"Es wird noch viel zu viel in Hierarchien gedacht"

1. November 2011, 19:12
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Lernforscherin Ilse Schrittesser hält vor Start des Bildungsvolksbegehrens ein Plädoyer für Lehrer - Viele seien innovativ und bräuchten eine Vertretung, die sich inhaltlich zu Wort meldet

STANDARD: Morgen, Donnerstag, beginnt das Bildungsvolksbegehren, das unter anderem mehr Ganztagsschulen fordert. Warum braucht es überhaupt solche Initiativen, um auf den Reformbedarf im System Schule aufmerksam zu machen?

Schrittesser: Die Schule soll eine stabile Einrichtung der Gesellschaft sein. Es zeigt sich aber immer wieder, dass gerade solche Institutionen, die auf Tradition und Werte setzen müssen, gesellschaftliche Umbrüche nicht so schnell mitmachen können, wie man sich das wünschen würde, und fast träge wirken - zumal die Bildungspolitik diese Umbrüche auch nicht forciert.

STANDARD: Wie müssten sich diese Umbrüche in der Schule zeigen?

Schrittesser: Zum Beispiel in der Personalautonomie, die sich viele Schuldirektoren und -direktorinnen wünschen würden. Da ist das heimische System noch nicht in der Gegenwart angekommen.

STANDARD: Kann man sagen, dass einige Entwicklungen verschlafen wurden?

Schrittesser: Sicher hat das österreichische Schulsystem wie das deutsche weniger demokratische Vergangenheit als zum Beispiel das skandinavische. Es wird noch viel zu viel in Hierarchien gedacht. Lehrer und Lehrerinnen gelten nicht als Begleiter, die Wege vorzeigen und Kinder und Jugendliche zu kritisch denkenden Menschen machen, sondern als die, die die Heranwachsenden disziplinieren. Das Umfeld, in dem Lehrer arbeiten, ist zum Teil auch veraltet.

STANDARD: Die Kritik am Schulsystem wird besonders gern an den Lehrern festgemacht. Ist das begründet oder nur das Ergebnis einer sehr undifferenzierten Suche nach dem Sündenbock?

Schrittesser: Vom Anfang der 1960er-Jahre stammt ein Essay von Adorno mit dem Titel Tabus über dem Lehrberuf. Der ist bis heute höchst aktuell und lesenswert. Dieser Text zeigt: Schule hat eine nahezu archaische Rolle in der Gesellschaft. Die Muster sind einfach, aber auch nachvollziehbar: Jeder war einmal in der Schule, jeder hat sie zum Teil auch erlitten. Jeder hat gute und schlechte Lehrer gehabt, oft bleibt den Menschen das Schlechte aber besser in Erinnerung. So sind wir leider gestrickt. Es gibt aber eben auch viele Lehrer, die die Schüler mitreißen können und sehr innovativ arbeiten.

STANDARD: Was verstehen Sie unter innovativ arbeiten?

Schrittesser: Da gibt es genug Beispiele. Eine Schule, in die viele Kinder mit Migrationshintergrund gehen, hat ein Sprachenkarussell entwickelt. Jeder Schüler muss sich für eine Sprache, die nicht die eigene ist, entscheiden - und sie dann auch lernen. Viele Schulen finden und erfinden ähnlich kreative Antworten auf gegebene Herausforderungen. Es gibt Spielräume, die die Schulen nützen können. Viel hängt von der Schulleitung ab. Für eine Modernisierung des Schulsystems sollte man sich derartige Projekte anschauen und analysieren, was man davon lernen kann.

STANDARD: Wieso passiert das nicht schon längst? Ist dafür zu wenig Geld da?

Schrittesser: Es muss nicht nur am Geld scheitern, Für derartige Projekte braucht es, wie schon gesagt, eine starke Schulleitung und vor allem auch ein engagiertes Schulteam, das gestaltend eingreift und Traditionen hinter sich lässt. Dadurch werden auch Lehrer und Lehrerinnen angezogen, die aufgrund ihrer Ansätze das System gestalten wollen. Wir haben aber auch beobachtet, dass Schulen dann innovativ werden, wenn sie unter Druck stehen.

STANDARD: Solche Herausforderungen anzunehmen kann aber nur heißen, die Ressourcen der Lehrer voll auszuschöpfen. Wie kann man einer möglichen Überforderung vorbeugen?

Schrittesser: Ich glaube, in erster Linie durch eine verbesserte Lehrerausbildung und fundierte Weiterbildungsangebote. Dafür müsste es aber zuerst einmal Einigkeit darüber geben, wo all das stattzufinden hat. Ich bin als Befürworterin einer wissenschaftlich orientierten Ausbildung bekannt, weil ich glaube, dass man so das beste Gerüst für diese Profession bekommt. Da gibt es an den Universitäten zum Glück ein Umdenken. Bis vor fünf bis zehn Jahren wurde die Lehrerausbildung als lästiges fünftes Rad am Wagen betrachtet. Uns muss aber klar sein: Wenn wir Lehrer schlecht ausbilden und die ihre Schüler schlecht unterrichten, bekommen wir schließlich unzureichend qualifizierte Studierende.

STANDARD: Wie muss eine Lehrerausbildung gestaltet sein?

Schrittesser: Man muss den Lehrern neben einem fundierten Fachwissen und pädagogischen Kenntnissen mitgeben, wie sie im Einzelfall agieren und nach Lösungen suchen können. Auch Ärzte müssen zum Beispiel wissen, wie der menschliche Körper aufgebaut ist, können aber nicht jeden Patienten gleich behandeln. Diese Diagnosekompetenz brauchen Lehrer genauso. Und sie sollten einen gemeinsamen kollegialen Diskurs führen, der sie in ihrer Expertise laufend begleitet. Es gibt eine Architektenkammer, eine Ärztekammer, eine Lehrerkammer gibt es leider nicht. Da gibt es nur die Gewerkschaft, die immer nur im politischen Disput um Gehälter und Arbeitsumfänge eine Rolle spielt. Es gibt kaum jemanden, der sich fachlich zu Wort meldet. (DER STANDARD, Printausgabe, 02.11.2011)


Ilse Schrittesser ist seit Herbst 2010 Professorin für Lehr- und Lernforschung am Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung der Universität Innsbruck. Davor leitete sie an der Universität Wien das Institut für Bildungswissenschaft und war verantwortlich für die pädagogische Ausbildung der Lehramtsstudierenden.

  • Die archaische Rolle der Schule: Jeder war da, jeder hat den Alltag hier zum Teil erlitten. Die Schuld an der derzeitigen Bildungskrise wird daher gern den Lehrern übertragen.
    foto: standard/corn

    Die archaische Rolle der Schule: Jeder war da, jeder hat den Alltag hier zum Teil erlitten. Die Schuld an der derzeitigen Bildungskrise wird daher gern den Lehrern übertragen.

  • Ilse Schrittesser: "Bis vor wenigen Jahren war die Lehrerausbildung an den Unis ein lästiges fünftes Rad am Wagen."
    foto: privat

    Ilse Schrittesser: "Bis vor wenigen Jahren war die Lehrerausbildung an den Unis ein lästiges fünftes Rad am Wagen."

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