Moralisch ist das eine Asymmetrie

1. November 2011, 18:33
posten

Der diesjährige Wissenschaftstag am Semmering hatte einen Dauerbrenner zum Thema: Migration - Experten diskutierten über Rechtslage, Identitätskrisen und Bildung der Zuwanderer

"Fachkräftemangel" ist eines der Worte, die der Wirtschaftswissenschafter Klaus F. Zimmermann aus Bonn besonders häufig verwendet. Bei jeder Gelegenheit betont er, dass es ihn gebe - und dass er von Staaten wie Deutschland und Österreich selbst verschuldet sei. In beiden Fällen habe nämlich auch die Strategie, den eigenen Arbeitsmarkt erst sieben Jahre nach der EU-Osterweiterung für die neuen Mitgliedsstaaten zu öffnen, die Situation verschärft, sagte er zuletzt beim Wissenschaftstag am Semmering.

Das sei eine "Abschottungspolitik" mit negativen Folgen gewesen. Die Fachkräfte hätten sich für andere Staaten entschieden, die die Grenzen sofort öffneten: zum Beispiel für Großbritannien, wo eine Zwischenbilanz zeige, "dass sich von Politikern geschürte Ängste als unbegründet erwiesen haben": Sozialstaatliche Leistungen seien von Zuwanderern keineswegs häufiger in Anspruch genommen worden als von Einheimischen.

Seit 1989 lädt die Österreichische Forschungsgemeinschaft internationale Experten einmal im Jahr zu einer Tagung unter einem thematischen Schwerpunkt. Dieses Mal hat man sich für den Dauerbrenner "Migration" entschieden. Besucher bekamen dabei nicht nur bekannte Position zur aktuellen Diskussion zu hören, und es sollte angeregt werden, Vergleiche zu ziehen. Der Historiker Walter Pohl erzählte zum Beispiel, das Römische Reich habe seine wirtschaftliche Blütezeit auch der Lenkung von Migration zu verdanken. Der Paläogenetiker Johannes Krause, der in Deutschland spätestens seit der Entschlüsselung der Pest-DNA als Jungstar gehandelt wird, wusste offenbar nicht recht, warum er zum Thema sprechen sollte - obwohl alle Menschen aus seiner Sicht Migranten seien, da sie vom afrikanischen Kontinent abstammen. Alles schon einmal da gewesen.

Eine Frage der Identität

Der thematische Sprung zu den weiteren Vorträgen glich dennoch einer Zeitreise: Die US-Psychologin Jean Phinney berichtete zum Beispiel von Studien über die Gefühle von jungen Migranten und Migrantinnen und ihre Selbstzweifel - am Beispiel Mexikaner in den USA. Wer bin ich? Wer will ich sein? Wo gehöre ich hin? Welche Werte sind mir wichtig? Derlei Fragen stellen sich die Zuwanderer im Regelfall, sagte Phinney, und bewegen sich dabei zwischen einer ethnischen und einer nationalen Identität. Die ethnische bleibe auch während des Aufenthaltes stark, die nationale werde stärker beeinflusst von den Erfahrungen als Migrant.

Der Politikwissenschafter Rainer Bauböck vom European University Institute in Florenz lud ein, über die "moralische Asymmetrie" zwischen einem unbeschränkten Auswanderungsrecht und einem nicht existierenden Einwanderungsrecht nachzudenken. Und schlug Möglichkeiten vor, wie man sie, theoretisch, ausgleichen könnte: durch Vereinbarungen zwischen Staaten, regional und innerhalb ihrer Grenzen wie in der EU Zuwanderung zu ermöglichen. Und durch mehrfache Staatsbürgerschaft. Der Realist Bauböck ergänzte aber gleich: "Wir werden jetzt nicht beginnen, Reisepässe auszuteilen."

Sprachliche Weiterbildung

Bevölkerungsexperte Wolfgang Lutz schließlich führte wieder einmal die Diskussion über die Qualifikation der Migranten. Der Staat müsse jenen Zuwanderern, die bereits da sind, mehr Bildungschancen geben und nicht allein auf neu hinzukommende Fachkräfte hoffen. Zimmermann hatte zuvor den Fachkräftezuzug als Möglichkeit angepriesen, die Arbeitslosigkeit unter Migranten zu reduzieren: Jeder Erwerbstätige mit einer entsprechenden Ausbildung würde die Nachfrage nach drei geringer qualifizierten Kräften nach sich ziehen, rechnete der Wirtschaftswissenschafter dem Publikum am Semmering vor.

Lutz forderte vor allem sprachliche Weiterbildung. Derzeit sei in Wien die Situation wenig erbaulich - und werde von Beobachtern als Zweiklassengesellschaft wahrgenommen: die U1-Migranten, die möglicherweise in der Uno City arbeiten und Englisch sprechen, und die U6-Migranten, die zu einem Großteil schlechte Deutschkenntnisse aufweisen. (DER STANDARD, Printausgabe, 02.11.2011)

  • Otto Neuraths Figuren - als von vielen Ländern durchmischte Bevölkerungsgruppe.
    illustration: köck

    Otto Neuraths Figuren - als von vielen Ländern durchmischte Bevölkerungsgruppe.

Share if you care.