Eine Pariser Ausstellung spannte Spitzenmathematiker und internationale Künstler zu einem interdisziplinären Kunstprojekt zusammen
Um zu beweisen: Mathematik ist eine eigene, aber schöne Welt, und die Reise dorthin lohnt sich.
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"In Mathematik war ich noch nie besonders. In der Schule nicht. Jetzt auch
nicht." Der amerikanische Regisseur David Lynch lässt die Katze gleich aus dem
Sack. Auf den Vorschlag von Hervé Chandès, Direktor der Fondation Cartier pour
l'art contemporain, kam gemeinsam mit Mathematikern eine Ausstellung zu
erarbeiten, die die Schönheit der Mathematik einem Nichtfachpublikum
näherbringt, reagierte Lynch zunächst mit einem herzhaften "Warum ausgerechnet
ich?". Das legte sich. Denn arbeiten Mathematik und Künstler auch mit
unterschiedlichem Material, ließ sich für die Ausstellung "Mathematics. A
Beautiful Elsewhere" doch ein gemeinsamer Anspruch formulieren.
Die Kollaborateure waren zum einen die Mathematiker: Michael Atiyah,
Professor an der University of Edinburgh, Jean-Pierre Bourguignon, Vorstand des
IHÉS (Institut des Hautes Études Scientifiques), Alain Connes, Professor am
Collége de France für Analysis and Geometry, Nicole El Karoui, führende
Finanzmathematikerin, Misha Gromov, Professor am IHES, Cédric Villani, Direktor
des Institut Henri Poincaré, Don Zagier, Direktor des Bonner Max-Planck-Institut
für Mathematik. Zum anderen die Künstler Jean-Michel Alberola, Maler, Raymond
Depardon und Claudine Nougaret, Filmemacher, Takeshi Kitano, Filmemacher,
Beatriz Milhazes, Malerin, Patti Smith, Musikerin, Hiroshi Sugimoto,
Fotokünstler und eben David Lynch.
Was Mathematik mit Schönheit zu tun hat, erschließt sich dem Mathe-Skeptiker
noch weniger als eine Fourier-Reihe. Das gibt sich allerdings, sobald man die
Mathematiker über ihre Forschung reden hört.
Cédric Villani etwa, 37-jähriger Leiter des Institut Poincaré, Träger der
Fields-Medaille 2010 sowie pompöser Plastrons und Broschen, beschreibt gar
Mathematik in ihrer Gesamtheit als mysteriöse Schöne, die sich immer wieder
entzieht und deren Geheimnisse es zu erkunden gilt. Nicht nur Schönheit also,
sondern Passion. Und ist damit in bester Gesellschaft.
Geist und Begeisterung
Denn im Filmprojekt von Raymond Depardon und Claudine Nougaret, in dem die
Mathematiker über ihre Arbeit, über Kreativität und Faszination sprechen, geht
es in der Hauptsache um Geist und Begeisterung. Nebenbei vermittelt jener Teil
der Ausstellung ein Bild der Denkrichtungen aus der exklusiven Sphäre der
weltweit 100.000 forschenden Mathematiker. Nicole El Karoui etwa, in den
1980er-Jahren an der Entwicklung der Finanzmathematik wesentlich beteiligt und
bis heute weltweit führend auf diesem Gebiet, formuliert die Bedeutung ihres
Fachs für die gelebte Gegenwart und seine Verbindung mit tatsächlichen sozialen
und kulturellen Verhältnissen.
Die Schlüsselsätze für das Verhältnis der meisten Nichtmathematiker zu seinem
Fach stammen von Jean-Pierre Bourguignon, der sich mit Geometrie, insbesondere
mit hochtheoretischen Themen wie Aspekten der Poincaré-Vermutung beschäftigt. Er
wünscht jedem Individuum ein Initiationserlebnis hin zur Mathematik und
berichtet mit nostalgisch-infektiösem Schmelz von seinem eigenen: dem
Gymnasiallehrer.
Die Künstler ließen sich wohl anstecken, aber nicht unbedingt initiieren.
Eine Parallele im kreativen Prozess zwischen Kunst und Mathematik findet sich in
vielen Kontexten. Denn wie die Mathematik nicht die Wege des Künstlers in neue
Bahnen lenkt, bleibt auch die Mathematik jenseits des Projekts von der Kunst
unbeeindruckt. Cédric Villani: "Die Begegnung mit Kunst hat mich in meiner
mathematischen Forschung nie inspiriert. Das kommt
nur aus dem Inneren." Darin will David Lynch sein liebstes Reiseziel, die Quelle
des Bewusstseins, wiedererkennen: "Man könnte wohl sagen, dass die
transzendentale Meditation, das Eintauchen in die innere Tiefe zur Erweiterung
des Bewusstseins, ein ähnlicher Prozess ist." Die Tauchgänge ins Meer des
Kreativen zeitigte eine bunte Projektpalette: etwa Roboter, die selbstständig
Sprache entwickeln. Ein Screen, der den Besucher zum Ersinnen einer Gleichung
animiert, die rechts vom Ist-Zeichen die Zahl 2011 ergibt.
Dem Netzwerkcharakter vom "schönen Anders-Ort" zum Trotz darf das große
Denkkonvolut des russischen, 1981 nach Frankreich emigrierten Mathematikers
Misha Gromov als Gravitationszentrum des Projekts gelten. Der 68-Jährige hat
sich durch seine Beschäftigung mit der riemannschen Geometrie und der
geometrischen Gruppentheorie im illustren Stamm der forschenden Mathematiker
seinen Platz definiert.
Chaos und Symmetrie
Seine "Vier Mysterien der Welt" (aus: The Unravelers, Mathematical Snapshots
2008) und die damit verbundene "Bibliothek der Mysterien" dürfen als eine Art
Welterklärungsmaschine gelten. Das erste Mysterium der Welt sei die Natur der
physikalischen Gesetze, die Struktur der physikalischen Masse, insbesondere
ihrer Symmetrie. Das zweite Mysterium sei das Leben, das sich aus der Struktur
der physikalischen Massen entwickelt und exponentiell viele mögliche
Ausformungen hat. Das dritte Mysterium sei die Funktion einer zufällig
entstandenen, scheinbar amorphen Masse organischer Substanz namens Gehirn. Das
vierte Mysterium, quasi die Ultima Ratio, wäre dann die mathematische Struktur.
Wie und wann sie auftaucht, wie die Mathematiker sie formen und wie es dem Hirn
gelingt, sie aus dem Chaos der Eindrücke von außen zu erschaffen. Dieses
darzustellen unternahm David Lynch in einer multimedialen Installation.
Trotz der neuen Freundschaft: Mathematiker wird aus Lynch keiner. "Ich bin
froh, wenn ich weiß, wie lange der Holzstock ist, den ich für meine Arbeit
brauche. Das ist mir Mathematik genug." (DER STANDARD, Printausgabe, 02.11.2011)