistung von nur mehr 560 Metern täglich sind EU-weit lediglich die Deutschen, die Luxemburger, die Malteser und die Zyprioten noch ein wenig gehfauler.

Während der VCÖ die Ursachen für diese Entwicklung in schlechten Rahmenbedingungen sieht - Zersiedelung, weniger Nahversorger und bauliche Benachteiligung von Fußgängern -, versuchen heimische Forscher bereits seit Jahren, Gehdefizite zusätzlich mit technologischen Lösungen zu beseitigen. So finden sich im Förderprogramm des Verkehrsministeriums für nachhaltige Mobilität - ways2go - unter bisher 97 begonnenen und zum Teil schon abgeschlossenen Projekten auch einige implizite "Gehhilfen".

Explizit als solche gedacht, ist jedenfalls ein neues System der Fachhochschule Joanneum in Kapfenberg, mit dem Fußgänger zusätzlich zu gängigen Lokalisierungsstandards auch per Radiofrequenz-Identifizierung (RFID) geleitet werden. Das könnte vor allem jenen Verkehrsteilnehmern das Leben enorm erleichtern, die keineswegs wegen Faulheit an Fußwegen bis zum nächsten Verkehrsmittel scheitern: Menschen mit Sehbehinderung etwa.

Bedarf an klarer Information

Projektleiter Martijn Kiers dazu: "Dass Blinde mithilfe unseres Systems selbstständig reisen können, wurde bereits im Feldversuch am Wiener Südtiroler Platz bewiesen. Das eigentlich Spannende ist aber etwas anderes: Als mich eine holländische Kollegin in Wien besuchte, ließ auch sie sich von einer Blinden den Weg erklären, die schon mit einem ähnlichen System ausgestattet war. Der Bedarf an klareren Informationen zum Fußweg ist also ein universeller."

Bisher einzigartig an diesem System ist die Möglichkeit, eine Reise ohne Auto wirklich lückenlos - also auch inklusive aller Fußwege - und unter Berücksichtigung unterschiedlicher körperlicher Einschränkungen - etwa barrierefrei - planen zu können: Das beginnt mit der Erstellung eines Routenvorschlags zu Hause am PC und geht unterwegs weiter mit der Aktualisierung von benutzerspezifischen Verkehrsinfos am Handy. In der Bahnhofshalle kommt dann das verbesserte Routing per RFID-Chips zum Einsatz, weil GPS-Signale in geschlossenen Räumen ja selten funktionieren.

Über diese Chips erhalten wiederum sehbehinderte Reisende im Gebäude die akustische Beschreibung eines sicheren Weges zum Zug. Aber relevant sind diese Echtzeitinfos natürlich genauso für Sehende, die Hilfe suchen: Eine Bahnsteigänderung kann damit ebenso kommuniziert werden wie der kürzeste Weg bis zur Straßenbahn.

Funktionstüchtig wird dieses System ab 2012, in vollem Umfang - und vorerst nur in Wien - einsetzbar ist es mit der Fertigstellung des Hauptbahnhofes. "Aus technischer Sicht spricht nichts gegen die österreichweite Benutzung. Allerdings sind derzeit noch unterschiedliche Datenstandards der Verkehrsbetriebe ein größeres Problem", ergänzt Kiers.

Der Baum als Wegbegleiter

Harald Frey vom Forschungszentrum Verkehrsplanung und -technik an der TU Wien ist skeptisch gegenüber technischen Antworten auf Fragen der modernen Fußgängerei: "Die beste 'Technologie' bleibt die Natur - jeder gepflanzte Baum entlang eines Weges attraktiviert das Gehen", gibt er zu bedenken. Deshalb müssten auch städteplanerische Akzente gesetzt werden, damit "Fußgänger den Autoverkehr maßregeln", und nicht umgekehrt. Dafür fehlten aber wiederum rechtliche Grundlagen, in denen - so wie bereits in Norwegen - konkrete Ziele für die Hebung des Fußgängeranteils festgeschrieben sind.

Zu bescheiden fomuliert sei daher auch der Wiener Aktionsplan für die Zukunft des Gehens. Immerhin 27 Prozent der Verkehrsteilnehmer sind hier primär Fußgänger, dieser Anteil soll aber nur gehalten werden. Eine österreichweite Reaktivierung des Geherpotenzials sei überhaupt nur dann zu erreichen, wenn Gemeinden und Länder per Finanzausgleich dazu bewegt werden, fußgängerfreundliche Schritte zu setzen, glaubt Frey. Wie ein nationaler Masterplan für das Gehen aus Sicht der Verkehrsforscher aussehen könnte, versucht er erstmals auf der Fußgängerfachkonferenz (siehe Wissen) mit internationalen Kollegen zu skizzieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 02.11.2011)

=> Wissen: Raum per pedes


Wissen: Raum per pedes

Walk Space, der österreichische Verein für Fußgänger, ist gewissermaßen der einzige nationale Lobbyist für das Gehen. Auf seiner Fachkonferenz "Zu Fuß im Alltag" - am 10. und 11.11. in Salzburg - sollen daher technologiebasierte Forschung, raumplanerische Ansätze und politische Priorisierung des Gehens als zentraler Bestandteil vernüftiger Fortbewegungsmittel gebündelt werden.

Parallel dazu ruft das Verkehrsministerium in der vierten Ausschreibung des Programms "ways2go" dazu auf, den Verkehr der Zukunft mit Forschungsprojekten umweltfreundlicher und energieeffizienter zu gestalten. Einreichfrist ist der 26. Jänner 2012, die Gesamtfördersumme beträgt (zusammen mit zwei weiteren Programmen aus diesem Bereich) zehn Millionen Euro. Der Schwerpunkt liegt bei diesem Call auf einer Verbesserung des Personenverkehrs. (saum)

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    Im Vergleich zu einer Autofahrt sparen wir mit jedem zu Fuß gegangenen Kilometer durchschnittlich rund 18 Kilogramm an CO2-Emissionen pro Jahr. Diese Umweltverbesserung in kleinen Schritten muss uns allerdings schmackhaft gemacht werden: mit Natur oder Technik als angenehme Wegbegleiter.

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