Griechischer Umschwung belastet Italien

1. November 2011, 18:12
10 Postings

Zinslast klettert wieder auf Rekordniveau - Ferrari-Chef Montezemolo drängt auf Berlusconi-Rücktritt

Die Mailänder Börse hat ihr Urteil gefällt: Sie reagierte mit massiven Verlusten auf das Versprechen der Regierung an die EU Partner, Strukturreformen zügig voranzutreiben und bis 2013 einen Haushaltsausgleich zu erreichen. Investoren machten damit deutlich, was sie von der Fähigkeit der Regierung halten, das Land vor dem Gröbsten zu bewahren - nämlich nicht viel. Nachdem der Aktienindex FTSE Italia All Share bereits am Freitag um über ein Prozent nachgab, verzeichnete er zu Wochenbeginn ein Minus von über zehn Prozent. Am Dienstag wurden Banktitel wie etwa UniCredit und Intesa Sanpaolo infolge massiver Kursverlusten zeitweise vom Börsenhandel ausgesetzt.

Nicht nur die von der Regierung angekündigten Sparmaßnahmen wurden an der Piazza Affari, wie die Mailänder Börse genannt wird, negativ quittiert. Die Griechenland-Volksabstimmung hat am Dienstag der Börse einen vernichtenden Schlag erteilt. "Um die Spekulation an den Märkten zu beruhigen, benötigen wir stärkere und positive Signale", meint Nationalökonom Tito Boeri. Diese bleiben derzeit in Mailand aus. Die finanz- und wirtschaftspolitischen Eskapaden des Regierungschefs Silvio Berlusconi, seine Kritik am Euro, werfen weitere Schatten auf den Finanzmarkt. Für zehnjährige Staatsanleihen muss Italien aktuell wieder deutlich über sechs Prozent Zinsen bieten. Der Risikoaufschlag gegenüber deutschen Anleihen erreichte den höchsten Stand seit 1999. Die EZB musste auch in den letzten Oktobertagen beim Verkauf italienischer Staatspapiere intervenieren.

Zinsschulden

Laut dem im Frühjahr präsentierten mittelfristige Finanzplanung werden Roms Zinsschulden innerhalb von drei Jahren auf 100 Mrd. Euro anwachsen - gegenüber 76 Mrd. Euro im laufenden Jahr. Im Finanzministerium werden bereits Befürchtungen laut, dass - sollten die von Berlusconi versprochenen Reformen nicht zügig umgesetzt werden - die Zinslast weiter rapide zunehmen wird. Im kommenden Jahr ist die Rückzahlung von Staatspapieren im Wert von 290 Mrd. Euro fällig.

Zwar zeichnen sich in Italien inzwischen Alternativlösungen ab, diese wurden aber bislang noch nicht von Staatspräsident Giorgio Napolitano abgesegnet. Ferrari-Chef und Ex-Confindustria Präsident Luca di Montezemolo hatte zu Wochenbeginn für eine Übergangsregierung plädiert und erstmals konkrete Maßnahmen genannt: Schnitte der politischen Ausgaben, Einführung der Reichensteuer, Abschaffung der Frührenten und Liberalisierungsmaßnahmen.

Die politischen Zentrumsparteien mit einem Stimmanteil von derzeit rund zehn Prozent haben Montezemolos Programm gutgeheißen. Die Opposition forderte Staatspräsident Napolitano neuerlich auf, Berlusconis Kabinett sofort abzuberufen. (Thesy Kness Bastaroli aus Mailand, DER STANDARD, Printausgabe, 2.11.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Als Gentleman macht Ferrari-Chef Luca di Montezemolo Silvio Berlusconi die Tür auf, eigentlich will er seinen Abgang.

Share if you care.